Bernd Friedrichs im Porträt
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Bernd Friedrichs, Konzernbetriebsratsvorsitzender der Reederei Scandlines, ist weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit in den Ruhestand gegangen.

Nach 45 Jahren und sechs Monaten

Mutterseelenallein: Scandlines-Konzernbetriebsratschef Bernd Friedrichs ist von Bord gegangen

  • Andreas Höppner
    vonAndreas Höppner
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Nach über 45 Jahren: Bei der Reederei Scandlines ist der Konzernbetriebsratschef Bernd Friedrichs still und leise von Bord gegangen. Letzter Akt: alle Schlüssel auf den Tisch legen.

  • Einsamer Abschied am letzten Arbeitstag.
  • Vertrag seit 2015 immer um ein Jahr verlängert worden.
  • Eigene Familie steht nun an erster Stelle.

Fehmarn – Eine Institution ist bei der Reederei Scandlines still und leise von Bord gegangen: Bernd Friedrichs (71) aus Puttgarden, seit 2013 Konzernbetriebsratsvorsitzender, hat weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit den Gang in den Ruhestand angetreten. Und das – kaum zu glauben – bereits zum Jahreswechsel.

Über 45 Jahre im Unternehmen

Die Corona-Pandemie hat sich wie ein dichter Nebel um seinen Abtritt gelegt und eine über 45-jährige Unternehmenszugehörigkeit – genau 45 Jahre und sechs Monate – einfach geschluckt. Erst in der Firma Heinz Bock, später der Übergang zur DFO und dann zu Scandlines. Im Gespräch mit dem FT gibt Friedrichs unumwunden zu, dass ihm der Abschied schwergefallen sei und er sich diesen „ganz anders vorgestellt hat“.

An seinen letzten Arbeitstag erinnert er sich noch ganz genau, obwohl er daran eigentlich nur ungern erinnert werden möchte. Es war der 30. Dezember 2020. „Ich habe alle Karten, den Autoschlüssel und sonstige Schlüssel auf den Tisch gelegt und bin gegangen – mutterseelenallein. Nur die Putzfrau war noch da“, richtet er den Blick zurück und muss kurz innehalten. Auch fünf Monate später setzen die Gedanken an den einsamen Abschied noch Emotionen frei.

Er habe sich nicht von seinen Kollegen, deren Interessen er gegenüber dem Arbeitgeber vertrat, verabschieden können, ebenso nicht die Geschäftsleitung von ihm, bedauert er. Das sei eben Corona geschuldet, wenngleich er hofft, dass das angekündigte Abschiedsessen mit der Scandlines-Spitze bei weiteren Lockerungen in absehbarer Zeit durchgeführt werden kann.

Wir waren nicht immer einer Meinung, es wurden aber immer faire Ergebnisse erzielt.

Bernd Friedrichs, ehemaliger Konzernbetriebsratschef bei Scandlines

„Es war eine tolle Zeit, Scandlines war der beste Arbeitgeber, den man sich vorstellen kann“, würdigte Friedrichs die gelebte Unternehmenskultur. Die Reederei sei ihrer gesellschaftlichen Verantwortung in der Vergangenheit stets gerecht geworden. „Wie die Firma sich bei der Kurzarbeit in der Corona-Pandemie positioniert hat, war schon toll“, verwies er darauf, dass die Löhne auf 100 Prozent aufgestockt wurden. Zwischen Arbeitnehmervertretung und Arbeitgeber habe es „ein hervorragendes Verhältnis“ gegeben, so Friedrichs, der resümiert: „Wir waren nicht immer einer Meinung, es wurden aber immer faire Ergebnisse erzielt.“

Eigentlich hätte der 71-Jährige schon im Oktober 2015 in Ruhestand gehen können, doch sein Vertrag sei immer um ein Jahr verlängert worden. Die Reederei wollte auf das Fachwissen und das Netzwerk des DGB-Kreisvorsitzenden und bekennenden Beltquerungsgegners offensichtlich nicht verzichten. Seit jeher steht er, mit Harry Brandt und Jürgen Boos vor 28 Jahren Gründungsmitglied des Aktionsbündnisses gegen eine Feste Fehmarnbeltquerung, auf dem Standpunkt, dass eine feste Verbindung zwischen Fehmarn und Lolland nicht benötigt wird, die Kosten des Projekts nicht den Nutzen aufwiegen, vielmehr Hunderte Arbeitsplätze auf Fehmarn in Gefahr geraten.  

2010 wurde Bernd Friedrichs durch die damalige Arbeitsministerin Ursula von der Leyen im Rahmen des Deutschen Betriebsrätepreises ausgezeichnet. Eine Würdigung des Engagements für den Erhalt der durch die Feste Fehmarnbeltquerung bedrohten Arbeitsplätze der damals rund 640 Scandlines-Mitarbeiter in Puttgarden.

Scandlines war für mich wie eine Familie.

Bernd Friedrichs, ehemaliger Konzernbetriebsratschef bei Scandlines

„Scandlines war für mich wie eine Familie“, gesteht der 71-Jährige, der im Schnitt rund 75000 Kilometer im Jahr mit dem Pkw für die Firma unterwegs gewesen sei. „Ich war abends nur selten zu Hause, die Arbeitstage waren zehn, zwölf Stunden lang, manchmal noch länger.“ Gerne, aber mit viel Wehmut erinnert er sich zurück an die Fährkonzerte auf dem Fährschiff, die er nach anfänglichen Widerständen 2013 anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der Fährlinie eingeführt habe. „Ich musste dicke, dicke Bretter bohren“, so Friedrichs, der nach zahlreichen Gesprächen die Zustimmung der Geschäftsleitung erhalten habe. „Daraus wurde eine Erfolgsgeschichte, die Fährkonzerte sind mein Baby“, blickt Friedrichs auf die erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem Tourismus-Service Fehmarn und der ehemaligen Veranstaltungsleiterin Dr. Andrea Opielka zurück. Im vergangenen Jahr im September hätte das 50. Konzert stattfinden sollen – Corona hat‘s verhindert.

So schließt sich der Kreis zum pandemiegeprägten leisen Scandlines-Abschied von Bernd Friedrichs. Die Eingewöhnung zu Hause sei ihm nicht leicht gefallen, gibt er, seit 43 Jahren mit seiner Frau Anne glücklich verheiratet, unumwunden zu. „Ich habe mir zum ersten Mal eine Fernsehzeitung gekauft – aber nichts gefunden“, konnte er sich an den dunklen Januartagen nicht einmal mit dem Fernsehprogramm anfreunden.

Man muss kapieren, dass mit 70 Schluss ist

Doch: „Man muss auch mal kapieren, dass mit 70 Schluss ist.“ Nun erfreut er sich der Gartenarbeit und unternimmt Fahrradtouren. Ganz hoch im Kurs stehen bei ihm aber auch die Enkelkinder. Seit dem 3. Juni hat er zwei, ein Mädchen und nun auch einen Jungen. Kinder spielen ohnehin eine große Rolle im Hause Friedrichs. So haben er, aber wohl viel mehr seine Frau Anne, nicht nur ein leibliches Kind großgezogen, sondern zusätzlich fünf Pflegekindern ein fürsorgliches Zuhause gegeben.

Für Bernd Friedrichs steht jetzt nicht mehr die Scandlines-Familie, sondern die eigene an erster Stelle. Ehrenamtlich engagieren als überzeugter Sozialdemokrat will er sich auch noch weiter in der Politik und der Gewerkschaftsarbeit, vor allem aber rund um die Familie – die Opa-Rolle gefällt.  

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