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Die Magie der Sofortbilder

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Fotografieren mit der Sofortbildkamera
Egal ob Polaroid oder Fujiflm: Jedes Sofortbild ist und bleibt einzigartig. © Christin Klose/dpa-tmn

Ein Druck auf den Auslöseknopf und Sekunden später rattert ein fertiges Foto aus dem Kasten. Die Idee ist alt. Und immer noch so brillant, dass Sofortbildkameras nicht totzukriegen sind.

Frankfurt/Main/Wien - Die Idee der Sofortbildkamera ist schon fast 90 Jahre alt: Physiker Edwin Herbert Land entwickelte in den 1930er-Jahren Polarisationsfolien, die er 1933 zum Patent anmeldete. 1947 präsentierte der Tüftler mit der Land Camera seine erste Sofortbildkamera, ein Jahr später wurde die erste Sofortbild-Kamera verkauft.

Jedoch wird nicht die Kamera zur sensationellen Erfindung, sondern das Foto. In einer Filmkassette befinden sich bis zu zehn Bilder mit einem integrierten Fotolabor. Im unteren, weißen Rand bunkert jedes Foto ein paar Milliliter Chemikalien in drei kleinen Taschen.

Beim Auslösen wird das Foto durch zwei Walzen gedrückt, so dass die Chemie-Taschen platzen und sich der Inhalt über das Positiv verteilt. Die Fotos entwickeln sich innerhalb von Minuten selbst, ein Weg zum Fotolabor ist nicht mehr nötig.

Jedes Bild ist einzigartig

Marwan El-Mozayen, Herausgeber der Fotozeitschrift „Silvergrain Classics“, erklärt den Trend zu Sofortbildkameras neben der Einzigartigkeit jedes einzelnen Bildes daher auch mit dessen Entstehung.

„Der Fotograf erlebt die Entwicklung des Fotos, sieht, wie es mechanisch aus der Kamera kommt“, sagt El-Mozayen. „Erst sieht er ein Geisterfoto, das sich langsam zu einem fertigen Foto entwickelt. Das ist ein kleines Event und hat etwas Magisches.“

Die Schnappschusskamera wird in den Jahrzehnten nach ihrer Erfindung als Dokumentationskamera, Beweismittel oder Werkzeug von Künstlern eingesetzt. Ansel Adams, Andy Warhol, Helmut Newton, Walker Evans oder David Hockney arbeiten mit Polaroids. Auch Modedesigner, Architekten und Maler setzen auf die Technik.

Sofortbilder zur Motivkontrolle

Profifotografen setzten häufig spezielle Kassetten mit Sofortbildern an die Rückseiten der Kamera, um direkt Testfotos zu erhalten. Mit diesen Peel-Apart-Filmen, auch Trennbilder genannt, kontrollierten sie direkt ihr Set-up. Das Foto wird nach dem Belichten aus der Filmkassette herausgezogen, nach Minuten zieht der Fotograf eine Folie ab und das Foto entwickelt sich.

Kodak produzierte für Polaroid die Filme-Negative, stellt Mitte der 1970er-Jahre selbst Sofortbildkameras her. Die Technik boomt: 1978 verkauften die beiden Hersteller rund 18 Millionen Instantkameras. Doch Polaroid war über den Erfolg des Konkurrenten nicht erfreut und verklagte den Filmriesen wegen Patentverletzungen.

Nach einem fast zehnjährigen Rechtsstreit drängte Polaroid Kodak 1985 aus dem Markt. Als Nachfolger für seine Filmnegative suchte sich Polaroid den japanischen Hersteller Fujifilm, der ab 1999 unter dem Namen Instax eine eigene Sofortbildkamera-Serie anbietet.

