Ein gehandicapter Kitesurfer
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Kitesurfen mit Handicap – auch im Sitzen ein tolles Erlebnis für die Aktiven.

Auch mit Handicap ist das Leben lebenswert

Film „Schwerelos“ feierte auf Fehmarn Premiere

  • Simone Walper
    VonSimone Walper
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Der Dokumentarfilm „Schwerelos“ feierte am Sonntag auf Fehmarn Premiere. Drei Menschen mit Handicap erfüllen sich dem Traum vom Kitesurfen.

  • Drei Rollstuhlfahrer lassen im Film tief in ihr Leben blicken.
  • Protagonisten wollen kein Mitleid erleben.
  • Film war eigentlich fürs Fernsehen gedacht.

Fehmarn – Einen Film mit Tiefgang und Höhenflug präsentierte am Sonntagnachmittag der Hamburger Regisseur Tobias Meinken im Burger Filmtheater. Zur Premiere seines Dokumentarfilms „Schwerelos“, der den Weg von drei Menschen mit Handicap zeigt, die sich den Traum vom Kitesurfen erfüllen, waren die Protagonisten Kirsten Bruhn, Thomas Grundmann und Antonio Hömpler angereist. Mit dabei waren neben Co-Produzent Jan Lucas Krull auch Kitesurflehrer Dirk Hückstädt von Föhr und Tobias Michelsen vom Verein Sail United, der seit 2015 gemeinsam mit der Wassersportschule in Großenbrode Menschen mit einer Behinderung den Wassersport ermöglicht. 

In dem 30-minütigen Dokumentarfilm ließen die drei Rollstuhlfahrer die zahlreichen Besucher dann tief in ihr Leben blicken. Sie sprechen über die Unglücksfälle, die sie in den Rollstuhl brachten, und die Gedanken und Gefühle, mit denen sie sich direkt nach der Diagnose Querschnittslähmung auseinandersetzen mussten. Alle drei betonen, wie wichtig es sei, optimistisch in die Zukunft zu schauen und zu versuchen, den Fokus von „Was alles kann ich nicht mehr machen?“ auf „Was kann ich machen?“ zu legen. 

Im Film erzählen sie auch über ihren Alltag und den Umgang mit ihrem Handicap im Alltag. Ganz wichtig ist ihnen jedoch, dass sie kein Mitleid erregen wollen, sondern den Menschen, die sich in derselben oder einer ähnlichen Situation befinden und deren Leben von einem zum anderen Tag nach einem Unfall komplett auf den Kopf gestellt ist, Perspektiven aufzeigen, was auch mit einer Behinderung noch alles möglich ist. Sie wollen Mut machen und Lebenssinn stiften. 

Trotz körperlicher Einschränkungen kann man ein gutes Leben führen

Antonio Hömpler

„Trotz körperlicher Einschränkungen kann man ein gutes Leben führen. Man muss sich Ziele setzen,“ so Antonio Hömpler, der vor dem Unfall als Snowboardlehrer arbeitete und heute Psychologie studiert. So sehen das auch die weltweit extrem erfolgreiche Schwimmerin Kirsten Bruhn, die mehrfach paralympisches Gold gewann und sechs Mal Weltmeisterin wurde, und Professor Dr. Thomas Grundmann, der als Chefarzt der HNO-Abteilung in einer großen Klinik in Hamburg tätig ist: „Wir möchten das Positive zeigen und dass man ganz viele Möglichkeiten hat, auch wenn man im Rollstuhl sitzt. Das Leben mit Behinderung ist ein anderes, aber kein schlechteres.“ 

Und so hatten sich alle drei, die schon immer gern sehr aktiv Sport betrieben haben, vermittelt durch Tobias Michelsen und Regisseur Meinken mit Kitesurf- lehrer Dirk Hückstädt, von allen nur „Hücki“ genannt, zusammengetan, um sich ihren Traum von der Schwerelosigkeit beim Kitesurfen zu erfüllen. Dass dieser Weg kein einfacher war und die drei auch immer wieder in schwierige Situationen gerieten, verschweigt der Film nicht.

