Zwei deutsche Frauen in Nidden – Schicksale in schwieriger Heimat

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    • 24.02.10
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Zwei deutsche Frauen in Nidden – Schicksale in schwieriger Heimat

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Zwischen Kriegswirren, Sowjetherrschaft und litauischer Unabhängigkeitserklärung

Die beiden Deutschstämmigen Christel Tepperis (links) und Renate Gleikina – hier am Grab von Christels Familie – pflegen den alten Friedhof in ihrem Heimatort Nida/Nidden.

Von Marcus Christoph aus Neringa; erschienen im FT am 10. April 2002

NERINGA • Auch wenn die deutsche Geschichte der Kurischen Nehrung spätestens zur Jahreswende 1944/45 mit der von der „Wehrmacht“ angeordneten Evakuierung der Bevölkerung vor der heranrückenden „Roten Armee“ endete, so gibt es doch noch einige wenige deutschstämmige Bewohner in Nida (damals Nidden), die trotz aller Verwerfungen der Geschichte bis zum heutigen Tage in ihrem Heimatort leben. Zu den insgesamt noch sechs verbliebenen rechnen Christel Tepperis, geborene Sakuth (Jahrgang 1938) und Renate Gleikina, geborene Peleikis (Jahrgang 1940). In Christels Wohnung erzählen die beiden Frauen von ihrem so bewegten und oftmals schwierigen Leben, ihnen zuzuhören war ergreifend. Das Leben von Christel und Renate erzählt viel über die deutsche Geschichte und auch über unsere Partnergemeinde Neringa auf der Kurischen Nehrung: Zunächst hatten sich die Familien der beiden ebenso wie die insgeamt rund 700 Bewohner des damaligen Nidden zu Beginn des letzten Kriegsjahres auf den Weg gen Westen gemacht.

Doch sie kamen nur bis zum am südlichen Ende der Nehrung gelegenen Cranz. Inmitten der den rettenden Häfen zuströmenden Menschen verloren sich Christel Tepperis und der mit ihr flüchtende Onkel, den sie „Opa Pietsch“ nannte, aus den Augen. (Christels Vater war als Soldat im Krieg und ihre Mutter arbeitete in einer Munitionsfabrik weiter südlich in Ostpreußen.) Ehe sich Onkel und Nichte wieder trafen, waren sie von den Sowjets eingeschlossen. Wie acht weitere Niddener, unter ihnen Renate Peleikis mit ihren Großeltern, ihren beiden Geschwistern Walter und Hannelore sowie der todkranken, vergewaltigten Mutter, wurden sie von den Rotarmisten in besagtem Cranz gestellt. Bei der Gefangennahme wollten die Soldaten die von der Familie Sakuth mitgenommene Kuh erschießen. Bei dem Versuch, sich schützend vor das Tier zu stellen, wurde „Opa Pietsch“ von einer Kugel an der Schulter verletzt. Erste Station der Gefangenen war Labiau, wo sie für die Sowjets arbeiten sollten. Der Ort ist am Fluss Deime gelegen, der in das südliche Kurische Haff mündet. Als die Großväter hier einen Kahn entdeckten, fassten sie den Entschluss, die Flucht zurück in ihren Heimatort zu wagen. Sie reparierten heimlich das Gerät und machten sich buchstäblich bei Nacht und Nebel auf den Weg. Zwar bemerkten die Rotarmisten das Vorhaben, aber aufgrund des Nebels verfehlten ihre Gewehrkugeln das Ziel. Die Flüchtenden erreichten das Haff und kamen nach mehreren Stationen im März ‘45 als erste der ehemaligen Bewohner in Nidden an. Hier hatte sich vieles verändert: In den entvölkerten Ort war nun sowjetisches Militär (50 Offiziere und 400 Soldaten) gekommen. Die Wohnhäuser von Christels und Renates Familien wurden nun als Kommandantur beziehungsweise als Pferdestall genutzt. Die Sowjets teilten den Heimkehrern zunächst mit, nur eine Woche in Nidden bleiben zu können. Die Militärs änderten jedoch ihre Haltung, als die Familien kurz darauf begannen, im Haff zu fischen: Um die Versorgung der Truppe sicherzustellen, durften die Deutschen bleiben. Die Rotarmisten erteilten ihnen den Auftrag, einen Großteil der Fischerträge auf dem Markt in Memel (heute Klaipeda) zu verkaufen. Von dem Erlös sollten sie für die Armee Speck, Eier und – nicht zuletzt – Wodka erwerben. Von dem Restgeld konnten die Familien ihren Lebensunterhalt bestreiten.

