Regina Romanowsky und Henry – ein täglicher Kampf mit den Alltagshürden

Angst vor der Dunkelheit

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Regina Romanowsky und Henry: Der dreijährige Mischlingshund gibt der stark sehbehinderten Frau in ihrem Alltag Sicherheit und Halt

Fehmarn – Von Andreas Höppner Der Sommer mit seinen langen und hellen Tagen ist für Regina Romanowsky aus Burg ein Segen, der Winter das genaue Gegenteil. Für die stark sehbehinderte und alleinstehende Frau, die ihren dreijährigen Mischlingshund Henry – ein Golden Retriever/Magyar Viszla – immer an ihrer Seite hat, ist der Winter mit Dunkelheit und langen Nächten ein Graus. „Der Winter ist meine Knastzeit“, beschreibt Regina Romanowsky in drastischen Worten, wie sie sich fühlt, wenn sie in der dunklen Jahreszeit aus Angst ihre Wohnung nicht mehr verlassen mag. Dann brechen sich Unsicherheit und Einsamkeit Bahn.

Seit 2003 zu 100 Prozent schwerbehindert

Die 52-Jährige leidet an einer Netzhautablösung. Ihr Sichtfeld ist stark eingeschränkt, sie hat den sogenannten Tunnelblick und sieht nur, was zentral vor ihr geschieht. Diagnostiziert wurde die Krankheit bei ihr 1991. Damals habe man ihr gesagt, in fünf bis zehn Jahren sei sie blind, so Romanowsky. Das war ein Schock für die ausgebildete Krankenschwester aus Gladbeck, die sich im Krankenhaus mit großer Freude bis zur Stationsleiterin hochgearbeitet und mehr als zwölf Jahre Nachtdienst geschoben hat. „Das Krankenhaus war eine kleine Familie für mich“, denkt sie mit Wehmut an diese Zeit zurück. Bis zum Jahr 1999, dann ging es einfach nicht mehr, die Sehbeeinträchtigung war zu stark. Und schließlich kam auch noch eine Bandscheiben-OP hinzu, 2001 musste sie erneut an der Bandscheibe operiert werden. Was folgte, war die Rente, Frührente. Seit 2003 ist sie zu 100 Prozent schwerbehindert und „begleitungsbedürftig“ – damals mit Mitte 30.

2005 wurde noch der Graue Star diagnostiziert. Die Linsen sind bereits einmal ersetzt worden, das Lasern der Augen ist Alltag für sie. Doch dieser Alltag ist für die 52-Jährige, die von sich selbst sagt, sie sei eine Kämpferin, täglich mit hohen Hürden verbunden. Das normale Leben will bewältigt werden, nicht minder der Kampf mit Ämtern und Behörden.

Seit neun Jahren lebt sie auf Fehmarn, „auch weil es hier im Sommer so schön hell ist“, sagt sie. Von hier will sie nicht wieder weg. Doch die infrastrukturellen Bedingungen hier sind alles andere als optimal. Barrierefreiheit ist ein Stiefkind. Über das Kopfsteinpflaster auf dem Marktplatz kann sie auch in Begleitung ihres Hundes nicht gehen, zu große Menschenansammlungen meidet sie, Geräusche prasseln auf sie ein, dann machen sich Unsicherheit und Angst breit. So traut sie sich nur frühmorgens in die Stadt, und auch nur in bestimmte Läden, die barrierefrei sind und freundliches Personal auf sie eingeht. Das sei nicht überall so, bedauert sie.

Zudem würden häufig Menschen, oft wohl auch unbedacht, auf ihre Beeinträchtigung reagieren. „Wenn ich unsicher gehe, denken viele, ich sei betrunken. Das bin ich aber nicht. Teilweise lachen die über mich“, spricht Regina Romanowsky von einer hohen seelischen Belastung, mit der sie zusätzlich zu ihrer physischen Beeinträchtigung leben müsse.

Die 52-Jährige hat sich nun eigenständig darum gekümmert, auf Rezept einen Mobilitätstrainer zu bekommen. Die Kontaktaufnahme erfolgte nach einer umfassenden Beratung durch den Blinden- und Sehbehindertenverein Schleswig-Holstein (BSVSH). Ein erstes Kennenlerntreffen habe bereits stattgefunden und sei gut verlaufen, freut sich Regina Romanowsky. Insgesamt seien von der Krankenkasse 20 Stunden Mobilitätstraining bewilligt worden. In den kommenden Wochen geht es dann los, unter anderem mit dem Langstocktraining. Ohne die Unterstützung des BSVSH, ist Romanowsky überzeugt, hätte sie noch keinen Mobilitätstrainer gehabt.