Sämtliche TV-Sender haben abgelehnt

Im anschließenden Gespräch erzählte Tobias Meinken vom Werdegang des Films und dass er eigentlich fürs Fernsehen gedacht gewesen sei, um vielen Zuschauern zu zeigen, welche Möglichkeiten es für Menschen mit Behinderungen gibt, aktiv Wassersport zu treiben, und dass sie nicht aufgeben sollen. Die Fernsehsender hätten jedoch alle, sogar die öffentlich-rechtlichen, abgelehnt, und so habe er schließlich trotzdem in Zusammenarbeit mit Dirk Hückstädt und Tobias Michelsen, über welchen der Kontakt zu den beiden männlichen Protagonisten zustande gekommen war, mit den Dreharbeiten begonnen und den Film auf Filmfestivals präsentieren wollen. Diesen Plan vereitelte die Corona-Pandemie, „sodass ich dann direkt mit Karsten Frick und Hans-Peter Jansen vom Filmtheater gesprochen habe, ob wir die Filmpremiere nicht hier machen können“, so der Filmemacher, auf dessen Homepage www.tobiasmeinken.de der Film in Kürze auch auszugsweise zu sehen sein soll.

Hauptdarsteller konnten Einfluss aufs Drehbuch nehmen

Neben der Realisierung ihres Traums haben es die drei Hauptdarsteller genossen, dass sie die Möglichkeit hatten, Einfluss aufs Drehbuch zu nehmen und es ein gemeinsames Projekt gewesen sei. „Nicht wie beim Boulevardjournalismus, wo man wegen seiner Behinderung im Rampenlicht steht“, brachte es Antonio Hömpler auf den Punkt.

Kitesurflehrer Dirk Hückstädt war eigens von Föhr angereist und ließ die Besucher an der Geschichte des Rolli-Kitesurfens, das er 2003 mit seinem ersten Schüler ins Leben gerufen hat, teilhaben. Eine Zeitlang hat er Events angeboten, musste dies jedoch aus zeitlichen Gründen einstellen. „Seitdem bin ich individuell unterwegs und habe bei einem Event von Sail United in Großenbrode Tobias Michelsen kennengelernt“, so der Rolli-Kitesurfpionier, der schließlich dazu übergegangen ist, Kitesurflehrer fürs Sitzkitesurfen auszubilden, um diese Sportart für Menschen mit Handicap nicht nur deutschlandweit, sondern weltweit zu ermöglichen. 

Nicht unerwähnt blieben die Schwierigkeiten, bis er schließlich nach etwa drei Jahren ein funktionierendes Board mit Sitz entwickelt hatte. Im Gespräch mit dem FT ließ er darüber hinaus wissen, dass die Ausbildung der Kitesurflehrer recht unkonventionell laufe, manchmal sogar über die Schüler selbst, die dann anderen Lehrern die Vorgehensweise und ihre Erfahrungen mitteilten. Sein Anliegen ist es nicht, mit diesem Prinzip und der Entwicklung der Spezialbretter Geld zu verdienen, sondern allen Menschen mit Behinderung die Möglichkeit zu bieten, Kitesurfen zu lernen. Und so hat „Hücki“ kein Patent angemeldet, sondern für zehn Jahre eine Blockierung der Anmeldung eines solchen Patents beim Patentamt hinterlegt. „Es soll für Rollifahrer selbstverständlich sein, zu einer Kitesurfschule zu kommen und einen Kurs angeboten zu bekommen“, beschreibt er seine Zielsetzung.

Tobias Michelsen erklärte im Gespräch mit dem Publikum, dass Kitesurfen eigentlich keine richtige Extremsportart sei, jedoch zu einer werde, wenn man betrachte, dass ein Rollifahrer nur seinen Oberkörper bewegen könne. Er fügte hinzu, dass sich der Wassersport generell sehr gut als Inklusionssport eigne. Er selbst hält auch gern Vorträge zu diesem Thema und über das Angebot des Vereins Sail United, der inklusiven Wassersport für alle bereithält. Interessierte können sich auf der Homepage www.sail-united.eu informieren und mit ihm in Kontakt treten.

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