In den folgenden zwei Jahren konnten weitere 20 Niddener Familien in ihren Heimatort zurückkehren. Arbeit fanden sie zumeist bei der neugegründeten Fischerei-Kolchose. Christel und Renate haben diese Jahre als besonders hart in Erinnerung: „Wir haben sogar Krähen gefangen, um etwas im Magen zu haben.“ Ab 1947 siedelten die Behörden auch russische Familien in Nidden an. Richtig brenzlig wurde es in den Jahren 1948 und ‘49. Aus dem fernen Moskau befahl die Sowjet-Führung, die Deutschen nach Sibirien zu deportieren. Auch Renate, ihr Großvater und die beiden Geschwister (Mutter und Großmutter waren bald nach Kriegsende gestorben) mussten sich für den Abtransport bereitmachen. Als die Koffer schon gepackt waren, wurden sie von der Aktion ausgespart. Weshalb sich das Schicksal zum Guten wendete, ist bis heute unklar; vielleicht geschah es mit Rücksicht auf die Kinder, vielleicht gab es aber auch einen Fürsprecher in den Sowjet-Behörden. Andere Fischer wurden zwar zunächst deportiert, kamen aber in Klaipeda (Memel) wieder frei. Insgesamt verschwanden nur zwei deutschstämmige Niddener im Zuge der Abtransporte. In den Folgejahren änderte sich das Leben in Nidden: Anfang der Fünfziger Jahre rückte das Militär weitgehend ab, und eine Fischfabrik entstand. In dieser Zeit (1952) wurden hier auch Litauer, die zuvor am Memel-Fluss bei Tilsit lebten, angesiedelt. Weitere Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur ergaben sich Mitte der Fünfziger, als nach Adenauers Moskau-Reise (1955) Familienzusammenführungen möglich wurden, und mehrere deutschstämmige Niddener zu ihren Verwandten nach Deutschland auswandern konnten. Renates Vater, der nach dem Krieg in Cuxhaven lebte, lehnte es jedoch ab, die Kinder zu sich holen. Christel, deren Mutter in der Bundesrepublik lebte, blieb in Nidden, da sie den Nachnamen ihres Onkels führte, und die Behörden so nicht auf sie aufmerksam wurden. Nach dem Tod von „Opa Pietsch“ (1954) und seiner Frau (1958) war Christel auf sich allein gestellt.

Renate Gleikina kommt in der Film-Doku „Kurische Nehrung“ zu Wort

1960, als der nördliche, zur litauischen SSR rechnende Teil der Kurischen Nehrung und somit auch Nidden zum Tourismus-Gebiet erklärt wurde, verschob sich das Bevölkerungsverhältnis weiter zu Gunsten der Litauer: Die meisten russischen Bewohner wurden nun auf dem südlichen Nehrungsabschnitt, der zur russischen SSR gehörte, angesiedelt. Christel und Renate hatten sich den jeweiligen Bedingungen anzupassen, was angesichts durch den Krieg entstandener Vorurteile oft schwierig war: „Für viele galten wir als `deutsche Faschisten´.“ Die beiden arbeiteten in der Fischfabrik oder wurden bei Aufforstungsarbeiten eingesetzt. Später war Christel in der Gastronomie und im Tourismus tätig. Renate verdiente ihr Geld als Putzkraft in einem Erholungsheim für kommunistische Funktionäre. Noch heute schiebt sie im Winter auf den Wegen Niddens Schnee. Sprachlich färbte die Umgebung stark auf die beiden Frauen, die stets befreundet blieben, ab, unterhielten sie sich doch auch untereinander im Laufe der Zeit nur noch auf litauisch. In ihrem Pass wurde Renate als Sowjetbürgerin mit litauischer Nationalität bezeichnet. Der Nachname lautete jetzt litauisch Perleikyte. Christel hingegen wurde in ihrem Sowjet-Pass noch als Deutsche geführt. 1959 war das Jahr Christels erster Heirat. Aus der Ehe mit einem litauischen Fischer gingen ein Sohn und eine Tochter hervor. Heute ist sie fünffache Großmutter und einmal sogar Urgroßmutter. Renate heiratete 1961 den russischen Marinesoldaten Boris Gleikina und brachte einen Sohn und eine Tochter zur Welt. Boris und Renate Gleikina, deren Ehe noch heute Bestand hat, können sich zudem über ein Enkelkind freuen. Beide Frauen mussten lange warten, Verwandte in der Bundesrepublik besuchen zu können. So traf Christel ihre Mutter erst 1972 wieder, musste dann aber zehn Jahre warten, ehe sie erneut eine Reisegenehmigung erhielt. Renate begegnete ihrem Vater in Deutschland erst 1989.

Pflege des alten Friedhofs in Nida

Die politische Wende 1991, als Litauen seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion erkämpfte, brachte auch für Renate und Christel neue Freiheiten. So ist es seitdem kein Problem mehr, deutsch zu sprechen oder sich ganz allgemein der deutschen Herkunft zu erinnern. Hierzu rechnet die Pflege des alten Friedhofs, auf dem noch deutsche Gräber stehen. Diese Arbeit verrichten beide Frauen gemeinsam. Christel ist zudem im Vorstand der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde von Nidden/Nida. Für Christel brachten die Neunziger Jahre noch eine Veränderung ganz besonderer Art: 1996 lernte sie den Kieler Heinz-Werner Tepperis kennen. Tepperis, dessen Vorfahren aus Ostpreußen stammten, war aus touristischen Gründen in Nida und bezog bei Christel Quartier. Seinem ersten Besuch folgte bald ein zweiter und die Dinge nahmen ihren Lauf. 1998 heirateten beide. Heute leben sie während der Sommermonate in Nida und im Winter in Kiel. Renate Glaikina war kürzlich auch auf deutschen Kino-Leinwänden zu sehen: In der Dokumentation „Kurische Nehrung“ des Filmemachers Volker Koepp erzählt die Niddenerin aus ihrem Leben.

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