Der Fehmaraner, der gegen Muhammad Ali kämpfte

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Der Fehmaraner, der gegen Muhammad Ali kämpfte

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Der auf der Insel geborene Boxer Jürgen Blin feierte am 24. April seinen 65. Geburtstag

Am 26. Dezember 1971 kämpfte Jürgen Blin (l.) in Zürich gegen Muhammad Ali.

Von Marcus Christoph

FEHMARN • „Man kann etwas erreichen, wenn man will.“ Den Satz sagt jemand, der es vorgemacht hat: Jürgen Blin. Seine Geschichte ist der Aufstieg eines Mannes, der sich im wahrsten Sinne nach oben boxte. Fleiß, Kraft und Willen führten ihn zum Europameistertitel im Schwergewicht. 1971 kämpfte er sogar gegen Muhammad Ali, dem er immerhin bis zur siebten Runde Paroli bot. Der ehemalige Boxer, der in Burg auf Fehmarn das Licht der Welt erblickte, feierte am 24. April seinen 65. Geburtstag. „Ich wollte raus aus dem Dreck“, blickt Blin zurück. Denn die Verhältnisse, aus denen er stammte, waren ausgesprochen schwierig. Sein Vater arbeitete als Melker, doch aufgrund von Alkoholproblemen musste dieser immer wieder den Arbeitsort wechseln. Auf Fehmarn war die Familie so nur zwei Jahre. Weitere Stationen in Blins Kindheit waren Eutin, Scharbeutz, Reinfeld und Großensee. Oft musste er morgens zum Melken in den Kuhstall. In der Schule wollte dann niemand neben ihm sitzen, „da ich nach Kuhmist stank“, erinnert sich Blin noch heute genau. „Es war schon Schindluder, was meine Eltern mit mir gemacht haben.“ Im Alter von 14 Jahren hat er die Schnauze voll. Er geht auf eigene Faust nach Hamburg und heuert auf einem Erzschiff an. „Ich weiß gar nicht, wie ich das geschafft habe“, ist Blin noch heute verwundert über seinen Mut in jungen Jahren. Er fuhr als Schiffsjunge nach Norwegen, Liberia und Neufundland. In Hamburg lernte er dann den Fleischer Walter Reichler kennen. Der bot ihm Ausbildung und Unterkunft an. Gegenüber der Schlachterei befand sich die Boxschule des BSC Heroes Hamburg, und Blin entdeckte hier seine Bestimmung. „Mit Kraft und Willen“ arbeitete er sich empor. Er wird Hamburger Meister, dann – 1964 – Deutscher Amateurmeister im Schwergewicht. Im selben Jahr wechselte er ins Profigeschäft. Im Jahr 1968 errang er im dritten Anlauf durch einen Punktsieg über Gerhard Zech den deutschen Meistertitel, musste diesen aber sechs Monate später bei der ersten Titelverteidigung wieder abgeben. Ähnlich verlief es auf europäischer Ebene. Auch hier musste er in den Entscheidungskämpfen erst zwei Niederlagen hinnehmen (1970 gegen den Spanier José Manuel Urtain und 1971 gegen den Australier Joe Bugner), ehe er im Juni 1972 mit einem Sieg über Urtain doch noch europäischer Champion wurde. Doch auch diesen Titel büßte er bei der ersten Verteidigung wieder ein (Niederlage gegen Bugner). Der Kampf gegen Ali fand am 26. Dezember 1971 im Hallenstadion von Zürich statt und diente als WM-Ausscheidungskampf. Der Sieger sollte auf Joe Frazier treffen, der Ali wenige Monate zuvor bezwungen hatte. Blin machte bei dem Duell in der Schweiz durchaus eine respektable Figur und drängte Ali mehrmals in die Defensive. „Zuerst hatte ich schon ein bisschen Angst vor dem großen Namen. Aber wenn erst einmal der Gong ertönt, dann heißt es friss oder stirb“, so Blin, der für den Kampf eine Gage von 180 000 DM erhielt. Nach einem Treffer in der siebten Runde ging er auf die Bretter. Vom Gegner gab es seinerzeit Lob: „Ich muss zugeben, ich habe Blin unterschätzt. Er überraschte mich mit seinem Kampfgeist. Er hat mich zweimal getroffen“, wird Ali am 28. Dezember 1971 im FT zitiert. Heute haben die beiden Boxer ein herzliches Verhältnis.