Denn eine wichtige Erfahrung habe sie gemacht, erzählt die 52-Jährige im FT-Gespräch, bei Krankenkassen schnell und zielgerichtet Auskünfte zu bekommen, sei fast unmöglich. Man werde häufig nur von einer zur nächsten Stelle weitergeleitet. Auf angekündigte Rückrufe warte sie mitunter vergebens. Dann müsse sie wieder initiativ werden und zum Telefonhörer greifen, um nachzufragen – ohne Eigeninitiative läuft kaum etwas.

Am liebsten würde sie auch mit ihrem treuen Weggefährten Henry die Blindenführerhundschule besuchen. Ein Blindenhund gilt bei den Krankenkassen als anerkanntes Hilfsmittel, doch bei Henry ist eine Hüftgelenksdysplasie (HD) dia- gnostiziert worden. Somit scheidet er als Blindenhund aus.

„Die Kasse zahlt nichts, mit Henry müsste ich auf eigene Kosten eine Schule besuchen“, bedauert Regina Romanowsky, die ihren geliebten vierbeinigen Begleiter auf keinen Fall weggeben möchte. „Eine Mutter gibt ihr Kind auch nicht weg.“

„Jeder Weg ohne ihn fällt mir schwer“

Regina Romanowsky und ihr Henry sind ein eingespieltes Team.

Doch Regina Romanowsky gibt nicht auf. Sie kämpft weiter um externe Hilfe, mit der sie ihren beschwerlichen Lebensalltag besser bewältigen kann. Sie hat sich vor Kurzem beim Institut für Rehabilitation und Integration Sehgeschädigter (IRIS) für einen Lehrgang in Theorie und Praxis angemeldet. Er soll im November in Timmendorfer Strand und Hamburg abgehalten werden. Ihre Hoffnung, dass die Krankenkasse für die Kosten aufkommt, hat in diesen Tagen einen Dämpfer erhalten. Timmendorfer Strand ist bewilligt worden, der zweite Teil in Hamburg nicht. Ihre Werte seien laut Krankenkasse noch zu gut, so Romanowsky. Sie weiß aber auch schon, dass sie die An- und Abreise alleine meistern muss und auch für die Kosten aufzukommen hat. Allein die Hin- und Rückfahrt sei für sie eine große Hürde, denn Barrierefreiheit und mit der Bahn fahren, das fange schon in Burg mit vielen Problemen an. Doch sie will sich durchbeißen, denn das IRIS-Programm stellt für sie eine Chance dar, in gewisser Weise mobil bleiben zu können. Natürlich mit ihrem Begleiter Henry. Darauf legt sie besonderen Wert, denn er erleichtere ihr jeden Weg. „Jeder Weg ohne ihn fällt mir schwer, er gibt mir Sinn, in meinem Leben weiterzukommen.“

Auf Empfehlung des BSVSH hat Regina Romanowsky zunächst einmal Widerspruch eingelegt gegen den ablehnenden Bescheid der Krankenkasse. Sie ist mittlerweile auch Mitglied im BSVSH, sodass sie in Zukunft auch rechtlichen Beistand in der Hinterhand hat, sollte dies erforderlich werden.

Regina Romanowsky denkt aber nicht nur an sich, auch an Mitmenschen, die mit ähnlich gelagerten Beeinträchtigungen den Alltag meistern müssen. So schwebt ihr vor, vielleicht eine Selbsthilfegruppe zu gründen. „Viele trauen sich nicht, haben Angst rauszugehen und igeln sich ein“, ist sie überzeugt. „Man muss sich mutig auf den Weg machen. Mein Bestreben ist es, etwas zu verändern“, richtet Regina Romanowsky sogleich den Vorschlag an die Politik, sich für die Errichtung eines barrierefreien Ärztehauses einzusetzen. Schön wären natürlich auch Leitstreifen für Blinde.

Unlängst erst hat der Landesbeauftragte für Menschen mit Behinderung, Ulrich Hase, gefordert, die Regelung für Blinden-Leitstreifen in die Landesbauordnung aufzunehmen.

Mehr tun für Barrierefreiheit

Auch mit ihrer Behinderung steht für Regina Romanowsky fest: „Ich will weiter selbstständig bleiben.“ Sie hofft auf die Krankenkasse, setzt auf die Politik, dass sich in der Infrastruktur auf Fehmarn etwas ändert und mehr für Barrierefreiheit getan wird, aber auch auf größere Rücksichtnahme der Gesellschaft den Menschen mit Beeinträchtigungen gegenüber.

Denn: „Die Behinderung hat man sich nicht ausgesucht, es ist schwer genug.“ Sie will aber weiter stark sein und auch die nächsten Hürden meistern. Nicht aufgeben, stark nach außen, auch wenn es viel Kraft kostet. „Wenn ich weine, weine ich allein zu Hause“ – mit Henry an ihrer Seite.

Wer Kontakt mit Regina Romanowsky aufnehmen möchte, kann sich mit der FT-Redaktion unter 04371 867519 in Verbindung setzen.

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