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Der Mythos des Rebellen lebt weiter

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"Ruta del Che": Auch 40 Jahre nach seinem Tod ist Che Guevara nicht vergessen

© Christoph

Denkmal für Che Guevara in La Higuera, dem Ort seiner Exekution.

Von Marcus Christoph aus Bolivien, erschienen im FT am 18. August 2007

VALLEGRANDE • Für Che Guevara war es am Ende ein auswegloses Unterfangen. Zusehends waren er und seine Guerilleros nur noch auf der Flucht vor der bolivianischen Armee. In den östlichen Anden, in einer Schlucht nahe der kleinen Ortschaft La Higuera, endete damals, vor knapp 40 Jahren, schließlich die letzte Donquijotterie des Mannes, der weltweit zum Inbegriff für Revolution geworden ist. Erschöpft und ausgezehrt wurde Guevara (39) gefangen genommen und ohne Gerichtsverhandlung von den Militärs exekutiert. Es war die Geburtsstunde eines Märtyrermythos für Linke in der ganzen Welt, der bis heute Strahlkraft besitzt. Zusehends kommen Touristen aus aller Welt, um die Orte zu besichtigen, an denen sich das dramatische Geschehen im Oktober 1967 abspielte.

Erinnerung wachhalten

„Che hat uns noch viel zu sagen“, meint Anastasio Kohmann (63). Der ehemalige Franziskaner-Missionar und Anhänger der Befreiungstheologie lebt seit 30 Jahren in Vallegrande. Hier wurde seinerzeit der Leichnam des Che in einem Waschhaus zur Schau gestellt und dessen sterbliche Überreste nahe einer Fluglandebahn für knapp 30 Jahre verscharrt. Kohmann engagiert sich vor Ort für die Che Guevara-Fundacion, die jährlich die Gedenkveranstaltungen anlässlich des Todestages des Guerilleros am 9. Oktober organisiert. In diesem Jahr zum 40. wird sogar Boliviens Präsident Evo Morales erwartet. Dabei geht es nicht nur um historische Erinnerung, sondern auch darum, das Gedankengut des Revolutionärs stetig zu aktualisieren und auf die Gegenwart anzuwenden. Ansatzpunkte dafür gebe es genug, meint Kohmann. Denn gerade im Bemühen um eine Allianz der lateinamerikanischen Staaten eigne sich das Wirken des Che als Vorbild. Schließlich habe dieser als gebürtiger Argentinier übernational gedacht und in verschiedenen Ländern des Kontinents gegen soziale Ungerechtigkeit gekämpft. „Keine Weltmacht hat Che für sich vereinnahmen können“, so Kohmann über den eigenwilligen Südamerikaner. „Die Sowjetunion hat zwar versagt, aber deshalb muss eine sozialere Welt nicht unmöglich sein.“ Guevara habe in seiner Zeit als Industrieminister in Kuba Wege für ein gerechteres Wirtschaftssystem aufgezeigt. Diese könnten gerade in Zeiten einer vermeintlich alternativlosen „wilden Marktwirtschaft“ als Orientierung dienen. Mit dem bewaffneten Kampf, den Guevara praktizierte, hat Kohmann als ehemaliger christlicher Missionar keine ethischen Probleme: „In bestimmten Situationen ist das legitim. Wie vielen könnte es heute in Bolivien besser gehen, hätte Che damals Erfolg gehabt?“, fragt er rhetorisch.

