1. Fehmarnsches Tageblatt
  2. Fehmarn

Das Leben auf Fehmarn in der Nachkriegszeit

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Andreas Höppner

Kommentare

Hans-Christian Schramm, Geschichte Fehmarns, Nachkriegszeit, Buchveröffentlichung
Hans-Christian Schramm (M.) präsentierte im Beisein von Druckereichef Olaf Eggers (l.) und Roland Goltz, verantwortlich für Layout und Gestaltung, sein neues Buch über die ersten Jahre der Nachkriegszeit auf Fehmarn © Höppner

Hans-Christian Schramm hat sein zweites Buch vorgestellt. Es befasst sich mit der Geschichte Fehmarns in der Nachkriegszeit. Tausende Flüchtlinge suchten in dieser Zeit eine neue Bleibe.

Seinen Lebensmittelpunkt hat er mittlerweile in den Kreis Rendsburg-Eckernförde verlegt, doch die Insel Fehmarn und ihre Geschichte lassen den ehemaligen Schulleiter der Landkirchener Schule, Hans-Christian Schramm, einfach nicht los. Jetzt hat er sein zweites Buch präsentiert: „Wie es 1945 bis 1952 auf Fehmarn weiterging“.

Inhaltlich schließt es sich nahtlos an an sein erstes Werk aus dem Jahr 2015, das chronikartig die Geschichte Fehmarns in der Zeit des Nationalsozialismus beleuchtet. Damals in einer Auflage von 600 Stück gedruckt, sei das gut 400 Seiten umfassende Buch schon nach drei Jahren vergriffen gewesen, berichtet Schramm. Die Resonanz auf das Buch sei äußerst positiv gewesen, es habe sogar Anfragen aus dem Ausland gegeben, macht der 74-Jährige deutlich. So habe er sich ermutigt gefühlt, auch die Nachkriegszeit aufzuarbeiten. 

Und das Resultat kann sich sehen lassen. Auf 280 Seiten hat er zusammengetragen, wie sich auf der Insel das gesellschaftliche und politische Leben nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches entwickelte, welche Entbehrungen die Menschen auf Fehmarn – Einheimische und Tausende Flüchtlinge – lange Jahre hinnehmen mussten und wie demokratische Strukturen schrittweise aufgebaut wurden.

Für seine umfangreichen Recherchen nutzte der Autor erneut das Archiv des Fehmarnschen Tageblattes. Da die erste Ausgabe der Lokalzeitung aber erst wieder am 1. November 1949 erscheinen durfte, klaffte nach Kriegsende eine rund viereinhalbjährige Datenlücke, die Schramm dank vieler Schulchroniken (Albertsdorf, Avendorf, Bannesdorf, Bisdorf, Burg, Gammendorf, Klausdorf, Landkirchen, Niendorf, Sahrensdorf, Staberdorf, Todendorf, Vitzdorf), zu denen er Zugang hatte, zumindest teilweise schließen konnte. Auch das Landes- sowie das Stadtarchiv in Burg hat er als wichtige Quellen nutzen können.

„Die Schulchroniken waren sehr ergiebig“

Hans-Christian Schramm

„Die Schulchroniken waren sehr ergiebig“, berichtete der Autor bei der Buchvorstellung in der Druckerei Eggers in Heiligenhafen, die Schramm schon beim ersten Band an seiner Seite hatte. Das Besondere an den Schulchroniken: Zahlreiche Dörfer hatten noch eine Schule, sodass die Eintragungen zwar überwiegend auf das dörfliche Leben beschränkt waren, sie andererseits aber „oft tiefe Einblicke gewährten in die Lebensumstände und die Stimmung der Menschen in der Stadt und in den Dörfern der Insel“, schreibt der Autor.  

Eine große Rolle in den Nachkriegsjahren spielten auch die Flüchtlinge, so Schramm. Zeitweise waren rund 45000 Marinesoldaten auf der Insel interniert, und zusätzlich mussten bis zu 25000 Flüchtlinge aus den Ostgebieten auf Fehmarn untergebracht und integriert werden. So machten an den einzelnen Schulen über viele Jahre Flüchtlingskinder durchaus 50 Prozent der Gesamtschülerzahl aus. In Puttgarden existierte neben der Dorfschule ab 1947 zusätzlich eine selbstständige Lagerschule im Flüchtlingslager, erinnert Schramm. Teilweise waren hier bis zu 300 Kinder angemeldet. Erst 1952 sei sie aufgelöst worden, da immer mehr Flüchtlinge dorthin abwanderten, wo viele Arbeitskräfte dringend gebraucht wurden, beispielsweise in Nordrhein-Westfalen.

