Schwungvoll und elegant - und das Symbol für den Aufschwung

Mehr als drei Jahre lang wurde an der Brücke gebaut. Sie wurde ein Wunderwerk deutscher Ingenieukunst.

Im Jahre 1963 wurde die Fehmarnsundbrücke eröffnet – Die Insel verlor ihre Jungfräulichkeit

Die Insel verlor ihre Jungfräulichkeit. Nichts hat Fehmarn mehr verändert, als der Bau der Sundbrücke. Der 30. April 1963 war der „Tag des Jahrhunderts“ für die Fehmaraner. Die Brücke wurde schnell zum Symbol wirtschaftlichen Aufschwungs und machte die touristische Entwicklung erst möglich. Das Fehmarnsche Tageblatt berichtet im Frühjahr 1963 täglich ausführlich von den Bauarbeiten und dann von der Eröffnung der Fehmarnsundbrücke. Am 30. April gibt es eine 32-seitige Sonderausgabe – es ist der Tag der Eröffnung. „Das Herz der Vogelfluglinie begann zu schlagen“, lautet die Überschrift am 2. Mai. „Wir stehen mit Ergriffenheit vor diesem Werk deutscher Ingenieurkunst“, sagte der Präsident der Deutschen Bundesbahn, Prof. Dr. Heinz Maria Oefterding, anlässlich des Eröffnungs-Festaktes. Bei einem steifen Nordwestwind wurden auf der festlandseitigen Rampe die denkwürdigen Ansprachen gehalten. Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm, der die Brücke freigab, sagte: „Das lang gestreckte Balkentragwerk der Fehmarnsundbrücke ist von schlichter Einfalt und der Brückenbogen, der die weite Schifffahrtsöffnung trägt, von einem Schwung und einer Eleganz, die ihresgleichen sucht.“ Viele nennen die Brücke auch den größten Kleiderbügel der Welt. Die 14-jährige Marianne Paustian aus Großenbrode, gebürtige Borm, wurde ausgewählt, um gemeinsam mit Bundesverkehrsminister Seebohm das Band zu durchschneiden. Das Fehmarnsche Tageblatt berichtete über den feierlichen Eröffnungsakt: „Unter den Pressefotografen ist ein Run ausgebrochen, als kämen Farah Diba, Soraya und die englische Königin auf einmal daher. Hinter dem blauen Band, das die ‚seute Deern‘ aus Großenbrode durchschneiden soll, hat sich die Phalanx der Fotoscharfschützen aufgebaut. Liegend, knieend und stehend. Die Filmkameras beginnen zu surren.“ Als Marianne das Band durchschnitten hatte, gab ihr Minister Seebohm plötzlich einen Kuss auf die Wange. Das FT schrieb: „Das haben die Pressefotografen nicht erwartet. Verdutzt erkennen sie eine verpasste Gelegenheit. ‚Noch einmal‘, rufen sie verzweifelt. Aber Minister Seebohm spielt nicht mehr mit.“