Zuletzt haben sie sich im vorletzten Jahr gesehen, als Ali in Deutschland war. „Er war ein echter Champion. Leider hat er gesundheitlich stark abgebaut“, so Blin über den Jahrhundertboxer. (Auf unserer Homepage kann man übrigens einige Szenen des Kampfes sehen.) Blins Boxkarriere endete mit einer K.o.-Schlappe gegen Ron Lyle (USA) Ende 1973. „Nach dem Europatitel war bei mir die Luft raus. Ich war nervlich kaputt“, analysiert Blin im Rückblick. Insgesamt bestritt der Fehmaraner in seiner Laufbahn 48 Profi-Kämpfe, von denen er 31 (neun durch K.o.) gewann, elf verlor und sechs remis beendete. Den größten Teil seiner Karriere boxte der Linksausleger mit weniger als 90 Kilo Gewicht, was nach heutigen Maßstäben in der Cruisergewichtsklasse einzuordnen wäre. Damals hatte es zur Folge, dass Blin meist gegen Gegner anzutreten hatte, die größer und schwerer waren als er. Nach seinem Ausscheiden aus dem Boxgeschäft machte Blin in Hamburg ein Imbissgeschäft auf. Heute betreibt er im Hauptbahnhof der Hansestadt eine „Bier- und Snackbar“. An den Wänden der kleinen Gaststätte, an deren Theke Blin Bier zapft, erinnern Bilder an seine Glanzzeiten im Ring. Mehrere zeigen den Fehmaraner mit Ali – beim Kampf und bei späteren Treffen. Harte Schläge musste Blin nicht nur im Ring, sondern auch im Privaten hinnehmen. Erst eine Scheidung, in deren Folge er viel Geld verlor. Und dann vor allem der Selbstmord von Knut, einem seiner drei Söhne. Dieser war wie der Vater Profiboxer und gewann 1990 immerhin die Internationale Deutsche Meisterschaft. Doch er litt an Depressionen und stürzte sich 2004 im Alter von 35 Jahren aus dem zwölften Stock einer psychiatrischen Klinik am Bodensee. „Die Krankheit war in ihm drin. Wir konnten ihm nicht helfen“, so Blin. Diese Tragödie dürfte der Hintergrund gewesen sein, dass ARD-Moderator Waldemar Hartmann im Januar letzten Jahres bei der Anmoderation eines WM-Kampfes von Nikolai Walujew vor einem Millionen-Publikum irrtümlicherweise Jürgen Blin für tot erklärte.

„Auch nach Rückschlägen weitermachen“

Dass man auch nach schweren Rückschlägen immer wieder aufstehen muss, das gehört zu den Dingen, die Blin derzeit bei einem Projekt in Hamburg-Jenfeld Jugendlichen aus sozial schwierigen Verhältnissen vermitteln will. Hier, in den Räumen der kirchlichen Kindertagesstätte „Arche“, gibt er seit gut einem Dreivierteljahr ehrenamtlich Boxunterricht. „Ich will auch etwas zurückgeben“, schließlich sei auch er einst von ganz unten gekommen. „Ich kann gut mit jungen Leuten.“ Am liebsten würde er jemanden aus dem Nachwuchs zum Erfolgsboxer aufbauen. Aber dafür bedürfe es enormer Willensstärke und der Bereitschaft, sich zu quälen. Und die finde man heutzutage nicht mehr oft. Auf seiner Heimatinsel Fehmarn ist Blin schon einige Zeit nicht mehr gewesen. Das war in den Siebzigern noch anders, als er mehrmals Familienurlaub am Burger Südstrand machte. Erinnern kann er sich an einen Empfang, den der damalige Kurdirektor Hans-Peter Wohlgehagen für ihn in Burgtiefe gab. Seinen Geburtstag feierte Blin, der mit seiner Lebensgefährtin in Hamburg- Boberg lebt, im kleinen Kreis.

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