Von Marcus Christoph
Zuletzt haben sie sich im vorletzten Jahr gesehen, als Ali in Deutschland war. „Er war ein echter Champion. Leider hat er gesundheitlich stark abgebaut“, so Blin über den Jahrhundertboxer. (Auf unserer Homepage kann man übrigens einige Szenen des Kampfes sehen.) Blins Boxkarriere endete mit einer K.o.-Schlappe gegen Ron Lyle (USA) Ende 1973. „Nach dem Europatitel war bei mir die Luft raus. Ich war nervlich kaputt“, analysiert Blin im Rückblick. Insgesamt bestritt der Fehmaraner in seiner Laufbahn 48 Profi-Kämpfe, von denen er 31 (neun durch K.o.) gewann, elf verlor und sechs remis beendete. Den größten Teil seiner Karriere boxte der Linksausleger mit weniger als 90 Kilo Gewicht, was nach heutigen Maßstäben in der Cruisergewichtsklasse einzuordnen wäre. Damals hatte es zur Folge, dass Blin meist gegen Gegner anzutreten hatte, die größer und schwerer waren als er. Nach seinem Ausscheiden aus dem Boxgeschäft machte Blin in Hamburg ein Imbissgeschäft auf. Heute betreibt er im Hauptbahnhof der Hansestadt eine „Bier- und Snackbar“. An den Wänden der kleinen Gaststätte, an deren Theke Blin Bier zapft, erinnern Bilder an seine Glanzzeiten im Ring. Mehrere zeigen den Fehmaraner mit Ali – beim Kampf und bei späteren Treffen. Harte Schläge musste Blin nicht nur im Ring, sondern auch im Privaten hinnehmen. Erst eine Scheidung, in deren Folge er viel Geld verlor. Und dann vor allem der Selbstmord von Knut, einem seiner drei Söhne. Dieser war wie der Vater Profiboxer und gewann 1990 immerhin die Internationale Deutsche Meisterschaft. Doch er litt an Depressionen und stürzte sich 2004 im Alter von 35 Jahren aus dem zwölften Stock einer psychiatrischen Klinik am Bodensee. „Die Krankheit war in ihm drin. Wir konnten ihm nicht helfen“, so Blin. Diese Tragödie dürfte der Hintergrund gewesen sein, dass ARD-Moderator Waldemar Hartmann im Januar letzten Jahres bei der Anmoderation eines WM-Kampfes von Nikolai Walujew vor einem Millionen-Publikum irrtümlicherweise Jürgen Blin für tot erklärte.
„Auch nach Rückschlägen weitermachen“
Dass man auch nach schweren Rückschlägen immer wieder aufstehen muss, das gehört zu den Dingen, die Blin derzeit bei einem Projekt in Hamburg-Jenfeld Jugendlichen aus sozial schwierigen Verhältnissen vermitteln will. Hier, in den Räumen der kirchlichen Kindertagesstätte „Arche“, gibt er seit gut einem Dreivierteljahr ehrenamtlich Boxunterricht. „Ich will auch etwas zurückgeben“, schließlich sei auch er einst von ganz unten gekommen. „Ich kann gut mit jungen Leuten.“ Am liebsten würde er jemanden aus dem Nachwuchs zum Erfolgsboxer aufbauen. Aber dafür bedürfe es enormer Willensstärke und der Bereitschaft, sich zu quälen. Und die finde man heutzutage nicht mehr oft. Auf seiner Heimatinsel Fehmarn ist Blin schon einige Zeit nicht mehr gewesen. Das war in den Siebzigern noch anders, als er mehrmals Familienurlaub am Burger Südstrand machte. Erinnern kann er sich an einen Empfang, den der damalige Kurdirektor Hans-Peter Wohlgehagen für ihn in Burgtiefe gab. Seinen Geburtstag feierte Blin, der mit seiner Lebensgefährtin in Hamburg- Boberg lebt, im kleinen Kreis.