Niedergang und Wiedergeburt

Mit dem Erfolg der Digitalfotografie und der Nutzung von Smartphones brach der Sofortbild-Absatz massiv ein. Als Polaroid 2008 die Produktion von Instantfilmen und -Kameras einstellte, war Fujifilm übergangsweise der einzige Hersteller von Sofortbildkameras und -filmen. Erst als Florian „Doc“ Kaps 2008 „The Impossible Project“ ins Leben rief, kehrte ein zweiter Anbieter zurück.

Der Wiener Foto-Unternehmer Kaps, der sich schon mit seinem Einsatz für experimentelle, analoge Schnappschussfotografie (Lomografie) einen Namen gemacht hatte, rettete mit zwei Mitstreitern die letzte Polaroid-Produktionsanlage in den Niederlanden vor dem Aus und begann mit der Entwicklung neuer Sofortfilme.

„Das war kompliziert, weil bei einem Polaroidfilm über 35 Komponenten nötig sind, aber nur noch zur Hälfte davon vorhanden waren“, erzählt Kaps. Vor allem junge Kreative, die zuvor nichts mit Polaroid zu tun hatten, unterstützen ihn.

Ein anderes Produkt als früher

Nach zwei Jahren Arbeit konnte Florian Kaps 2010 die ersten Filme verkaufen - und gilt seither als Retter des Sofortfilms. „Die neuen Filme entstehen mit einer neuen Rezeptur. Es ist daher ein anderes Produkt als früher. Ein Polaroid bleibt aber einzigartig“, meint Kaps. „Polaroid bietet ein Unikat für einen besonderen Moment in einem Leben, es ist ein reales und selbst entwickeltes Foto.“

Markus Elsner fotografiert seit Mitte der 1980er-Jahre mit Sofortbildkameras von Polaroid. „Mich haben direkt diese schnelle und herrliche Technik, das quadratische Bildformat mit dem unteren weißen Balken und die farblichen Eigenheiten fasziniert“, sagt Elsner. Seit fast 40 Jahren arbeitet er als Künstler mit Polaroid, meist mit Modellen der SX-70- oder 600er-Reihe.

Polaroids
Alte Schule: Polaroids faszinieren mit ihrem quadratischen Bildformat und ihren farblichen Eigenheiten. © Oliver Berg/dpa/dpa-tmn

Mit seinen Kameras stellt er Sofortbild-Originale wie auch bis zu zehn Quadratmeter große Reproduktionen in Kunstausstellungen und Ateliers aus. „Das Besondere an einem Sofortbild-Foto ist, dass es direkt verfügbar und ein Unikat ist. Dazu bieten die Polaroids eine einzigartige Farbsprache“, sagt der Künstler aus Frankfurt.

Eigene Farbästhetik aus 300 Tönen

Können Kleinbild-Dias bis zu 34.000 verschiedene Farbtöne abbilden, kommen Polaroids auf 300 Farbtöne. „Die Kamera interpretiert die Farben selbst, besitzt damit eine eigene Farbästhetik. Wenn man das weiß, kann man es gezielt bei der Fotografie einsetzen. Darin liegt ein besonderer Reiz, wie auch in der manuellen Bearbeitung am Foto“, sagt Markus Elsner.

Zwar seien die neuen Filme ab 2010 wegen der Verwendung anderer Chemikalien nicht mehr ganz so brillant wie in den 1980er- und 1990er-Jahren und bieten eine andere Farbwiedergabe als früher, meint Elsner. Aber bei den richtigen Lichtverhältnissen entwickelten auch aktuelle Sofortbild-Fotos ihren ganz eigenen Reiz.

Als Künstler bearbeitet Elsner direkt nach dem Fotografieren das Bild durch manuelles Drücken auf die Oberfläche, um die Chemikalien zu vermischen und damit den Entwicklungsprozess zu verändern. Daraus entstehen Polaroids, die aussehen wie gemalte Bilder.

Polaroid oder Fujifilm?

