Dorsch Quote Angelkutter Existenz bedroht
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Finito? Möglicherweise sind die Tage der Hochseeangeltouren mit der „Silverland“ gezählt. Kapitän Thomas Lüdtke überlegt, wie und ob es überhaupt weitergehen kann.

Neues Baglimit existenzbedrohend

Ab 2022 nur noch ein Dorsch pro Tag: Angelkutterbetriebe am Limit

  • Andreas Höppner
    VonAndreas Höppner
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Die Schlinge zieht sich für die Freizeitkutter in der Ostsee weiter zu. Erneut müssen sie beim Dorsch ab 2022 verringerte Fangquoten hinnehmen. Auf Fehmarn denkt ein Kapitän ans Aufhören.

  • Für Freizeitangler nur noch ein Dorsch pro Tag ab 2022.
  • Kutter-Kapitän Thomas Lüdtke aus Burgstaaken auf Fehmarn denkt ans Aufhören.
  • Klimawandel und Überdüngung verantwortlich für geringe Bestände, meint Lüdtke.

Fehmarn – Der Dorsch war lange Zeit der Brotfisch der deutschen Küstenfischerei. Doch das ist vorbei. Die Bestände sind dramatisch geschrumpft. In der westlichen Ostsee darf im kommenden Jahr nicht mehr gezielt nach Dorsch gefischt werden, nur noch als Beifang sind 104 Tonnen erlaubt, eine Reduktion um 88 Prozent. Selbst die Freizeitangler dürfen nur noch einen Dorsch pro Tag fangen, bislang waren es fünf. Anbieter von Hochseeangeltouren überlegen nun, den Laden ganz dichtzumachen.

Stand heute höre ich 2022 zu 80 Prozent auf.

Thomas Lüdtke

Wie Kapitän Thomas Lüdtke, der mit der „Silverland“ bis zum Jahresende weiterfahren und die gebuchten Touren abarbeiten will. „Stand heute höre ich 2022 zu 80 Prozent auf“, sagte er gestern in einer ersten Reaktion. Dennoch hat er den Schlussstrich noch nicht ganz gezogen. Denn um ohne Abzüge in Rente gehen zu können, muss der 57-Jährige noch ein Jahr arbeiten.

Kann der Betrieb wirtschaftlich weitergeführt werden?

Andererseits bereiten ihm die täglichen Touren auf See immer noch viel Spaß. Wie gestern, als mehrere Väter und Mütter mit ihren Kindern nach der Angeltour freudestrahlend von Bord gingen. Dieses Erlebnis hätten sie dann nicht mehr, bedauert Lüdtke, der sich noch einmal alles durchrechnen will, ob und wie er den Betrieb wirtschaftlich weiterführen kann.

Als er in den Betrieb seines Vaters eingestiegen sei, hätten sie noch drei Kutter gehabt, später zwei. Ende 2019 habe er die „Kehrheim“ verkauft, seitdem ist nur noch die „Silverland“ im Einsatz. Schon damals hätte das Baglimit (Fangbeschränkung) auf fünf Dorsche zu Buchungsrückgängen geführt. Ab 2022 nur noch einen Dorsch pro Tag. Da sei es schwer abzuschätzen, ob die Angler überhaupt noch anreisen würden.

Große Dorsche über 50 Zentimeter gibt es auch gar nicht mehr.

Thomas Lüdtke

Lüdtke gibt aber auch zu bedenken, dass die Angler pro Tag im Schnitt ohnehin nur noch einen Dorsch mit einem Mindestmaß von 38 Zentimetern am Haken gehabt hätten. „Und große Dorsche über 50 Zentimeter gibt es auch gar nicht mehr.“ Aus seiner Sicht haben die Überdüngung und maßgeblich der Klimawandel dazu beigetragen, „dass die Ostsee kaputt ist“. Die Winter seien zu warm, sodass die Ostsee nicht mehr ausreichend abkühlen könne, so Lüdtke. Denn: „Ab zwölf Grad sind die Dorsche gestresst.“

Welche Alternativen gibt es?

Es sei nun gut zu überlegen, wie es weitergeht. Seebestattungsfahrten, die er jetzt auch schon durchführt, könnten eine Option sein, Kombi-Hochseeangelfahrten auf Dorsch und Butt ebenfalls, doch da müssten die Angler mitmachen. Und alles vor dem Hintergrund, dass die Betriebskosten steigen. Lüdtke erinnert an die hohen Spritpreise, von denen nicht nur er, sondern auch die aus ganz Deutschland und teilweise auch aus dem Ausland anreisenden Angler betroffen sind. Brückenfahrten könne er nicht anbieten, da die „Silverland“, die vor zwei Jahren erst eine neue Maschine für knapp 100000 Euro bekommen habe, einen zu großen Tiefgang besitze.

Vielleicht kann ich die ,Silverland‘ gut verkaufen.

Thomas Lüdtke

„Vielleicht kann ich die ,Silverland‘ gut verkaufen“, hofft Lüdtke auf ein kleines Wunder. Doch am liebsten würde er sie behalten und weiterfahren. Zudem erinnert er daran, dass die Angelbetriebe in Schleswig-Holstein bislang keine Hilfsgelder erhalten hätten. Ganz anders die Berufskollegen in Mecklenburg-Vorpommern. „Dort gehört die Angelei zur Fischerei“, sodass dort Unterstützungsgelder gewährt würden.

Von der Politik fühlen sich die Angelkutterbetriebe nicht gut vertreten. Einzig der Europaabgeordnete Niclas Herbst (CDU) habe „sich sehr für unsere Interessen eingesetzt“, verrät Lüdtke. Geholfen hat‘s nicht.

Auswirkungen auf die Hafengastronomie

Werden die Hochseeangler demnächst noch weniger werden oder gar ausbleiben, sieht Lüdtke auch schwere Zeiten auf die Hafengastronomie zukommen, denn die Angler hätten bislang sehr zur Belebung der Vor- und Nachsaison beigetragen.

Heute geht erst einmal alles wieder seinen gewohnten Gang. Um 7 Uhr legt die „Silverland“ in Burgstaaken ab, um 15 Uhr macht sie fest. Die Hochseeangler gehen freudestrahlend von Bord, während sich Kapitän Thomas Lüdtke Gedanken macht – um die Zukunft.

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