Die Brücke begann zu schwingen

Mehrere tausend Menschen marschierten, begleitet von einem mit Girlanden geschmückten Sonderzug, über das 963 Meter lange auf sieben Pfeilern errichtete Wunderwerk. Der damalige Bürgermeister Ulrich Feilke erzählt, dass die Brücke ins Schwingen kam, als die Menschen zur Musik sogar im Gleichschritt marschierten. Dem Kapellmeister wurde es zu mulmig, er spielte schnell „Der Mai ist gekommen“ – und die Menschen gingen wieder lockerer. Es folgte ein großes Volksfest auf der Reiterkoppel in Burg mit einem riesigen Festumzug durch die Straßen Burgs. Anschließend kündete ein brillantes Feuerwerk von dem bedeutenden Ereignis. Vergessen war der vier Jahre lang anhaltende Baulärm, der die Fehmaraner in den anliegenden Dörfern zum Kochen gebracht hatte. Viele Fehmaraner, so ist in den verschiedenen Publikationen über den Brückenbau nachzulesen, waren hin- und hergerissen zwischen der Nostalgie und dem, was da nun vor ihnen lag. Viele befürchteten eine „Massen-invasion“. Begonnen hatten die Bauarbeiten am 4. Januar 1960. 2000 Arbeiter bescherten der fehmarnschen Gastronomie einen ungeahnten Boom. Zunächst wurden die 20 Meter hohen Rampen aufgespült. Die dafür erforderlichen 1,5 Millionen Kubikmeter Sand hätten die Cheops-Pyramide füllen können. Die Brückenwiderlager wurden in den Rampen gegründet und so ausgebildet, dass sie nicht schwerer waren, als der Boden, den sie verdrängten. Zwei Haupt-pfeiler links und rechts der Hauptschifffahrtsöffnung und fünf Nebenpfeiler tragen die stählernen Überbauten mit der bis dahin weltweit einmaligen Bogenkonstruktion. Die Gründungskörper der beiden Hauptpfeiler und zweier Nebenpfeiler wurden im Trockendock der Kieler Howaldtswerke betoniert und nach Feh- marnsund getaut. Die Gründung der restlichen Nebenpfeiler erfolgte in Caissons unter Druckluft (bis zu 15 Meter Tiefe). Zum Aufbetonieren der Pfeilerschäfte wurden Hubinseln eingesetzt. Für die Verbindung Feh- marns mit dem Festland wurden insgesamt 55 Millionen Mark ausgegeben, 14 Millionen mehr als veranschlagt. Die Bauarbeiten kosteten aber auch ein Menschenleben. Ein Arbeiter aus der Nähe von Gelsenkirchen stürzte am 13. Februar 1962 aus 70 Meter Höhe ab und starb. In einem Korrespondenten-Bericht meldete das FT in der Ausgabe am 2. Mai 1963, dass es insgesamt fünf Todesopfer gegeben haben soll, doch diese Nachricht war offensichtlich falsch. Eine unvorhergesehene inoffizielle Eröffnung feierte die Sundbrücke bereits am 15. Januar 1963. Mit sibirischer Kälte und einem bisher nicht gekannten Schneesturm brach am Vortag ein verheerender Polarwinter über Fehmarn herein. Der Sund war zugefroren, die Fähren konnten nicht mehr übersetzen. In einer amtlichen Bekanntmachung hieß es im FT: „Für die Dauer der Einstellung des Fährverkehrs zwischen Feh- marn und dem Festland ist mit Einwilligung der Bundesbahn die Möglichkeit gegeben, zur Abwendung von Notständen ausnahmsweise die Brücke über den Fehmarnsund zu befahren.“ „Brücke über Raum und Zeit“, nannte Chefredakteur Hans Wolff seinen Leitartikel. Er schrieb: „Wie die weitere Entwicklung aussehen wird, lässt sich noch nicht erahnen. Eines dürfte aber gewiss sein: dass Fehmarn Strukturwandlungen durchmachen wird. Sie werden neuen verheißenden Ufern zustreben, aber auch Gefahren für die Tradition in sich bergen.“

Ein 100-jähriger Traum ging in Erfüllung

Ein 100-jähriger Traum ging in Erfüllung mit der Eröffnung der Sundbrücke. Im Frühjahr 1863 schon hatte der Ingenieur Gustav Kröhnke seine Pläne vorgelegt. Später durchkreuzten vor allem die beiden Weltkriege die vorangeschrittenen Pläne. Im Jahre 1941 hatte es gar schon mal einen ersten Spatenstich gegeben. Nachdem in Kopenhagen alle Weichen gestellt worden waren, betraute Nazi-Deutschland die Reichsbahndirektion Schwerin mit den Planungen und der Bauausführung. Doch je schwieriger die Lage im 2. Weltkrieg wurde, umso mehr wurden die nicht kriegswichtigen Bauprojekte abgebrochen. „Noch Zukunftsmusik: Die Brücke über den Belt“, titelte das FT in der Sonderausgabe anlässlich der Sundbrücken-Eröffnung.

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