Das Ehepaar Gertraut und Günther Brocks vor ihrem Wintergarten
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Der Strand. „Das ist Seelenberuhigung“, so Gertraut und Günther Brocks. Sie sind zufrieden. „Wir leben hier im Paradies.“

Ein paar Stimmungsaufheller für herausfordernde Pandemie-Zeiten

Fehmarn: Was tun bei Corona-Blues?

  • Nicole Rochell
    VonNicole Rochell
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Seit über einem Jahr nervt Corona. Die FT-Redaktion hat sich einmal umgehört, was die Fehmaraner gegen den Corona-Blues tun.

Fehmarn – Ein Jahr Corona. Es nervt nur noch. Dieser Dauer-Schwebezustand geht an die Substanz. Viele können das böse C-Wort nicht mehr hören. Absolute Zahlen und R-Zahlen. Daten des Robert-Koch-Instituts oder der Johns-Hopkins-Universität werden öfter am Tag aufgerufen als der aktuelle Aktienkurs. Kein Tag ohne neue Schreckensmeldungen und das Hoffen auf bessere Inzidenzwerte.

Die Fahrt zum Supermarkt, nur um mal wieder ein paar bekannte Gesichter zu sehen. Und später an der Kasse, wo sich die kaufende Menschheit, fast wie beim britischen Klischee, im Anstehen übt, ist und bleibt das Coronavirus Gesprächsthema Nummer eins und löst auf der Beliebtheitsskala das für seine weitgehende Unverfänglichkeit bekannte Thema Wetter ab. 

„Du bist eingefroren ... noch da?“, kann man bei Videokonferenzen hören, oder besser gesagt, schon lange nicht mehr, ebenso wenig die Frage, ob man an die Maske gedacht hat, die neben Handy, Portemonnaie und Schlüsselbund zum wichtigen Accessoire gehört, bevor man die eigenen vier Wände verlässt. 

Corona schafft die Freude ab. Wir sorgen, grämen und ärgern uns. Trübe Gedanken in der Endlosschleife. Dabei würde durchaus eine Prise Humor gegen so manche Corona-Begleiterscheinungen helfen. Viele horchen in diesen Zeiten ein wenig tiefer achtsamer in sich hinein, um für sich zu erkennen, was ihnen gut tut. Die einen setzen auf Atemyoga und Entspannungsmusik, andere fangen an, Tagebuch zu schreiben. Während einige backen, um sich den Corona-Alltag im wahrsten Sinne des Wortes zu versüßen, und das komplett ungeachtet der Befürchtung, in Zeiten von Homeoffice und selbst auferlegter Quarantäne mindestens fünf Kilo zuzunehmen, setzen andere aufs beruhigende Sammeln von Briefmarken oder aufs Mandala-Malen, um kleine Fluchten aus dem Alltag anzutreten. Manche bereiten ein Picknick im Wohnzimmer vor. Viele engagieren sich, ob in organisierter Nachbarschaftshilfe oder im nächsten Tierheim. Was sind Ihre Stimmungsaufheller gegen den Corona-Koller? 

Wir haben jetzt mal die Ruhe, die richtige Schönheit unserer Insel zu genießen.

Gertraut Brocks

„Wir haben jetzt mal die Ruhe, die richtige Schönheit unserer Insel zu genießen“, so Gertraut Brocks. Sie und ihr Mann Günther erfreuen sich am Strand. „Das ist Seelenberuhigung“, sagt sie und will über die Situation, wie sie derzeit vorherrscht, gar nicht klagen. „Wir leben hier im Paradies, haben hier unsere Freiheit“, so Gertraut Brocks die ihr Hauptaugenmerk auch darauf lenken möchte, wie schwer manch anderer Mensch durch die Pandemie müsse. „Da haben wir überhaupt gar keinen Grund zu klagen“, sagt sie. „Wir haben einen schönen Garten und genießen die Umgebung“, und wenn man einmal bislang Unaufgearbeitetes von seiner To-do-Liste erledigt habe, gebe das übrigens auch ein schönes Gefühl, so Brocks.

