Superbanner

Licht aus, Sinne an

    • recommendbutton_count100
    • 3
    • 0

Die Ausstellung "Dialog im Dunkeln" vermittelt einen Einblick in die Welt blinder Menschen

Besuchergruppe vor dem Eingang zu den Dunkelräumen.

Von Peter Löbenbrück, erschienen im FT am 17. November 2007

Vorsichtig schiebt sich die siebenköpfige Gruppe dicht gedrängt in den nächsten Raum. Ihn füllt eine ebenso undurchdringbare Dunkelheit wie die anderen zuvor. Es ist laut. Stimmengewirr aus allen Richtungen. Gleich in der Nähe lärmender Straßenverkehr, Autos hupen. Plötzlich ein gellendes Kläffen und Knurren von rechts, das schnell näher kommt. Einige in der Gruppe fahren erschrocken zusammen, was sich durch kleine Rempler bemerkbar macht. Die anderen bleiben erstarrt stehen. Dann ein metallisches Klappern. Anscheinend trennt ein Gitterzaun die wenigen Zentimeter zwischen dem aggressiven Hund und der Gruppe. „Da ist wohl jemand zu weit nach rechts gegangen“, sagt Simone und lacht. „Geht bitte auf meine Stimme zu. Wir erkunden jetzt einen Wochenmarkt.“ Simones Worte erlösen aus der Orientierungslosigkeit. Zu keinem anderen Zeitpunkt wird deutlicher, wie hilflos der sehende Mensch ist, wenn er von jetzt auf gleich ohne sein Augenlicht auskommen muss. Der lichtlose Wochenmarkt ist eines der Szenarien des „Dialogs im Dunkeln“. In dieser Ausstellung, die seit über sechs Jahren in der Hamburger Speicherstadt gastiert, werden die Besucher durch vollkommen abgedunkelte Räume geführt, in denen sie den Alltag von Blinden erfühlen, erriechen, erhören und ertasten können.

Ein Handlauf führt in die Dunkelheit

Am Eingang wartet Lars, ein Sehender, der in die Tour einführt. Keine Uhren, keine Handys, nichts, was Licht erzeugen könnte, darf mitgenommen werden. Er drückt jedem einen Blindenstock in die Hand, der eigentlich Langstock heißt. „Damit tastet ihr den Boden einen Meter vor euch ab. Aber auf keinen Fall in der Luft herumstochern! Ihr werdet schon erwartet.“ Ein Handlauf führt in die Dunkelheit. Als er endet, bleibt der Erste in der Gruppe abrupt stehen. Die Nachkommenden laufen aufeinander auf. Aber niemanden stört das. Im Gegenteil. Der unbekannte Vordermann ist momentan der einzige Bezugspunkt in diesem unheimlichen Schwarz. Daran gewöhnt, alles umsich herum mit einem flüchtigen Blick zu registrieren, fühlt man sich plötzlich seiner Sinne beraubt. Dabei ist es nur einer, aber augenscheinlich der wichtigste. So wird schon die erste kleine Stufe zu einem echten Hindernis. Simone, die blinde Führerin, begrüßt die Gruppe. Nacheinander fragt sie jeden nach dem Namen. Während der ganzen eineinhalbstündigen Führung muss sie das nicht noch einmal machen, weiß anhand der Stimme, ja oft sogar nur aufgrund der Atmung, des Geruchs oder des Gangs, wer da vor ihr steht. Simones Stimme klingt hell, freundlich und jung. Eine ungeheure Sicherheit klingt mit. Der Versuch, sich ein Gesicht vorzustellen, bleibt nicht aus. Ob ihr das auch so geht, fragt einer der Besucher. „Nein. Ich denke nicht mehr in Bildern.“