Lange Zeit ein Tabu

Über Che Guevara zu sprechen, war in dem 6000 Einwohner zählenden Vallegrande lange Zeit tabu. „In den ersten zehn Jahren war es fast unheimlich“, erinnert sich Kohmann. Erst ganz allmählich traute man sich, über das Geschehen zu reden. 1992 gab es eine erste größere Gedenkveranstaltung der Che Guevara-Fundacion. Mitte der Neunziger war Vallegrande schließlich im „Belagerungszustand“, nachdem durchgesickert war, wo die Gebeine des Che vergraben sein könnten. Das war bis dahin Staatsgeheimnis. Suchtrupps aus Argentinien und dann aus Kuba schwangen mehrere Monate die Spitzhacken, ehe die sterblichen Überreste des Revolutionärs gefunden wurden. In Vallegrande geht man inzwischen unbefangen mit der Geschichte um – auch, da man das touristische Potenzial erkannt hat, das in der Sache steckt. Am zentralen Platz des Ortes gibt es in der Casa de la Cultura seit knapp drei Jahren eine ständige Che Guevara-Ausstellung. Hier führt Eva Pena Duran Regie. Sie ist zwar der Meinung, dass Vallegrande mit seinem kolonialen Erbe und der Bergwelt Besuchern auch andere interessante Aspekte biete. Doch das „Zugpferd“ sei ohne Frage Che Guevara. Im letzten Jahr wurden 1571 zahlende Besucher im Museum gezählt, was aber auf jeden Fall noch ausbaufähig sei. Auch andere Orte in Vallegrande erinnern an das Geschehen des Oktober '67: Etwa das Waschhaus des Krankenhauses, wo der Leichnam des Rebellen damals aufgebahrt wurde. Mit kubanischer Hilfe wurde es nun zur Gedenkstätte umfunktioniert - Kuba stellte übrigens auch Ärzte und finanzielle Mittel zur Modernisierung des Krankenhauses bereit. Des Weiteren gibt es in Vallegrande eine Art Mausoleum an der Stelle, an der 1997 die Gebeine des Ches gefunden wurden. Diese wurden allerdings nach ihrem Fund nach Kuba überführt. Fidel Castro ließ sich die günstige Propaganda-Chance nicht entgehen und inszenierte eine pompöse Beisetzung im Mausoleum von Santa Clara. Dort hatte Guevara einst, im Dezember '58, eine wichtige Schlacht gewonnen und somit den Weg der Rebellen nach Havanna geebnet.

"Ches Stern ging unter, als er Kuba verließ"

„Che war ein großer Held in Kuba. Sein leuchtender Stern ging aber in dem Moment aus, als er Kuba verließ“, meint Erich Blössl, in dessen Leben der argentinisch-kubanische Revolutionär tiefe Eindrücke hinterlassen hat. 1967, als die Guerilla-Truppe um Che in den östlichen Andenausläufern die Weltrevolution nach Bolivien tragen wollte, arbeitete der Bayer Blössl als Entwicklungshelfer in Vallegrande. Seinerzeit habe es in der Gegend eigentlich keine große Sympathie für die marxistischen Revolutionäre in Bergen gegeben, meint Blössl im Rückblick. „Die gaben vor, die Bauern befreien zu wollen – aber die Bauern waren frei. Die Rebellen konnten der Bevölkerung nichts bieten.“ Nicht wenige Bewohner von Vallegrande hätten sich freiwillig zur Waffe gemeldet, als das Gerücht umging, die Rebellen wollten die Stadt einnehmen. Unter dem Strich seien sowohl Land wie Zeitpunkt verkehrt für Guevara und seine Ziele gewesen, urteilt Blössl. Denn in Bolivien hätte es unter Präsident Barrientos bereits soziale Reformen gegeben. Der Staatsmann sei volkstümlich und – zumindest bei den Campesinos – sehr beliebt gewesen. Auch die menschenleere Berggegend sei für die Rebellen, von denen viele Nicht-Bolivianer waren, nicht günstig gewesen, so Blössl. „Ich habe nicht verstanden, warum die nicht früher aufgehört haben. Zuletzt waren die nur noch auf der Flucht.“ Das Ende sei absehbar gewesen. Es habe weder Unterstützung durch die Bevölkerung, noch durch die kommunistische Partei Boliviens gegeben. Auch die Hilfe aus Havanna sei schließlich ausgeblieben. Nahe der kleinen Ortschaft La Higuera (auf deutsch Feigenbaum) fiel Comandante Guevara schließlich in die Hände der bolivianischen Militärs, nachdem diese durch Hinweise aus der Bevölkerung die Rebellen ausfindig machen konnten. Ein Spaziergang zu der „El Churo“ genannten Schlucht, an der der Revolutionär in Gefangenschaft geriet, gehört heute zum touristischen Programm der „Ruta del Che“. „Ich fand es schwach von Che, dass er sich ergeben hat - und meiner Meinung nach hat er sich ergeben. Das entsprach nicht seiner Sieg- oder Tod-Philosophie. Er hat wohl nicht damit gerechnet, dass die ihn umbringen werden“, vermutet Blössl. Doch so geschah es. Che Guevara wurde nach seiner Gefangennahme in das kleine Schulgebäude von La Higuera gebracht, anschließend verhört und am Folgetag exekutiert.