Bjarne Struck baut Grillplatz im heimischen Garten

Sport. Viel Sport. Fußball. Laufen. Auch viel Sport gemeinsam mit der Familie – dem widmet sich Bjarne Struck aus Landkirchen vermehrt, wenn ihm mal die Corona-Decke auf den Kopf fällt. Und überhaupt: Mal wieder mehr mit der Familie zu machen, fühle sich richtig gut an, sagt Bjarne, als Vater einer fast zweijährigen Tochter selbst Familienmensch durch und durch. Etwas zu schaffen, ein Projekt in Angriff zu nehmen und umzusetzen, sei auch eine gute Möglichkeit. Wie der Grillplatz im heimischen Garten, den Bjarne, der eine Lehre als Zimmermann absolvierte, derzeit mit in die Tat umsetzt.

Ich hab keinen Koller.

Andreas Herkommer, Barmer-Bezirksgeschäftsführer

„Ich hab keinen Koller“, so Andreas Herkommer, Bezirksgeschäftsführer bei der Barmer. Zu seiner gesegneten Ausgeglichenheit trage nicht zuletzt die Arbeit während der Woche und seine Freizeitgestaltung an den freien Wochenenden bei. Er lese mehr seit Corona, habe auch mal wieder das ein oder andere Computerspiel ausgegraben und gehe gerne in der Umgebung spazieren. „Ein bisschen Meerluft geht immer“, so Herkommer, der auch die Arbeit mit Lego für sich wiederentdeckt und in der Zwischenzeit schon das ein oder andere, auch Star-Wars-Projekt, des Spielzeugherstellers umgesetzt habe. Okay. Was ab und an fehle, sei mal in die Kneipe zu gehen, ein Bierchen zu trinken, mit Freunden zu sprechen – aber sonst: alles gut. „Die Kinder und Jugendlichen trifft es härter“, ist Andreas Herkommer überzeugt. Was sollen die denn bloß machen, wenn sie noch nicht einmal mit ihren Freunden spielen oder nach dem Ball kicken dürften. „Traurig.“ Was Andreas Herkommer anbelangt: „Ich habe mein Leben seit Corona nicht verändert.“ 

Ich bin ein Mensch, der das Planen braucht und momentan kann man nicht planen.

Fehmarns Tanzlehrerin Bianca Fähnrich-Standfuß

Wie viele gerade im Corona-Koller ist derzeit Bianca Fähnrich-Standfuß. „Ich bin ein Mensch, der das Planen braucht und momentan kann man nicht planen.“ Hinzu komme, dass sie das Tanzen über alles liebe. „Tanzen wird immer mein Leben sein“, sagt Fehmarns Tanzlehrerin und hofft, es bald wieder zu dürfen. Was ihr in den letzten Wochen geholfen habe, sei die Kirche, die sie gebraucht habe. Hatte sich Bianca Fähnrich-Standfuß zuvor für die Kinderkirche engagiert, die es coronabedingt seit einem Jahr nicht mehr gibt, wurde neuestens an sie herangetragen, die Zoom-Gottesdienste mitzugestalten. Gespräche, Vorbereitungen zu Gottesdiensten, Videosequenzen ... – diese ehrenamtliche Tätigkeit erfülle sie. Sie kann verstehen, dass viele das Thema Corona nicht mehr hören mögen. „Viele Leute können einfach nicht mehr.“ Steckt sie im Corona-Blues, schaut sie sich ab und an auch gern mal einen Schnulzenfilm an. Mal eineinhalb Stunden abtauchen in eine heile Welt, Galaxien entfernt vom Corona-Alltag.

Fehmarns Tanzlehrerin Bianca Fähnrich-Standfuß.

