Diskussionsrunde zum Thema „Zukunft der Landwirtschaft“ mit Minister Jan Philipp Albrecht

„Ein Gegeneinander geht nicht“

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Zum Thema „Zukunft der Landwirtschaft“ hatten Fehmarns Grüne zur Diskussionsrunde mit Landwirtschaftsminister Albrecht nach Petersdorf eingeladen.

Fehmarn – Von Nicole Rochell Es war ein erstes Abrüsten von Schwarz-Weiß-Klischees und ein Ar- beiten daran, Vorurteile abzubauen. Wer zuvor noch gedacht hätte, es wäre so gut wie ausgeschlossen, dass fehmarnsche Landwirte einer Grünen-Veranstaltung zum Thema „Zukunft der Landwirtschaft“ folgen, der irrte. Ebenso derjenige, der damit rechnete, die Landwirte würden dem grünen Landwirtschaftsminister Jan Philipp Albrecht, ein Diskutant auf dem Podium im Inselwesten, ob der neuen Düngeverordnung und genereller Unzufriedenheit über die aus ihrer Sicht falsche Agrarpolitik einen „heißen Empfang“ bescheren.

Rund 170 am Thema Interessierte hatten am Sonnabendnachmittag den Weg zur Petersdorfer Turnhalle gefunden – darunter zahlreiche Landwirte, die der knapp zweistündigen Diskussionsrunde, moderiert von Stadtvertreter Marco Eberle (Grüne), folgten.

Alles Bio? Oder doch konventioneller Ackerbau?

Keine protestierenden Landwirte begrüßten den Minister für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt, Natur und Digitalisierung, eben „Minister für draußen und Digitales“, wie Eberle die mittlerweile bereits landläufig verwendete Kurzfassung für Albrecht verwendete. Es gab keine Plakate oder scharfen Zwischenrufe. Es war ein faires Klima, für das Diskussionsrunde und Zuschauer, die überwiegend sachlich und nah am Thema blieben, gesorgt hatten.

Minister Albrecht auf dem Weg zur Turnhalle.

Alles Bio? Oder doch konventioneller Ackerbau? – Auf dem Podium diskutierten an der Seite von Landwirtschaftsminister Jan Philipp Albrecht Fehmarns Bauernchef Gunnar Müller, Landwirt und Unternehmer im Bereich Dienstleistung und Lohnarbeit und angehende Agrarwissenschaftlerin und Jungbäuerin Anna Stoltenberg aus Nehms im Kreis Segeberg. Der Familienbetrieb der Stoltenbergs ist schon seit 30 Jahren ein echter Biolandbetrieb, der die hof- eigenen Produkte über den Hofladen und über Landwege in Lübeck vermarktet. Auch Andreas Riessen, der begrüßte, dass das Thema Landwirtschaft mit Veranstaltungen wie dieser mehr in den Mittelpunkt gerückt werde und es so leichter in den Griff zu bekommen sei, die Zukunft der Landwirtschaft gemeinsam zu gestalten, diskutierte mit. Der Landwirt und Unternehmer von Fehmarn ist in den Betriebszweigen Ackerbau, Schweinemast und Biogas tätig und betreibt einen Ferienhof.

Um das Ende der Diskussion schon einmal vorwegzunehmen: Ob kleine, mittlere oder große Höfe, ob Ökobetrieb oder konventionell wirtschaftende Betriebe – beide Zweige haben ihre Berechtigung. Der Markt müsse entscheiden, ob der freie Welthandel oder regionale Produkte gewünscht seien.

Ein Hand-in-Hand ist angesagt. Vor allem aber im Umgang miteinander. „Ein Gegeneinander geht nicht“, zog Fehmarns Bauernchef Gunnar Müller abschließend Bilanz. Und allen in der Petersdorfer Turnhalle war klar, dass es nicht Aufgabe eines Einzelnen sein kann, Bewegung in die Sache zu bringen. „Wir alle müssen uns bewegen, Verbraucher, Produzenten, die Politik“, hatte Marco Eberle bei Letzterem umweltverträgliche Subventionspolitik im Blick. Ein Miteinander, ein Sprechen und Austausch ist durch die Veranstaltung von Fehmarns Grünen angeschoben. Der Anfang ist gemacht. Jetzt geht es an die Arbeit, an die Umsetzung.

Landwirte haben es nicht leicht. Sie sollen einen Beitrag zur biologischen Vielfalt, zur Bodenfruchtbarkeit und zum Klimaschutz leisten. Auf der anderen Seite steht die Reduktion von Düngemitteln und Pestiziden sowie kulturartenreichere Fruchtfolgen, wenn sie ihrer Hauptaufgabe – Erzeugung von Agrarprodukten – nachgehen. Dazu Wetterwidrigkeiten, Themen wie Glyphosat und Düngeverordnung, niedrige Preise für Lebensmittel und nicht immer nur wertschätzendes Ansehen in der Bevölkerung.

