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Die Polizei versuchte, den Menschen klarzumachen, dass eine Weiterreise nach Dänemark nicht möglich ist

Großeinsatz für Polizei und Rettungskräfte am Fährbahnhof Puttgarden – Mit zwei Bussen nach Putlos

Endstation für 54 Flüchtlinge

FEHMARN -lb/nic/jab/dpa- Das volle Ausmaß der aktuellen Flüchtlingssituation bekam Fehmarn am Mittwoch in seiner ganzen Tragik zu spüren. Was in vielen Großstädten bereits seit mehreren Wochen allgegenwärtig ist, erreichte nun auch Puttgarden. Für den ICE 35 aus Hamburg, der gestern kurz nach 15 Uhr im Fährbahnhof einlief, war dort erst einmal Endstation. Im Zug: 54 Flüchtlinge, darunter ein Kleinkind. Sie konnten die Weiterfahrt nach Rødby nicht antreten, weil ein Verlassen der Scandlines-Fähren in Dänemark nicht erlaubt war.

„Die Behörden in Dänemark erlauben es derzeit nicht, Landgangpassagiere in Rødby von Bord gehen zu lassen. Es besteht trotzdem die Möglichkeit, ein Ticket zu erwerben. Sie müssen aber an Bord bleiben, um gleich wieder zurückzufahren. Ein Aussteigen in Rødby ist leider nicht möglich“, informierte Scandlines die Reisenden per Aushang.

Die Lage im Zug schien sich zuzuspitzen. Alle Strapazen der lange Reise, alle Ausweglosigkeit, alle Hoffnungslosigkeit sollen gar schließlich in der Androhung eines Flüchtlings gegipfelt haben, sich etwas anzutun. Dieses Gerücht hielt sich hartnäckig, vorsichtshalber wurden Rettungs- und Einsatzkräfte alarmiert.

Vor Ort waren 40 Kameraden der Wehren aus Burg, Bannesdorf und Puttgarden-Todendorf, die von der Leitstelle mit dem Stichwort „Feuer mittel, Ankündigung Selbstverbrennung im Asylzug, Fährbahnhof Puttgarden“ alarmiert worden sein sollen.

Im Einsatz waren außerdem rund 80 Einsatzkräfte der Landes- und Bundespolizei, darunter ein Kommunikationsteam der Landespolizei mit einer Dolmetscherin. Rund zwei Stunden lang weigerten sich die Asylsuchenden, den Zug zu verlassen, derweil die Polizei ihnen versuchte, klarzumachen, dass eine Weiterreise nach Dänemark nicht möglich ist.

Man habe den Menschen angeboten, sich in Deutschland einem geordneten Asylverfahren zu unterziehen. Dieses Angebot hätte dann zunächst ein Teil der Menschen im Zug angenommen, schließlich seien gegen 17.30 Uhr alle drauf eingegangen, so Stefan Muhtz von der Pressestelle der Polizeidirektion Lübeck.

Die 54 Menschen verließen schließlich allesamt wohlbehalten den Zug und wurden mit zwei Bussen in die Erstaufnahmeeinrichtung in Putlos gebracht. Mit Lebensmitteln und Getränken versorgt worden waren sie zuvor durch eine Sondereinsatzgruppe des ASB Ostholstein. Auch Brigitte Kempe von der Fehmarn-Tafel machte sich vor Ort ein Bild, rückte aber wieder ab, als sie sah, dass keine weitere Hilfe erforderlich war. Ausgefallen waren aufgrund der Geschehnisse am Fährbahnhof zwei Zugverbindungen. Nicht fahren konnte der ICE 37, und auch der ICE 32 nach Hamburg entfiel.

In Dänemark mit Steinen beworfen

Knapp die Hälfte der 230 Menschen, die mit der Fähre nach Rødby gelangten, habe den Zug zunächst nicht verlassen wollen. Die Personen säßen noch immer im Zug, und die Polizei versuche, sie durch Gespräche zur Registrierung zu bewegen, hieß es am Dienstagvormittag in einer dpa-Pressemitteilung. „Bislang ist das nicht gelungen“, hatte es am Mittag weiter geheißen.Viele der Flüchtlinge wollten nach Schweden weiterreisen. Das habe die Polizei ihnen jedoch nicht erlauben können, sagte eine Sprecherin. Dänemarks Integrationsministerin Inger Støjberg hatte sich am Dienstag vergeblich um ein Sonderabkommen mit Schweden bemüht, um die Menschen in das Nachbarland weiterschicken zu können. „Die schwedische Regierung hat keine rechtliche Befugnis, eine solche Vereinbarung zu treffen“, sagte ein Sprecher des schwedischen Justizministeriums am Dienstag der dpa.Flüchtlinge, die sich nicht in Dänemark registrieren lassen wollten, schickte die Polizei zurück nach Deutschland. Andere wurden in einer Unterkunft für Asylbewerber nördlich von Kopenhagen untergebracht. Die Flüchtlinge, die am Dienstagabend von Oldenburg aus nach Dänemark weiterfahren durften, gehörten zu den letzten, welche die dänische Grenze noch passieren konnten.Angesichts Hunderter ankommender Flüchtlinge hat die dänische Bahn gestern dann den Zugverkehr zwischen Deutschland und Dänemark auf unbestimmte Zeit eingestellt. Zwischen Flensburg und Padborg in Südjütland sollen auf Anweisung der dänischen Polizei keine Züge mehr fahren, sagte ein Sprecher der Bahngesellschaft DSB. Gleiches gelte auch für Züge, die auf der Fähre zwischen Fehmarn und Rødby transportiert werden.Die Fähre „Schleswig-Holstein“ mit etwa 100 Flüchtlingen an Bord hatte die Polizei am Dienstagmittag im Hafen von Rødby gestoppt. Andere Fähren mussten vor Rødby warten, bis dann der Landgang gänzlich untersagt wurde. Seit Dienstagnacht waren etwa 330 Flüchtlinge auf Lolland angekommen.

Endstation für 54 Flüchtlinge

Endstation für 54 Flüchtlinge

Die Polizei versuchte, den Menschen klarzumachen, dass eine Weiterreise nach Dänemark nicht möglich ist © Fehmarn24/Gamon
Ausnahmezustand am Fährbahnhof. © Fehmarn24/Gamon
Im Einsatz waren 80 Einsatzkräfte der Landes- und Bundespolizei. © Fehmarn24/Gamon
Die Flüchtlinge verlassen den Bahnsteig. © Fehmarn24/Gamon
Wie wird es weitergehen? © Fehmarn24/Gamon
Die Flüchtlinge beim Einsteigen in die Busse. © Fehmarn24/Gamon
Die Busse fahren zur Erstaufnahmeeinrichtung nach Putlos. © Fehmarn24/Gamon

Alles andere als ein warmherziges Willkommen erlebten jene Flüchtlinge, die bereits am Dienstag von Oldenburg nach Dänemark weiterreisen durften (wir berichteten). Nach ihrer Ankunft am Dienstagabend in Rødby wurden sie von Demonstranten vor einer Schule, die ihnen als Unterkunft dienen sollte, mit Steinen beworfen. Dies meldete die Deutsche Presse-Agentur (dpa) gestern. Aber nicht alle Bürger zeigten sich von ihrer schlechtesten Seite. Einige brachten den Menschen, die eine lange Reise hinter sich hatten, auch Essen und Kleidung.

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