Thair Abud ist auf dem Weg vom Nordkap zum Kap der Guten Hoffnung – seine Mission: Menschen helfen

Einer, der die Welt erwandert

+
Vom Nordkap zum Kap der Guten Hoffnung: Am 167. Tag seiner Wanderung machte Thair Abud am Montagmittag für einige Stunden Station in Burg.

FEHMARN -mb- Thair Abud ist 53 Jahre alt, kommt aus Graz, hat studiert, ist Bauingenieur und als General Manager für den Mittleren Osten in einem österreichischen Unternehmen tätig. 2013 ändert sich seine Geschichte, als seine Schwester an Brustkrebs erkrankt. Seitdem ist er fast 19000 Kilometer zu Fuß unterwegs gewesen und jeden Tag kommen mehr dazu. Erst hilft er seiner Schwester, dann muss er ein Versprechen einlösen, und danach war nichts mehr wie vorher. Seit nunmehr sechs Monaten wandert er wieder – will „die Welt abgehen und Gutes dabei tun“, sagt er mit einem Lächeln auf den Lippen, als er am Montag in Burg einen Zwischenstopp einlegte.

„Wir sind nur elf Monate auseinander, sind wie Zwillinge aufgewachsen und haben ein sehr enges Verhältnis“, beschreibt Abud die Beziehung zu seiner Schwester Zaussen Rübeling. Nach einer Operation und den Folgen, die durch die Chemotherapie einsetzen, will sie aufgeben. Ihr Bruder sagt: „Ich gehe für dich den Jakobsweg und werde dir jeden Tag eine Geschichte erzählen.“

Sie habe Tag für Tag auf meine Erzählungen gewartet, für sie sei es wie eine TV-Serie gewesen“, erklärt Abud, wie das Procedere für seine Schwester Schrittweise immer wichtiger wurde. Dann greift Abud zu einem Trick: „Ich habe mehrere Tage nicht angerufen, und sie hat sich Sorgen gemacht, sich dabei auf mich konzentriert.“ In Graz gestartet, ist die Reise nach 102 Tagen und 3250 Kilometer vorbei – 102 Geschichten sind entstanden. „Ich habe ihr nur meine Beine geliehen. Sie weiß über die Reise mehr als ich“, schmunzelt Abud und erinnert sich, wie er mit seiner Schwester am Neujahrstag 2014 zusammensitzt und über den Pilgerweg spricht. Er berichtet davon, dass er nach steilen Auf- und Abstiegen mit Schmerzen über eine Brücke ging, zum Himmel blickte und sagte: „Mir tut alles weh, meiner Schwester auch. Sie kann nicht einfach aufhören, dann kann ich das auch nicht.“ Einhergeht ein Versprechen: „Wenn unser beider Schmerzen weg sind, gehe ich nach Mekka.“ Seine Schwester wird wieder gesund. Thair Abud will sein Versprechen einhalten. Er klärt zu Hause alles ab und macht sich von Graz auf den Weg nach Mekka: 8670 Kilometer, rund ein dreiviertel Jahr.

Als der Grazer in seine Heimatstadt zurückkehrt, ist nichts mehr, wie es zuvor war. „Meinen Job konnte ich nicht mehr machen.“ Es ist der September 2015, und er findet in der Flüchtlingshilfe direkt an der Grenze eine neue Aufgabe. „Es sind die Menschen, die mir auf meiner Wanderung nach Mekka die Türen geöffnet haben.“ Gedankenverloren erinnert er sich, wie er in der Wüste eines Tages verloren schien. „Ich hatte Geld, aber das kann ich nicht trinken. Es waren Menschen, die mir geholfen haben.“

Abuds Mutter ist Deutsche, sein Vater stammt aus dem Irak. Bis zu seinem dritten Lebensjahr wächst er in Duisburg auf. Danach lebt er bis er 14 ist im Irak. Seit 1979 ist Graz sein Zuhause. Abud erkennt, dass seine Sprachkenntnisse Gold wert sind, er an der Grenze helfen. Und so lässt er sich parallel an der Uni als zertifizierter Arabisch-Deutsch-Dolmetscher ausbilden.

Im Januar 2018 sitzt Abud mit einem Flüchtling und einem Psychologen zusammen. Die Geschichte, die er übersetzt, belastet ihn so extrem, dass er selbst einen Psychologen braucht. „Ich habe mir die grundlegende Frage gestellt, was ich im Leben machen möchte. Einen Baum habe ich gepflanzt, ein Haus gebaut, studiert, Nachwuchs in die Welt gesetzt – für mich stand fest, ich möchte die Welt abgehen und Gutes dabei tun.“

Gesagt, getan: Am 24. April bricht er in Wien per Flugzeug nach Norwegen auf. Zwei Tage später startet er auf den Lofoten seine bisher größte Wanderung: vom Nordkap bis an die Südspitze Afrikas, zum Kap der Guten Hoffnung. 30000 Kilometer sollen es am Ende sein. „Geplant hatte ich drei Jahre, aber es werden wohl eher vier werden.“ Bis Montagmittag hat er mit 3552 Kilometer bis zum Rathaus in Burg etwas mehr als zehn Prozent der Strecke geschafft. Gutes Schuhwerk ist wichtig, so hat er seine massiven Bergschuhe das erste Mal nach 3000 Kilometer neu besohlen lassen. Verschleiß hat er derweil auch schon anderweitig erfahren. „Im norwegischen Arendal bin ich für ein Foto von einer Bühne gesprungen und habe mir dabei den Meniskus verletzt.“ Nach zwei Wochen Auszeit bei seiner Schwester ist er wieder zurückgeflogen, um seine Wanderung fortzusetzen, und um den Menschen zu helfen.

Die Idee dafür war im Prinzip bereits im Vorwege geboren: Geschichten erzählen. „Ich schreibe Postkarten aus den Orten, in denen ich bin. Denn jeden Tag entstehen Geschichten. Wer eine bekommen möchte, kann sich auf meinem Account („Thair Abud“) bei Facebook melden, und für 50 Euro verschicke ich die Post.“ Von dem Geld gehen dann 20 Prozent an die Krebshilfe des jeweiligen Landes.

Während Abud anderen Menschen damit hilft, tut er auch Gutes für sich. „Ich bin durch das Gehen gesünder geworden.“ Nur die Einsamkeit auf dem Weg sei manchmal belastend, so Abud, der es auf die einfache Formel herunterbricht: „Je offener die Menschen sind, desto einfacher ist die Reise.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Regeln fürs Kommentieren: Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.