FT-Umfrage: Wie die Menschen auf Fehmarn über die touristische Ausrichtung der Insel denken

"Durch Bebauung verliert Insel"

Familie Wurow aus Harsefeld.

FEHMARN (pl) • Die Bebauung der Spielwiese und des Wäldchens am Burger Südstrand stößt bei den meisten Menschen auf Fehmarn auf scharfe Kritik. Das ergab unsere gestrige Umfrage zum Thema Tourismus.

Dass ein neues Freizeitbad entsteht, wird zwar begrüßt. Doch hätten sich die meisten der von uns Befragten gewünscht, dass die Stadt einen anderen Weg zur Finanzierung gefunden hätte als den Verkauf der beliebten Grünfläche. Weiterer Tenor: Um sich auf dem umkämpften Markt zu behaupten, sollte sich die Insel – anstatt große Hotels und Ferienanlagen zu bauen – auf ihre Vorzüge besinnen: die Ruhe und die Natur.

„Zugebaute Strände, ein Geschäft neben dem anderen, das sollten wir getrost anderen überlassen. Wir haben eigene Qualitäten“, sagt Viola Schmidt. Ein Markenzeichen der Insel sei die unberührte Natur. „Warum nicht wie in anderen Ländern die Ackerränder natürlich beleben, Natur- oder auch Kulturerlebnispfade quer über die Insel anlegen“, fragt die Burgerin. „Haben nicht auch die Best Ager Kinder oder Enkelkinder, denen sie Erlebnis- und Abenteuerurlaub finanzieren würden ? Gibt es nicht genügend gestresste Manager(innen), die nichts dringender brauchen als zu Ruhe und Gelassenheit zu finden“, so Schmidt, die meint, dass man die Insel „nicht immer mehr versiegeln“, sondern dafür sorgen sollte, dass die „Individualität erhalten“ bleibt. Zum Beispiel lasse sich Wellness sicherlich sehr reizvoll mit der Natur in Einklang bringen.

„Das neue Freizeitbad ist eine gute Sache“, sagt Sigrid Theis. Dass dafür aber die Spielwiese und das Wäldchen geopfert werden, findet sie nicht richtig. „Die Familie mit Kindern, in diese Richtung sollten wir touristisch gehen, und nicht wieder der Masse nachjagen. Das war mal in den 70er Jahren. Aber Kinder wollen toben, sich verstecken. Das Wäldchen ist hierfür ideal. Und das will man ihnen nun nehmen ? Das halte ich für völlig falsch“, sagt die Burgerin. Darüber hinaus mahnt sie, nicht nur an den Tourismus, sondern auch an die Bevölkerung zu denken. „Fast alle Kindergärten schließen um 12.30 Uhr, es gibt kaum Krippenplätze auf Fehmarn. Man sollte auch mal in diese Richtung denken“, so Theis.

Die „weitgehende Naturbelassenheit“, das ist der Reiz an Fehmarn für Familie Kruse aus Hamburg. Sie verbringt ihren Urlaub zwar größtenteils im Inselnorden, kommt aber regelmäßig zum Südstrand. „Ein neues Freizeitbad ist schön, man sieht dem Wellenbad das Alter doch sehr an“, sagt Vater Thorsten. Dass dafür aber die Spielwiese verkauft und bebaut wird, findet er schade.

„Überdimensionierte Planung“

„Im Sommer spielen unsere Kinder regelmäßig darauf, und sie ist auch ein besonderer optischer Reiz. Durch Bebauung verliert die Insel genau an den Stellen, die uns hierherführen“, sagt Thorsten Kruse auch in Anspielung auf die geplante Fehmarnbelt-Querung, deren Baustelle vor der Ferienhaustür der Familie entstehen würde.

Das neue Freizeitbad hätte schon viel früher kommen müssen, meint Wolfgang Kasper aus Bosau, der seit Jahren einen Verkaufsstand am Südstrand betreibt. „Für Kinder gibt es hier doch gar nichts“, sagt er. Die Hotel- und Appartementplanungen hält er dagegen für überdimensioniert. „1 000 zusätzliche Betten, für so viele Menschen gibt es hier doch gar keinen Strand, wo sollen die denn alle baden ? Die Leute liegen doch schon jetzt dicht an dicht“, so Kasper. 1 000 Betten bedeuteten außerdem 1 000 Autos. „Und wenn die Spielwiese weg ist ? Wo sollen Eltern mit ihren Kinder dann hin, was auch kein Geld kostet ? Es fehlt an Abenteuerspielplätzen, an Rad- und Wanderwegen. Ich kenne keinen gefährlicheren Ort zum Radfahren als Fehmarn. Es wurde einfach über Jahrzehnte viel zu wenig in die Infrastruktur der Insel investiert“, sagt Kasper.

Ruhe und Natur genießen auch sie gerne auf Fehmarn, Eveline und Dieter Andree aus Lübeck. Ein neues Freizeitbad werde auch mehr Touristen anlocken, meinen sie, bedauern aber auch die Bebauung der Spielwiese. „Schöner wird das nicht aussehen. Und wo sollen die Kinder dann hin“, fragt Eveline Andree. „Andererseits bringt so eine unbebaute Wiese kein Geld“, zeigt ihr Mann Verständnis für den Abwägungsprozess der Stadt.