Wahrnehmungen fügen sich zusammen

Vogelgezwitscher ist zu hören, und ein mysteriöses Rauschen. Der Boden knirscht bei jedem Schritt. Das müsste Kies sein. Die Fußsohlen bestätigen den Verdacht. Ein paar unbeholfene Schritte weiter ändert sich der Boden. Er wird weich, die Füße versinken etwas. Es riecht nach Wald, verrät die Nase. Stimmt, bestätigt die Hand, die tastend ein hohes Hindernis als Baum mit feiner Rinde identifiziert. Dann ist der neue Untergrund bestimmt so etwas wie Rindenmulch. Es geht ein Stück bergauf, ein kühler Luftzug fährt über die Haut. Das Rauschen entpuppt sich als ein Plätschern von Wasser. Die Wahrnehmungen fügen sich zusammen. Ein kleiner Bach fließt hier also. An fließenden Gewässern weht immer ein schwaches Lüftchen, man registriert es jedoch nur beiläufig. In dieser Dunkelheit aber frischt der zarte Reiz zu ungeahnter Intensität auf. „Es kann nichts passieren“, versichert Simone, „hier ist eine Brücke, da müsst ihr rüber. Links und rechts ist ein Geländer.“ Die Worthülse „blindes Vertrauen“ bekommt hier eine neue Qualität. Mit den Langstöcken auf dem Boden herumfuchtelnd und dabei immer wieder auf Hindernisse treffend, was sich in einem unentwegten Klackern ausdrückt, folgt die Gruppe der Stimme. Aber Simone ist schon wieder hinter den Besuchern, um Nachzüglern zu helfen. Sie ist mal hier, mal da, scheint mühelos durch den Raum zu schweben. Die Blinde ist als einzige ohne Langstock unterwegs. Rollentausch. Hier in der Dunkelheit ist sie die Sehende. So unterlegen Blinde in unserem hektischen, auf das Visuelle ausgelegten Alltag sind, so überlegen sind sie hier in der Dunkelheit. Simone ist 38 Jahre alt. Sie ist groß und schlank, dunkelrot gefärbte, schulterlange Locken, Sommersprossen, volle Lippen, die sich sehr oft zu einem sympathischen, breiten Lächeln öffnen. Ihre blau-grünen Augen sehen normal aus, sind weder glasig noch verdreht. Im Gespräch fixieren sie die Augen ihres Gegenübers, scheinen aber durch sie hindurchzublicken.

"Ich habe mich nie krank gefühlt"

Eine seltene Augenkrankheit nahm ihr nach und nach die Sehkraft. Mit zwölf konnte sie auf dem rechten Auge schon fast nichts mehr sehen. Geschockt habe sie das damals nicht. „Ich habe mich nie krank gefühlt und immer versucht, ein normales Leben zu führen“, sagt Simone bestimmt. Mit 27 Jahren erblindete sie vollständig. Ihre Partnerschaft zerbrach. Simone fiel zum ersten Mal in ein tiefes Loch. „Erst jetzt hatte ich meine Krankheit wirklich wahrgenommen, mit den Alltagsproblemen, die sich auftaten. Als ich lernen musste, mit dem Langstock zu gehen, stieß ich an seelische Grenzen.“ Simone redet nicht gerne über diese Zeit. Sie hat sich nie aufgegeben. Sie wurde Diplom-Sozialpädagogin. Über ein Stellenangebot erfuhr sie von dem Projekt „Dialog im Dunklen“, machte erst ein Praktikum und wurde dann übernommen. Seit vier Jahren arbeitet sie in der Hamburger Ausstellung. Die Arbeit bei „Dialog im Dunkeln“ erfüllt Simone, wie sie sagt. „Man lebt in einer Welt, die einem selbst so vertraut, anderen aber völlig fremd ist. Es macht mir sehr viel Spaß, Sehenden einen Einblick in diese Welt zu verschaffen.“ Simone ist eine von 40 Blinden und Sehbehinderten, die in der Ausstellung arbeiten. „Dialog im Dunkeln“, teilfinanziert vom Arbeitsamt, ist damit auch ein Beschäftigungsprojekt für Menschen mit Behinderungen. Und birgt neue Chancen für sie: Fast die Hälfte der ehemals in der Ausstellung Tätigen findet einen Job auf dem freien Arbeitsmarkt.

"Ein anderes Denken"

Die Gruppe ist mittlerweile an den Wochenmarktständen angekommen. Hier gilt es, das Obst und Gemüse durch Fühlen und Riechen zu erkennen. Äpfel und Mohrüben stellen noch keine große Schwierigkeit dar. Anders sieht es zum Beispiel bei Ingwer aus. Da hilft nur Aufbrechen und Nase ran. Noch nie hat etwas so intensiv gerochen. Die letzte Station der Führung: die „Unsicht-Bar“. Die Gruppe muss noch warten, es ist noch keine Sitzecke frei. „Ich guck’ mal, wie lange das noch dauert“, sagt Simone und hält kurz inne, überrascht über ihre eigene Wortwahl. „Das werde ich mir wohl nie abgewöhnen können.“ Sicher bewegt sich keiner der Besucher. Noch immer ist höchste Konzentration erforderlich, die fehlenden optischen Eindrücke auszugleichen. Ein Gast setzt die Cola zu tief an und bekleckert sich. An die Reizüberflutung des Sehsinnes ist man gewöhnt, und viele Reize, die eigentlich das Gehör oder die Nase ansprechen, werden beiläufig weggefiltert, weil man die Quelle im Auge hat. Das Fehlen dieser automatisierten Aussortierung lässt das Hirn rotieren. Deshalb ist Blindsein auch vielmehr als die Abwesenheit von Sehen. Die Datenverarbeitung im Gehirn funktioniert anders. „Es ist ein anderes Denken“, sagt Simone. Simone geleitet die Gruppe zum Ausgang. „Hinter dem Vorhang ist es wieder hell“, sagt sie und verabschiedet sich. Die Guides kommen nie mit nach draußen, schließlich werden sie die Gäste auch niemals sehen können. Für das Interview macht Simone eine Ausnahme und geht doch mit dem Reporter nach draußen. „Jetzt bin ich diejenige, die geführt werden muss“, sagt Simone und hakt sich ein. Ihre Stimme klingt jetzt nicht mehr so sicher. Das Licht ist gleißend hell und tut weh in den Augen. „Endlich wieder was sehen“, seufzt eine Frau.