„Was wir von den Landwirten einfordern, muss auch finanziert werden“, so Minister Albrecht. Das könne auch den Konsumenten treffen, der ebenfalls sein Verhalten überdenken sollte: Selbst aus guten Gründen geforderter Tierschutz auf der einen Seite, gleichzeitig aber noch auf den letzten Cent an der Fleischtheke achten, das passe nicht zusammen. Da werde die Politik den Verbraucher wohl mit an die Hand nehmen, dachte Albrecht an eine mögliche Abgabe, um das Tierwohl mitzufinanzieren. Eine extra Vergütung müsse der Landwirt bekommen, der sich beispielsweise fürs Tierwohl oder den Gewässerschutz einsetze, so Al- brecht. „Ich hoffe, dass es gelingt, Programme zu finden, die alle mit einbeziehen.“ Anna Stoltenberg habe festgestellt, dass die Menschen durchaus bereit seien, für gute Qualität mitunter auch mal weiter zu fahren. Sie merke, dass es immer mehr Menschen heute wichtig sei, nur Fleisch von Tieren zu essen, die gut gehalten werden.

Zwischendurch gab es auch immer mal wieder eine kleine – gewollt oder nicht – Auflockerung. „Sie sind ja noch faktenorientierter als Ihr Vorgänger“, entsandte Gunnar Müller lobend an die Adresse des Landwirtschaftsministers, und freundete sich schon einmal mit einem weiteren Gedanken an: „... wir kriegen einen Bundeskanzler, der ist grün“, haute er in einem Nebensatz mal schnell raus. Bekanntlich wird Robert Habeck als möglicher zukünftiger Bundeskanzler gehandelt.

Beim Thema Gülleverordnung sieht Jan Philipp Albrecht, was die Gülle-Reduzierung betrifft, durchaus eine Herausforderung auf einige Betriebe zukommen. Die Grünen hätten sich übrigens gewünscht, bei der Düngeverordnung zum Schutz des Grundwassers diejenigen rauszunehmen, die sich bereits für den Gewässerschutz einsetzten. „Es hätte die Zeit gehabt, sich eine intelligentere Lösung auszudenken“, so Albrecht am Sonnabend.

„Wir werden wohl oder übel unseren Teil dazu beitragen“, so Gunnar Müller zur Verordnung. Da fasste Marco Eberle nach. „Weniger Ausbringung heißt weniger Tiere?“ – „Oder mehr Fläche“, gab Gunnar Müller zu verstehen.

Minister Albrecht machte deutlich, dass es nicht darum gehe, dass keine Gülle ausgefahren werde, sondern darum, dass ein Kreislauf entstehe und die Gülle nicht ins Grundwasser gerate, sodass schnellstmöglich eine gute Wasserqualität sichergestellt werden könne.

Das Thema Nitratbelastung bewegte auch die Zuschauer der Diskussionsrunde. Dr. Johannes Grünitz – „die Insel ist eindeutig überdüngt“ – führte die hohen Nitratwerte an. Bekanntlich sei in Ostermarkelsdorf bei einer offiziellen Grundwasserprobe ein Nitratwert von 120 mg/Deziliter (dl) gemessen worden, so Grünitz, der daran erinnerte, dass die toxische Grenze für Erwachsene bei 50 mg/dl und für Kinder bei 20 mg/dl liegt. Andre Brockstedt forderte, auf Fehmarn mehrere Messstellen einzurichten sowie die Überprüfung der Geruchsemissonswerte.

Gunnar Müller begrüßte das Monitoring von Messstellen. „Wenn das Ergebnis schlecht sein sollte, wollen wir es verbessern“, so Fehmarns Bauernchef, der jedoch bat, zwischen Oberflächen- und Grundwasser zu unterscheiden.

Jörg Josef Wohlmann machte den Vorschlag, Drohnen einzusetzen, um ein Zuviel oder Zuwenig an Düngemittel in den Griff zu bekommen. Das wäre doch vielleicht eine Möglichkeit für ein Projekt auf Fehmarn, entsandte er an die Adresse des Landwirtschaftsministers. Ein Pilotprojekt für landwirtschaftliche Optimierung und Umweltschutz werde er sofort mittragen, sagte Jan Philipp Albrecht spontan zu und versprach auch Wohlmanns Nachfrage zum Thema Fraßentschädigung durch Vögel – warum an der Nordsee und nicht auf auch Fehmarn? – mit zur Prüfung nach Kiel zu nehmen. „Wir haben alle Möglichkeiten, uns für die Zukunft aufzustellen“, so Jörg Josef Wohlmann. Strom, Wärme, Mobilität, zum Beispiel durch Wasserstoff, oder Fotovoltaik, in allen Lebensbereichen zusammengeführt, bedürfe jedoch einer gewissen Moderation. Vielleicht gebe es ja jemanden, der seinen Master oder Bachelor mit einem solchen Projekt auf Fehmarn machen möchte? Albrecht versprach schmunzelnd, sich einmal umzuhören.

Ob Windkraft oder Düngeverordnung – „Warum lässt man uns immer alleine?“ Marianne Unger appellierte an die Landespolitik, bei großen und bewegenden Themen mehr Dialog vor Ort herzustellen. „Wir brauchen mehr Dialog“, so Unger. Und mit ihrer Forderung danach schloss sich am Sonnabend der Kreis.

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