Katastrophenszenario: Wie gut vorbereitet wäre Fehmarn auf eine Überschwemmung wie 1872?

Die Angst vor der Sturmflut

Krisenszenarien in Bojendorf: Bürgermeister Otto-Uwe Schmiedt und Stellvertreter Ingo Gädechens bereiteten sich in Bojendorf mit Küstenschützern, Feuerwehrkameraden und dem Bauhof auf mögliche Hochwassersituationen vor.

Von Heiko WittBOJENDORF • Vor 135 Jahren erlebte Fehmarn eine furchtbare Sturmflut. Ein Drittel der Insel versank im Meer. Es gab mehrere Todesopfer, die genaue Anzahl ist unbekannt.

Unzählige Kühe, Schweine und Schafe ertranken. Viele Menschen waren nach den Überschwemmungen mittellos. Auch heute noch würde eine solche Sturmflut wie vom 13. auf den 14. November 1872 schwere Schäden anrichten. Heute versuchen die Fehmaraner sich so gut wie möglich gegen ein solches Unglück zu schützen.

Der Wasserstand betrug bei der historischen Sturmflut 1872 sage und schreibe 3,47 Meter. Das wäre auch für die heutigen Deiche zu viel. Küstenschützer Michael Heinrichs vom Amt für Ländliche Räume zweifelt nach seinen vorliegenden Daten an, dass das Wasser damals wirklich so hoch stand. Doch er bestätigt: „Die Nordküste wäre sicherlich nicht im Stande, solch extremen Belastungen wie damals standzuhalten.“ Der kritische Wasserstand bei Nord- bis Nordoststurm liegt nach den Berechnungen der Küstenschützer schon bei 1,70 Meter. Die Deiche sind an einigen Stellen keine drei Meter hoch.

Flügeldeich hinter der Seeniederung?

Im „Generalplan Küstenschutz“ des Landes Schleswig-Holstein wird die Nordküste Fehmarns schon seit Mitte der neunziger Jahre als „verstärkungsbedürftig“ eingestuft. Es gibt Überlegungen, den Hochwasserschutz durch einen Flügeldeich hinter der Seeniederung sicherzustellen. Für Fehmarns Bürgermeister Otto-Uwe Schmiedt kommt es darauf an, „dass diese Maßnahme möglichst hoch auf die Prioritätenliste kommt“. Das Amt für ländliche Räume ist schon aktiv geworden, versucht die in Privateigentum befindlichen Gebiete durch Flächentausch zu sichern.

Schmiedt und Heinrichs trafen sich in Bojendorf, um gemeinsam mit den Feuerwehren und dem städtischen Bauhof den Hochwassereinsatz in der Nacht vom 1. zum 2. November 2006 noch einmal zu analysieren. Vergleichsweise handelte es sich bei dem Nord-Nordweststurm um eine „kleine Sturmflut“ (Schmiedt) mit einem Wasserpegel von maximal 1,78 Meter. Und doch, so bestätigte Mi-chael Heinrichs, befanden sich die Feuerwehrleute bei ihrem Einsatz in Wallnau, wo der Deich zu brechen drohte, in Lebensgefahr.

Insgesamt gibt es auf Fehmarn 34 Kilometer Landesschutzdeiche und sieben Kilometer Überlaufdeiche, die in Stand gehalten werden sollen. Den höchsten Deich gibt es bei Presen mit einer Höhe von 6,07 Meter. Er soll vor einem starken Nordoststurm schützen.

Im Katastrophenfall alarmiert der Landrat des Kreises Ostholstein den Krisen-Füh- rungsstab. Auf Fehmarn tritt unter der Leitung des Bürgermeisters der Krisenstab im Keller des Verwaltungsgebäudes in der Bahnhofstraße zusammen. Dort finden sich die Fernmeldeeinrichtungen und Karten. Demnächst wird von den Einsatzkräften auch der Betriebshof des Amtes für Ländliche Räume in Bojendorf als Basislager genutzt werden können, vereinbarten Heinrichs und  Schmiedt.

Das Hochwasser im November letzten Jahres war von den Wetterdiensten nicht vorausgesagt worden. Die üblichen Alarmpläne griffen nicht. Die Einsatzleitung auf Fehmarn hatte der Stellvertretende Bürgermeister Ingo Gädechens, dessen Wertschätzung für die Feuerwehr in dieser Nacht noch einmal gewachsen ist: „Da gab es kein Murren. Einige haben die ganze Nacht Sandsäcke geschleppt. Die Wehren zeigten sich glänzend organisiert.“

150000 Säcke mit Sand für den Notfall

Die Menschen reagierten auf das Hochwasser erstaunlich gelassen. Die Großsporthalle stand bereit für Evakuierungen, doch darauf verzichteten die Bürger Fehmarnsunds trotz der bedrohlichen Lage. Auch am Sund soll es Nachbesserungen geben. Bürgermeister Schmiedt hofft, dass der noch vorhandene „Restüberlaufdeich“ erhöht wird. Man dürfe aber nicht vergessen, dass die Orte Westerbergen, Lemkenhafen, Fehmarnsund, Strukkamp, Altenteil und auch Orth alle in Überschwmmungsgebieten und vor den Landesschutzdeichen liegen würden. Die einzige Maßnahme bisher: die Stromkästen, die beim Hochwasser im November unter Wasser gesetzt wurden und in Brand gerieten, sollen nun so aufgestellt werden, dass sie bis 1,50 Meter überflutungssicher sind. Denn als es auch noch zu Stromausfällen kam, da war es dann doch einigen Fehmaranern mulmig geworden.

Das Amt für ländliche Räume will die Feuerwehrleute im Bereich Deichverteidigung weiter schulen, auch das ein Ergebnis der jüngsten Gesprächsrunde. Die Ausbildung der Feuerwehrleute ist Bürgermeister Schmiedt wichtig, denn man müsse im Katastrophenfall sich ausschließlich auf die eigenen Kräfte verlassen. Die Bundeswehr stehe ja nicht mehr zur Verfügung. Viele private Lkw seien im Einsatz gewesen, ohne die es schwierig geworden wäre. Inzwischen sind die Sandsackbestände wieder aufgefüllt, insgesamt 150000 Säcke und rund 100 so genannte „Big packs“ lagern an verschiedenen Orten auf Fehmarn.

Weststurm pustet heute über die Insel

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