Diskussionsrunde in St. Nikolai
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Diskussionsrunde in St. Nikolai (v.l.): Astrid Faehling, Ingo Werth, Mona Golla, Daniel Hettwich, Jörg Ehlers und Falko Siering.

Kommunen sollen Druck von unten ausüben 

Fehmarn ein Sicherer Hafen für Flüchtlinge

  • Andreas Höppner
    VonAndreas Höppner
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Mit einer öffentlichen Podiumsdiskussion hat die evangelische Kirchengemeinde Burg untermauert, dass sie sich für eine menschenrechtskonforme Migrationspolitik einsetzt und sich gegen eine Abschottungspolitik ausspricht.

  • Fehmarn seit sieben Monaten ein Sicherer Hafen für Flüchtlinge.
  • Fehmarn hat Aufnahmequote übererfüllt.
  • Jörg Ehlers schilderte seine Erfahrungen und Erlebnisse in der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit.

Fehmarn – Nach dem im März einstimmig gefassten Beschluss der Stadtvertretung, ist die Stadt Fehmarn seit sieben Monaten ein Sicherer Hafen für Flüchtlinge. Es ist eine öffentliche Solidaritätserklärung mit den Menschen, die in ihrer Not keinen anderen Ausweg sehen, als ihre Heimat zu verlassen, sowie mit der zivilen Seenotrettung, die Flüchtlinge auf hoher See nicht ihrem Schicksal überlässt. Die evangelische Kirchengemeinde Burg, auf der Insel schon seit Jahren treibende Kraft in der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit, hat mit einer öffentlichen Podiumsdiskussion untermauert, dass sie sich für eine menschenrechtskonforme Migrationspolitik einsetzt und sich gegen eine Abschottungspolitik ausspricht.

Wohlmann wünscht sich von Kirche klare Kante

Der Vorsitzende des Kirchengemeinderates, Jörg Josef Wohlmann, erinnerte in seinen einleitenden Worten daran, dass Hilfe zu leisten das Menschlichste sei, das es gebe. So wünsche er sich auch von seiner Kirche „klare Kante für die Menschen und die Menschlichkeit“. Deshalb sei er dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Dr. Heinrich Bedford-Strom, „sehr dankbar für seine Haltung“.

Ingo Werth vom Verein RESQSHIP und als Kapitän seit Jahren in der zivilen Seenotrettung auf dem Mittelmeer unterwegs, sprach zunächst der Stadtvertretung seinen Dank aus, sich mit der Stadt Fehmarn dem bereits rund 270 Kommunen umfassenden Bündnis Sicherer Hafen angeschlossen zu haben. „Ihr habt nicht nur euer Herz, sondern auch eure Tür geöffnet. Doch nun geht es weiter“, so Werth, der die Kommunen aufgefordert sieht, politischen Druck von unten aufzubauen und „starke Gegenstimme zur aktuellen Migrationspolitik der Bundesregierung“ zu werden. Ziel: eine solidarische Migrationspolitik von unten.

So viele waren es in der jüngeren Geschichte noch nie

Propst i. R. Matthias Wiechmann

„So viele waren es in der jüngeren Geschichte noch nie“, so Propst i.R. Matthias Wiechmann in seiner Ansprache, in der er auch daran erinnerte, dass „die Menschen nicht aus ihrer Heimat fliehen, weil sie es wollen, sondern weil sie es müssen“. Astrid Faehling, Leiterin des Frauenwerks des Kirchenkreises und Moderatorin der Veranstaltung, verwies darauf, dass in den vergangenen Jahren mehr als 22000 Flüchtlinge auf ihrem Weg übers Mittelmeer ums Leben gekommen seien, allein in diesem Jahr seien es bis Ende September 1214 gewesen. Der globale Norden sei mitverantwortlich für die Situation des globalen Südens, so Faehling.

830 Millionen Menschen litten an Mangelernährung, 150 Millionen Menschen seien akut von Hunger bedroht, ergänzte Werth, der mit weiteren erschütternden Zahlen aufwartete: So werden nach einer WWF-Studie jährlich 2,5 Milliarden Tonnen Lebensmittel vernichtet – 40 Prozent aller produzierten Lebensmittel. „Daran muss etwas geändert werden.“

Hettwich für Ausweitung der Aufnahmeprogramme

Und was können die einzelnen Kommunen, was kann Fehmarn tun? Zunächst einmal „Verantwortung übernehmen“, findet Daniel Hettwich, Flüchtlingsbeauftragter des Kirchenkreises Ostholstein. „Wir liegen weit unter dem, was wir in der Lage sind zu leisten“, plädiert Hettwich für eine Ausweitung bestehender Programme zur legalen Aufnahme von Flüchtlingen. Kommunen sollten auch über die Verteilungsquote hinaus selbstbestimmt aus Seenot gerettete Menschen aufnehmen können. Paragraf 22 und 23 des Aufenthaltsgesetzes eröffneten durchaus Möglichkeiten, es fehle aber oft der politische Wille, dies umzusetzen, bemängelte Mona Golla von der Zentralen Bildungs- und Beratungsstelle für Migranten.

Und hat Fehmarn schon etwas getan hinsichtlich der Umsetzung eines Sicheren Hafens? Zumindest war die Stadt nicht untätig, wie die Antwort des stellvertretenden Bürgermeisters Heinz Jürgen Fendt verdeutlichte. So habe sich die Stadt nicht nur als Sicherer Hafen registrieren lassen, sie sei auch dem Landesaufnahmeprogramm beigetreten und betreue zusätzlich eine Frau mit ihren drei Kindern, so Fendt. Zudem habe Fehmarn die Aufnahmequote übererfüllt.   

Ich kann nur hoffen, dass sich die Grünen nicht verkaufen

Mona Golla, Zentrale Bildungs- und Beratungsstelle für Migranten

Die von Falko Siering, Ortsverbandsvorsitzender der Grünen, geäußerte Hoffnung, dass sich mit einer neuen Regierung in Berlin an der Bundesgesetzgebung entscheidende Änderungen ergeben könnten, teilte Golla nicht. „Ich kann nur hoffen, dass sich die Grünen nicht verkaufen.“

An der Basis müsse dennoch weiterhin politischer Druck aufgebaut werden, „damit die rechtlichen Rahmenbedingungen verändert werden“, forderte Hettwich. Mitgenommen werden müsse auf jeden Fall die jüngere Generation, hatte Werth schon eingangs der Diskussion empfohlen, als er sich an die „etwas ergraute Gemeinschaft“ in der St.-Nikolai-Kirche gewandt hatte. „Die Jugend gehört dazu“, da auch ein Großteil der Flüchtlinge jung sei, so Werth.

Einer eher älteren Generation gehört Jörg Ehlers an. Seit Jahren ist der frühere Bundespolizist in der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit tätig. Er schilderte dem Publikum eindrücklich seine Erfahrungen und Erlebnisse. Ein Beleg dafür, welch große Bedeutung die Basisarbeit vor Ort besitzt.

Und der Sichere Hafen? Zumindest die Zuhörer, die an diesem Abend der Einladung der Kirchengemeinde gefolgt waren, darunter mehrere Stadtvertreter, haben erfahren, dass es noch einiges zu tun gibt, um das Projekt Sicherer Hafen auf Fehmarn zum Erfolg zu führen. 

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