Und was tat sich auf Fehmarn, worüber hat das Fehmarnsche Tageblatt berichtet? Aufgefallen ist Hans-Christian Schramm, dass der 1949 verantwortliche Lokalredakteur Gallus Huber auch schon im Januar 1941 beim FT tätig war und im Folgemonat „seinen Beitritt zur NSDAP bekannt gab“ und die Zeitung „durchaus das Sprachrohr der Nazi-Organisationen und Vermittler der rassenpolitischen Bestrebungen sowie der judenfeindlichen Propaganda der Nazi-Politik“ gewesen sei. Ein Reuebekenntnis Hubers bei Wiederaufnahme der Berichterstattung im Jahr 1949 habe es aber nicht gegeben, so Schramm.

1949: Petersdorf hat über 5000 Einwohner

Gleich zu Beginn, am 5. November 1949, war im FT zu lesen, dass die „beiden Großgemeinden Petersdorf und Dänschendorf“ das neue Amt Petersdorf gründeten, das zuständig sein soll „für die Amtskasse, das Fürsorgewesen, das Meldewesen und das Wohnungswesen“. Zur Erinnerung: Laut FT verfügte die Großgemeinde Petersdorf 1939 über 2419 Einwohner, am 1. Oktober 1949 schon über 5096 Einwohner (inklusive Flüchtlinge).

Das habe sich auch in den Mehrheitsverhältnissen der politischen Gremien niedergeschlagen, so Schramm. So sei bei den Landtagswahlen 1950 auf Fehmarn der Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten mit 32,5 Prozent die stärkste Kraft gewesen, dicht gefolgt von CDU (30,5 Prozent) und SPD (29 Prozent).

Doch auch das Wiederaufleben des Vereins- und Verbandslebens in den Nachkriegsjahren sowie den wirtschaftlichen Aufschwung spiegelt die Berichterstattung im FT wider. So wurde am 1. Dezember 1949 über die Gründung des Fremdenverkehrsvereins Fehmarn berichtet: 1. Vorsitzender Jakob Martens, Vertreter Emil Niederlechner. Weihnachtsfeiern der Landsmannschaft der Pommern gab es 1949 ebenso wie die der Landsmannschaft der Ostpreußen, der Heimatvertriebenen in Landkirchen oder der Landsmannschaft der Ostpreußen, Danziger und Westpreußen in Petersdorf. Es fand die Neugründung der Burger Segler-Vereinigung statt und im Januar 1950 die erste Jahresversammlung des Fehmarnschen Ringreitervereins.

Hans-Christian Schramm hat aus heutiger Sicht aber auch Kurioses und Ungewöhnliches im FT gefunden und in seinem Buch zusammengetragen. Ein kleiner Auszug: Rasensport Landkirchen weilt über Pfingsten 1951 in der Ostzone und absolviert zwei Spiele in Kröpelin und Kühlungsborn. Im Oktober 1951 kommt der erste Mähdrescher auf die Insel. Käufer ist Jürgern Rauert aus Klausdorf. Im Januar 1952 erwägt die Bundesbahn ein Tunnelprojekt unter dem Fehmarnsund. Der im Februar 1952 gegründete Box-Club Fehmarn hat fünf Monate später im Kaiserhof seinen ersten Punktekampf gegen den Box-Club Mölln und holt ein 10:10. Ebenfalls im Kaiserhof werden im Juni 1952 Interessenten für den Bergbau angeworben. Schließlich heiraten im Oktober 1952 an einem Sonnabend fünf Brautpaare auf dem Standesamt Petersdorf – ein Rekord.

Erste Auflage mit 500 Exemplaren

Das ist nur ein kurzer Anriss dessen, was sich im neuen Buch von Hans-Christian Schramm wiederfindet. Gedruckt sei der Band zunächst einmal in einer Auflage von 500 Stück, berichtet der Autor. Verkaufsstellen auf Fehmarn sind die Buchhandlung Niederlechner, die Inselbuchhandlung Tina Rauert und das Kaufhaus Stolz. Der Preis beträgt 29,90 Euro.

Der Gang durch die Geschichte Fehmarns ist für Hans-Christian Schramm mit dem neuen Buch aber noch nicht beendet. Warum nicht noch das dritte Buch „Fehmarn zwischen 1918 und 1933“?, fragt der Autor und lässt durchblicken, dass das nächste Werk möglicherweise nicht lange auf sich warten lässt.

Auch interessant

Kommentare