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Fehmarnsundbrücke: Auf der Suche nach der besten Schelle

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Von: Andreas Höppner

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Fehmarn Fehmarnsundbrücke Industriekletterer
Klein wie Ameisen hängen die Industriekletterer an den Tragseilen der Fehmarnsundbrücke, um hier die Prototypen der Schellen anzubringen. © Andreas Höppner

Zurzeit testet die Bahn neue Seilschellen an der Fehmarnsundbrücke. Die Seilschellen werden zurzeit von Industriekletterer montiert.

Fehmarn – Am Montag waren die Windverhältnisse auf der Fehmarnsundbrücke für die Industriekletterer aus Hamburg grenzwertig, an den vergangenen beiden Tagen kamen sie gut voran mit der Montage neu entwickelter Seilschellen. Es handelt sich um drei Prototypen, die in den nächsten sechs Monaten getestet werden sollen, um die optimale Variante zu ermitteln, damit 2023 mit dem Austausch sämtlicher Tragseile begonnen werden kann. Der Seiltausch gehört zum Gesamtpaket der Sanierung der Fehmarnsundbrücke, das die Deutsche Bahn (DB) geschnürt hat. 

Die Seilschellen sind in den vergangenen zwei Jahren ganz neu entwickelt worden

Bauingenieurin Grit Scholz

„Die Seilschellen sind in den vergangenen zwei Jahren ganz neu entwickelt worden“, so Bauingenieurin Grit Scholz, seit 2019 DB-Projektleiterin für die Instandsetzung der im kommenden Jahr 60 Jahre alt werdenden Fehmarnsundbrücke. Die Schellen haben sich in Sachen Korrosion der Tragseile als großer Schwachpunkt erwiesen. In diesen Bereichen seien die Tragseile am stärksten angegriffen, berichtet Scholz.

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Klein wie Ameisen hängen die Industriekletterer an den Tragseilen der Fehmarnsundbrücke, um hier die Prototypen der Schellen anzubringen. © Andreas Höppner

Sie erinnert daran, dass anfangs gar keine Schellen angebracht waren, sie erst nachträglich montiert worden sind, um bei Wind oder hoher Verkehrsbelastung ein Aneinanderschlagen der Seile zu verhindern. Die Seilschellen erster Generation sind einfachster Bauart und sorgen nur für eine starre Verbindung der Seile. Die neue Generation ermöglicht hingegen Spielraum bei der Seilführung.

Kunststoff oder Edelstahl?

Zur Auswahl stehen zwei Edelstahlschellen, eine davon mit einer Seilführung aus Bronze, sowie eine Kunststoffschelle aus hoch verdichtetem Polyethylen, wie Bauleiter Helge Börensen berichtet. Kurz: HDPE. Ein Vorteil der Kunststoffvariante ist das geringere Gewicht. Während eine Edelstahlschelle auf ein Gesamtgewicht von 70 Kilogramm kommt, ist die HDPE-Ausführung 50 Kilogramm leichter. Bei 116 Schellen, die erneuert werden müssen, macht das einen Unterschied von 5,8 Tonnen. Ein weiterer Vorteil der HDPE-Lösung sei die optische Ähnlichkeit mit der alten Schelle, denn es spiele auch der Denkmalschutz eine Rolle, erinnert Scholz daran, dass der in die Jahre gekommene Kleiderbügel unter Denkmalschutz steht. Doch bei der Auswahl der Variante spielten neben den Kosten Kriterien wie Haltbarkeit oder die Instandhaltungsintensität eine Rolle, so die DB-Projektleiterin.

Die Seilschellenprototypen sind mit einer Sensortechnik ausgestattet, sodass unterschiedliche Belastungen, die auf die Seile einwirken, aufgezeichnet und anschließend ausgewertet werden. Wahrscheinlich im November, so Scholz, wolle man mit einem Schwerlastkranwagen einen größeren Belastungstest durchführen.

Die neuen Tragseile, erläutert Grit Scholz, werden nicht nur außen einen vier Millimeter dicken Korrosionsschutz aus HDPE erhalten, auch im Seil werde ein Korrosionsschutz aufgebracht. „Auf der Westseite liegen die Durchmesser der Tragseile zwischen 69 und 84 Millimeter, auf der Ostseite bis zu 104 Millimeter. Das schwerste Seil hat ein Gewicht von 4,5 Tonnen“, skizziert die Bauingenieurin einige Eckdaten zur Beschaffenheit der Tragseile. Und im Vergleich zu den alten Seilen verfügten die neuen über eine 20 bis 30 Prozent höhere Traglast, ergänzt Grit Scholz.

Wenn das Wetter hält, schätzt Helge Börensen, dass das Anbringen der Prototypschellen vielleicht noch in dieser Woche, spätestens Anfang kommender Woche abgeschlossen werden kann. Kein einfaches Unterfangen für die Kletterer, die die Schellen mithilfe einer Teleskopbühne in einer luftigen Höhe von acht, 16, 24 und 32 Metern über Fahrbahnhöhe anbringen müssen.

Pöbelnde Fahrradfahrer auf der Fehmarnsundbrücke

Negative Begleiterscheinung: pöbelnde Fahrradfahrer, die nicht einsehen wollen, dass sie im Arbeitsbereich der Kletterer vom Rad absteigen und ihren fahrbaren Untersatz bitte schieben mögen. Am Mittwochmittag zeigte sich auf der Fehmarnsundbrücke der Großteil der Radfahrer zwar einsichtig, andere wiederum fluchten: „Radfahrerdiskriminierung“ – und fuhren weiter. 

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