„Es ist ruhig und schön, nicht so wahnsinnig überfüllt, das ist der Reiz an Fehmarn“, sagen Janet und René Wurow aus Harsefeld (bei Hamburg). „Zu viel Bebauung zerstört dieses Flair. Es gibt doch genug Hotels“, lehnen sie die Spielwiesenpläne ab. „Es ist doof, dass immer wieder die Kinder weichen müssen. Wird es da denn keinen Ausgleich geben ?“, fragt Janet Wurow. – Jedenfalls nicht direkt am Südstrand. Dass ein neues Freizeitbad gebaut wird, heißt die junge Familie dennoch gut. „Sonst fahren wir immer nach Weißenhäuser Strand.“ Was die Wurows stört, ist das Preisniveau am Südstrand. „Es gibt hier kein preiswertes Restaurant, für eine vierköpfige Familie ist es meistens zu teuer.“ Weitere, hochwertige Hotel- und Appartementanlagen könnten diese Entwicklung noch weiter vorantreiben, befürchten sie.

Damit rechnet auch Jürgen Kohlhoff. „Ein Fehmarn-Urlaub ist ja heute schon teurer als ein Spanien-Urlaub. Das wird durch 1 000 zusätzliche Betten doch noch verstärkt. Um Gäste zu halten und neue zu gewinnen, sollte die Stadt dafür sorgen, dass die Preise erschwinglich bleiben“, meint der gebürtige Fehmaraner, der mittlerweile in Hamburg lebt. „Hier wird wieder einmal Natur zu Gunsten des Kommerz‘ geopfert. Ich halte das für Schwachsinn“, äußert er seinen Unmut über die geplante Bebauung der Spielwiese und des Wäldchens. Es gehe bei solchen Projekten primär nicht um den Urlaubsgast, sondern um den „Gewinn des Investors“, sagt er. Kritisch sieht Kohlhoff auch das neue Freizeitbad: „Wieviel Tourismus kann die kleine Insel Fehmarn ab ?“, fragt er.

„Fehmarn muss investieren, um mitzuhalten“, sagt Hans Herse aus Reichelsheim (im Odenwald). Deshalb begrüßt er auch den Bau des Freizeitbades. Die Bebauung der Spielwiese sagt ihm allerdings gar nicht zu. „Die Insel macht sich selbst kaputt, wenn alles zugepackt wird mit Hotels. Die Leute sind auch so zufrieden. Eine neue Sportanlage, das wäre was anderes, aber nicht überall diese Betonklötze.“

„Alles, was die Attraktivität der Insel insgesamt fördert, ist gut“, meint Florian Bliesch. Bei einem modernen Freizeitbad sei dies der Fall. Dass dafür die Spielwiese geopfert wird, sei letzten Endes eine politische Entscheidung. Um die Insel touristisch weiter nach vorne zu bringen, bedürfe es einer engeren Zusammenarbeit der Akteure. „Wir müssen weg davon, dass jeder nur seinen Betrieb sieht. Wir müssen an einem Strang ziehen und die Insel als Ganzes vermarkten“, sagt der Betreiber des Modellbahnparadieses und des Burger Kinos. Strukturell stehe Fehmarn im Vergleich mit anderen Ostseebädern gut da, es gebe ein breites Bouquet an Angeboten. Es komme nur darauf an, „diese vielfältigen Qualitäten ins Bewusstsein der Gäste zu transportieren“, so Bliesch.

„Eine eng bebaute Spielwiese wird ein Schandfleck für Fehmarn sein“, sagt Viktor zum Felde. Sicherlich brauche Fehmarn hochwertige Hotel- und Appartementanlagen, „aber nicht auf diesem kleinen Fleckchen. Andere Gemeinden haben solche Filetstücke gar nicht mehr, warum müssen wir unseres bebauen ?“, fragt der Burger. Südlich des Grünen Weges existiere „eine tolle Planung“, warum werde hier nicht gebaut, fragt sich zum Felde, und weiter: „Wir können die Zukunft der Insel doch nicht mit der Bebauung eines Fußballplatzes sichern.“ Und auch sonst sieht zum Felde touristisch einiges im Argen auf Fehmarn. Es gebe einen Egoismus in der Tourismusbranche. „Kein Mensch interessiert sich für kurtaxfreie Landgemeinden, die Urlauber sehen die ganze Insel. Die inselweit einheitliche Kurtaxe muss her, dann wäre auch mehr Geld für Attraktivitätssteigerungen vorhanden. Erst freikaufen nach Gutsherrenart, und dann auch noch über die Gewerbesteuer streiten“, ärgert er sich über die viel zitierte „500 000-Euro-Regelung“. Zum Felde kritisiert auch, dass sich die Verwaltung in Sachen Südstrand-Projekte stets sehr bedeckt hält. „Seit vier Jahren spielt die Stadt nicht mit offenen Karten. Wieso tagt die Südstrand-Lenkungsgruppe geheim ? Man kann nicht immer nur Beschlüsse im dunkeln Kämmerchen machen und dann Akzeptanz bei den Bürgern erwarten.“

„Die Maßnahmen am Südstrand sind der erste und wichtigste Schritt, reichen für die nächsten Jahrzehnte aber nicht aus“, sagt Otto Könecke, Vorsitzender des Tourismusausschusses. Er hält drei bis vier Hotelstandorte auf ganz Fehmarn für realistisch. Das Gebiet De Hoben werde derzeit überplant, auch hier könne ein Hotel entstehen. Der von vielen kritisierte Spielwiesenverkauf zu Gunsten des Freizeitbades hätte umgangen werden können. „Wir wurden von der Kommunalaufsicht nicht dazu verpflichtet, die Spielwiese zu verkaufen. Wir hätten theoretisch auch einen Kredit aufnehmen können“, so Könecke, der sagt: „Wir können auf der Wiese ein Vier-Sterne-Hotel sehr gut platzieren.“ Ein solches Angebot fehle bisher, um auch die Best Ager ansprechen zu können. „Wir sind in der Vielfältigkeit stärker als andere Bäder, die nur auf Strandtourismus setzen. Wir haben eine starke Gastronomie. Diese Vielseitigkeit muss im Inselmarketing stärker hervorgehoben werden.“

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