Die Mehr-Zeit hat Bianca Fähnrich-Standfuß auch für Weiterbildungsmaßnahmen genutzt. Zu Corona bilanziert sie: „Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie so viele Negativität erlebt, wie in diesem letzten Jahr.“

Es wird vergessen, dass es um die Volksgesundheit und nicht um die Volkswirtschaft geht

Dirk Westphal, famila-Gesamtbetriebsrat

Er setzt sich eine Runde aufs Fahrrad. „Das tut mir gut“, so Dirk Westphal. Wenn ihn wieder mal ein Corona-Ärgernis nervt, schnappt er sich sein Stahlross und fährt mal ein Stündchen – oder mehr. Als Gesamtbetriebsrat von famila beruflich und als Chef der Burger Wehr ehrenamtlich gut beschäftigt, sei er dadurch auch ein Stück weit abgelenkt. Dennoch merke er, dass er langsam dünnhäutiger werde. „Man ist irgendwie ausgepowert, steht ständig unter Strom“, so Westphal, der die ganze Corona-Thematik mittlerweile mit anderen Augen sehe. Lange habe er geglaubt, mit den Entscheidungen der Bundesregierung gut durch die Krise zu kommen. Doch inzwischen sei seine Stimmung gekippt. „Es wird vergessen, dass es um die Volksgesundheit und nicht um die Volkswirtschaft geht“, so Westphal, den das ständige Streben nach Profit belaste. „Wir werden miserabel geführt“, beklagt sich Westphal, dabei versuchten viele, jede Verordnung mitzumachen.

Während der Corona-Pandemie setzt sich Dirk Westphal gerne mal eine Runde aufs Rad.

„Aber wenn man das nicht versteht, wird es schwierig“, so Burgs Wehrführer, der findet, dass nach einem Jahr Pandemie die Kinderkrankheiten überwunden sein sollten. Mittlerweile habe er den Eindruck, dass es nur noch darum gehe, sich für neue Aufgaben bestens in Stellung zu bringen und Wahlkampf zu betreiben.

Hoffnung, bald wieder ins Stadion fahren zu können

Er macht gern Sport, angelt gern, „ich bin gern in der Natur“, so Yannic Slowy (29). Die Mehr-Zeit, der Situation geschuldet, dass derzeit kaum Freude stiftende Unternehmungen möglich sind, hat Slowy dazu genutzt, seinen Sportboot-Führerschein vorzubereiten. Die Prüfung ist am 17. April. Das Virtuelle bietet aber nicht nur Vorteile, wie die seemännische Weiterbildungsmöglichkeit. Was die Sozialkontakte über die Dating-Plattform Tinder betrifft, könnten sie realen Begegnungen nicht standhalten. Einige Male habe sich die Online-Kontaktaufnahme als nicht erfolgreich erwiesen, räumt Slowy ein, der hofft, bald wieder einmal ins Stadion fahren und auch wieder mal ein wenig feiern zu können.

Patrick Weiland mit seinem Welpen Charly in seinem Lesesessel.

„In der Tat. Ich lese wieder mehr.“ Patrick Weiland hat in der Corona-Zeit damit angefangen, wie bereits als Student im Abo, wieder die Zeit zu abonnieren. .„Das ist jetzt mein Ritual.“ Auch Romane, die von vergangenen Zeiten erzählten und genügend Abstand zur jetzigen Corona-Zeit aufwiesen, lese er derzeit gern. Und damit ende der Ausflug in vergangene Zeiten nicht. Mit seinen Kindern schaue er momentan Alf, die US-amerikanische Sitcom, die 1986 startete. Auch diese „Reise“ tritt Patrick Weiland an, mit dem Versuch, gedanklich für eine gewisse Zeit vom insgesamt eher belastenden Corona-Thema wegzukommen.

Charly ist neues Familienmitglied 

Eine schöne Aufgabe, die künftig ebenfalls einen Beitrag dazu leisten wird, Familie Weiland auf andere Gedanken zu bringen, ist ihr neues Familienmitglied Charly, ein zwölf Wochen junger Cavalier King Charles Spaniel, der den Alltag der Weilands von jetzt an mitbestimmen wird. Durch die gewisse Struktur, die der Einzug des Neuzugangs unweigerlich mit sich bringt, werden die Köpfe von Patrick Weiland und Familie ganz sicher coronafreier.

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