"Sein Blick war ungebrochen"

In der Schule ist heute ein kleines Museum zum Thema eingerichtet. Hier kann man auch den Schemel sehen, auf dem Che bei seiner Erschießung gesessen haben soll. Danach wurde sein Leichnam per Helikopter nach Vallegrande transportiert. Hier war Blössl seinerzeit hautnah dabei, als der Körper des toten Che fast einen Tag lang zur Schau gestellt wurde: „Es war unglaublich: Er sah eigentlich nicht wie eine Leiche aus. Es schien, als schaute er mir mit seinen offenen Augen direkt in die Kamera. Sein Blick war ungebrochen.“ Es habe eine Atmosphäre der Neugierde geherrscht. Den ganzen Tag über defilierten Ortsbewohner an dem Leichnam vorbei. Einige schnitten sich Haarlocken vom Haupt des Rebellen ab. Für Blössl war es gleichwohl ein großer Fehler von bolivianischem Militär und CIA, Che umzubringen. „Das war das Blödeste, was man machen konnte. Man hätte ihn einfach als gescheiterten Revolutionär nach Argentinien ausweisen sollen. So aber hat man für einen Märtyrerkult gesorgt.“ Unter dem Strich fällt Blössls Urteil eindeutig aus: „Che war ein verbissener Weltrevolutionär. Seine Idee vom neuen Menschen war illusorisch.“ Dabei hätte Guevara, der gelernte Arzt, den Menschen als Mediziner viel besser helfen können. Aber er sei halt ein Mann der Waffe gewesen, meint Blössl.

Idealist oder Fanatiker?

Wie in Vallegrande scheiden sich weltweit an Che Guevara und seinem Wirken die Geister. Die einen verehren ihn als idealistischen Kämpfer, der für seine Vorstellung von einer besseren Welt bereit war, das eigene Leben zu opfern. Für die anderen war er ein Fanatiker, der zur Durchsetzung realitätsferner Ziele über Leichen ging. Vergessen ist er jedenfalls auch fast 40 Jahre nach seinem Tod bei weitem nicht. Das Konterfei des „linken Popstars“ ist bei Protestdemonstrationen auf Plakaten, T-Shirts und Fahnen präsent. Dass dies so ist, liegt sicherlich – neben seinem konsequenten Weg - auch an dem frühen Tod Guevaras; getreu dem Motto, nur wer früh stirbt, wird unsterblich. So bleibt in der Welt das Bild des jungen und attraktiven Revolutionärs zurück. Ein heute knapp 80-jähriger Che würde sich sehr viel schwerer als Ikone für jugendliche Protestierer eignen können. Über die Umstände, wie das Leben des Berufsrevolutionärs aus Argentinien endete, kann man sich in Vallegrande und La Higuera ein Bild machen. Man empfindet Beklommenheit, wenn man etwa den Schemel sieht, auf dem Che bei seiner Erschießung saß. Die Vision, in Bolivien die Fackel der Revolution für ganz Südamerika zu entzünden – hier endete sie jäh. Doch die Hinrichter unterschätzten die mythenbildende Kraft der Geschehnisse. Die Erinnerung ist in der Abgeschiedenheit der bolivianischen Provinz gegenwärtig, nicht nur an den Gedenkstätten, sondern auch in den Köpfen der Menschen. Derjenigen, die hier leben, und derjenigen, die von weit her anreisen. Der Weg lohnt sich.

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