zurück zur Übersicht: Reportagen

  • BlinkList
  • del.icio.us
  • Folkd
  • Furl
  • Google
  • Linkarena
  • Mister Wong
  • oneview
  • Yahoo MyWeb
  • YiGG
  • Webnews
Diese Seite bookmarken bei...

Kommentare

Alles über Fehmarn/Heiligenhafen

Erfahren Sie hier noch mehr über Fehmarn: Aktuelles, wie auch Vergangenes.

Bundesliga-Countdown

Lokales Fehmarn

Wer gewinnt die "Fehmarn-Rund"?

Wer gewinnt die "Fehmarn-Rund"?

FEHMARN - Von Heiko Witt - Fast 50 Boote sind am Sonnabend (19. Mai) bei der 53. Fehmarn Rund dabei. Die Regatta unterteilt sich in fünf OSC-Klassen. Erstmals gibt es auch eine eigene Klasse für Cruiser, also für Fahrtensegler, die bislang noch keine Regatta-Erfahrung haben. Die Teilnehmer kommen in erster Linie aus dem Raum Lübecker Bucht. Die Fehmarn-Rund ist Teil der Ostsee-Cup-Serie. Veranstalter ist die Burger Seglervereinigung.Mehr...

Tolles Programm beim Rapsblütenfest

PETERSDORF - joh -  Der Raps steht in voller Blüte, das Gelb der Blüten bestimmt zurzeit das Landschaftsbild. Und das bedeutet, dass das Rapsblütenfest vor der Tür steht. In Petersdorf wird von Freitag bis Sonntag zum 28. Mal gefeiert. Und auch in diesem Jahr ist das Programm mit vielen bunten Attraktionen gefüllt.Mehr...

Lokales Heiligenhafen

Förderung des Wassersports

HEILIGENHAFEN · An der ganzen Küste prägen die Segler, Surfer und Kiter das Urlaubsimage. Nun gibt das Wirtschaftsministerium Geld aus für eine Marktanalyse. So soll unter anderem geklärt werden, ob das bestehende Angebot konkurrenzfähig ist, wo in der Zukunft Handlungsbedarf herrscht oder welche Potenziale noch erschlossen werden können.Mehr...

Das Eichholz – eine vergessene Thingstätte

Das Eichholz – eine vergessene Thingstätte

HEILIGENHAFEN · Harald Loose (88), bekannt für seine Recherchen in Heiligenhafener Geschichte, hat jetzt eine kleine Chronik über die Historie des „Eichholz“ geschrieben und berichtet hier über ein Heiligenhafener Kleinod, das in der heutigen, schnelllebigen Zeit fast schon in Vergessenheit geraten ist. Altertumsforscher wollen im Eichholz eine alte wendische Burg entdeckt haben. Die Zeichnung von der Thingstätte im Eichholz zeigt, dass hier in früherer Zeit ein Versammlungsplatz war, wo die Menschen sich trafen.Mehr...

Kontakt

Redaktion Fehmarn

Gertrudenthaler Straße 3
23769 Burg auf Fehmarn
Telefon 04371 / 8675-16
Fax 04371 / 501112
redaktion@fehmarnsches-tageblatt.de

Artikel lizenziert durch © fehmarn24
Weitere Lizenzierungen exklusiv über http://www.fehmarn24.de

Neues Passwort zusenden

Bitte geben Sie ihre E-Mail Adresse an, wir senden Ihnen ein neues Passwort zu.

Bitte warten

Es wird etwas gemacht.

  • recommendbutton_count100
Schließen

Druckvorschau

Artikel:

Schließen

Artikel Empfehlen

Empfehlen Sie diesen Artikel Ihren Freunden und Bekannten!

Fehleranzeige ausblenden

Es sind Fehler aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte berichtigen Sie oben aufgeführte Fehler und klicken danach noch einmal auf den Absenden Button.

Fehleranzeige ausblenden

Schwere Fehler sind aufgetreten!

  • Fehlertext

Bitte setzen Sie sich mit der technischen Abteilung in Verbindung.

  • Fehlertext

Achtung!

  • Fehlertext

Nicht alle Aufgaben konnten abgearbeitet werden.

SkyScraper