Die Qualität der historischen Kameras von Polaroid wie der SX-70 sei zwar deutlich besser, bei den Filmen gibt Marwan El-Mozayen aber Fujifilm den Vortritt. „Die Fuji-Filme bieten eine bessere Farbwiedergabe, sind nahezu perfekt und kosten deutlich weniger als die von Polaroid. Zudem sind sie fast überall zu haben“, sagt er.

Die Fuji-Filme seien gutmütig, bieten mit ISO 800 eine hohe Lichtempfindlichkeit und einen hohen Belichtungsspielraum. Auf der anderen Seite liege in der Unberechenbarkeit von Polaroid aber auch ein Reiz. „Manche Fotografen mögen den Überraschungsfaktor bei Polaroid, weil der Fotograf nie sicher sein kann, wie sich die Farben darstellen“, sagt Marwan El-Mozayen.

Fans von Sofortbildkameras lieben die eigentümlichen Farbtöne, die Nostalgie, das Analoge und um die damit einhergehende Entschleunigung. „Für mich zählt die Polaroid-Fotografie zur strengsten Fotoschule“, meint Markus Elsner.

Bildausschnitt in Stein gemeißelt

„Fotografen müssen sich vor jedem Foto überlegen, wie sie fotografieren wollen, denn jedes Foto ist teuer und ein Unikat“, sagt Elsner. Statt zu knipsen müssten sich Fotografinnen und Fotografen auf den „später in Stein gemeißelten Bildausschnitt“ konzentrieren.

Kostet ein Instax-Doppelpack mit zwei mal zehn Aufnahmen rund 12 Euro, verlangt Polaroid für eine Kassette mit acht Aufnahmen rund 20 Euro. Nur in den Kassetten für die kleinformatigen Go-Kameras (ab 100 Euro) von Polaroid stecken zum gleichen Preis doppelt so viele Aufnahmen, also 16. Fuji bietet neben einer großen Auswahl an Kameras zu Startpreisen ab rund 80 Euro auch ein großes Zubehör-Sortiment für das Instax-System mit verschiedenen Formaten wie Instax Mini, Instax Square und Instax Wide.

Polaroid-Nutzer
Welche hast du? Polaroid-Fans fachsimpeln gern mit Gleichgesinnten. © Christin Klose/dpa-tmn

Alte Polaroid-Filmkassetten, in denen noch zehn Fotos stecken, lassen sich mit neuen Polaroid-Kameras, die seit einigen Jahren wieder angeboten werden, nur theoretisch verwenden. „Die Batterien entladen sich in der Regel, zudem trocknen die Chemikalien in alten Abzügen aus“, erklärt Markus Elsner. Zwei bis drei Jahre alte Filme seien meist nicht mehr zu gebrauchen.

Wo steckt die Batterie?

Die neuen Polaroid-Filmkassetten mit acht Fotos gibt es in Farbe oder Schwarz-Weiß, sowohl für die alten SX-70- oder 600er-Reihen, als auch für die neuen Polaroid-Kameras der Now-Serie (ab 160 Euro). Bei Polaroid übernimmt traditionell eine Flachbatterie in der Filmkassette die Energieversorgung der Kamera.

Polaroid-Kamera der 600er-Serie
Eine Polaroid-Kamera der 600er-Serie aus dem Besitz des Fotokünstlers Markus Elsner inmitten leerer Filmkassetten. © Frank Rumpenhorst/dpa/dpa-tmn

Bei Fujifilm steckte die Batterie dagegen immer schon in den Kameras. Das macht die Filme günstiger und umweltfreundlicher. Allerdings gibt es von den neueren Polaroid-Kameras auch sogenannte i-Type-Versionen, die nach diesem Prinzip arbeiten - und dazu natürlich auch i-Type-Filmkassetten ohne Batterie.

„Viele haben geglaubt, dass das Digitale das Analoge auslöschen wird“, sagt Florian Kaps. Das sei aber nicht passiert, sondern das Analoge habe eine andere Gewichtung erhalten: „Es ist hochwertiger und einzigartig.“ dpa

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