Fehmarns Stabsstelle Asyl blickt zurück und benennt aktuelle Herausforderungen

Fünf Jahre Flüchtlingskrise

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Im Büro: Asylkoordinator Kurt-Henning Marten

Fehmarn –mb- Fünf Jahre ist es her, dass Angela Merkel den wohl einprägsamsten Satz ihrer gesamten bisherigen Kanzlerschaft formulierte: „Wir schaffen das.“ Synonym für die propagierte Willkommenskultur für hunderttausende Flüchtlinge, die 2015 innerhalb weniger Monate nach Deutschland kamen. Am Ende des Jahres waren es fast eine Millionen Personen, die auf das gesamte Bundesgebiet verteilt werden mussten – Menschen, die auch nach Fehmarn kamen.

  • Höchststand mit 184 Flüchtlingen am Jahresbeginn 2016
  • Hohe Fluktuation
  • Zeugnisse müssen übersetzt werden
Wie ist die jetzige Situation, welche Erkenntnisse lassen sich im Rückblick aus fünf Jahren Flüchtlingskrise gewinnen? Der Koordinator der Stabsstelle Asyl bei der Stadt Fehmarn, Kurt-Henning Marten, wählt zunächst andere Worte als die Kanzlerin: „Deutschland wurde überrannt, und die Kommunen wussten nicht, was sie machen sollten.“ Schnell mussten Unterkünfte her. Die ehemalige Schule in Puttgarden wurde umgebaut, Ausbau der Obdachlosen-Unterkünfte im Eschenweg, Anmietung von Ferienwohnungen in Vadersdorf und die Nutzung des ehemaligen Freizeitheims in Albertsdorf.

„Wir mussten niemanden zusammenpferchen“

Die Stadt habe schnell reagiert, sagt Marten. Zwar sei die Anzahl der Plätze insgesamt nicht notwendig gewesen, aber „absolut sinnvoll“. Fehmarn habe dadurch die Möglichkeit gehabt, die Menschen sinnvoll und strukturiert unterzubringen. „Wir mussten niemanden zusammenpferchen.“ Als Anfragen vom Kreis kamen, duckten sich andere Kommunen weg, Fehmarn hob den Arm. „Wir hatten unsere Quote schnell übererfüllt“, weiß Marten und sagt: „Unser System ist besser, denn es ist flexibler und krisensicherer.“

Asylbetreuerin Birgit Schulz

Dann brach der Strom plötzlich ab und bis auf den Eschenweg sind längst alle Unterkünfte wieder abgestoßen. Dort sind rund ein Drittel der Plätze frei. Marten: „Für uns sind das Kapazitäten – kein Leerstand.“ Seine Kollegin Birgit Schulz spricht den Familiennachzug an, auch Konfliktpotenziale könnten so vorbeugend verhindert werden.

Ein Blick auf die Zahlen datiert den Höchststand an Flüchtlingen am Jahresbeginn 2016 auf 184. Danach wurden es zunächst kontinuierlich weniger, knapp unter 140 in 2017 und 2018, Ende 2019 waren es 155, zurzeit sind es 154. Blieb die Anzahl der Geflüchteten seit 2017 relativ konstant, sind es fast in Gänze nicht mehr die Menschen, die 2015/16 nach Fehmarn kamen. „Wir haben relativ hohe Fluktuationen“, so Schulz.

Integration „relativ gut und zügig verlaufen“

„Wo sind die Flüchtlinge?“, fragt der Asylkoordinator. „Sie fallen kaum auf.“ Bevor die Volkshochschulen loslegten, seien es die Ehrenamtler gewesen, die zu diesem Zeitpunkt bereits Pionierarbeit geleistet hätten, lobt er das freiwillige Engagement, zunächst oftmals verbunden mit Sprachbarrieren, die aber schnell gefallen seien. „Sie haben recht schnell Arbeitsplätze gefunden, beispielsweise in der Gastronomie.“ Über Kontakte zu Arbeitskollegen, Sportvereinen sowie dem Besuch der Kinder in Kita und Schule sei die Integration „relativ gut und zügig verlaufen“. Dank des Ehrenamtes hätten bereits im Frühsommer 2016 die ersten Flüchtlinge eine eigene Wohnung gefunden.

75 Prozent wohnen mittlerweile in deneigenen vier Wänden (August 2019: 51 Prozent), davon 87 Prozent in Burg. „Wir haben gesucht, sind aber nie als Vermittler aufgetreten. Sie haben sich selbst bemüht“, so Marten. Schwierig sei es immer wieder, für Großfamilien eine bezahlbare Wohnung zu finden, ergänzt Birgit Schulz.

Ein weiteres Problem sei das Fehlen qualifizierter Arbeitsplätze und oftmals auch eine ausreichende Schulbildung der Geflüchteten. Und wenn sie vorhanden sei, bräuchte es Zeugnisse, die zu übersetzen und zu beglaubigen seien und letztendlich mit einem deutschen Zeugnis vergleichbar sein müssten, so Marten, der seit Anfang 2018 auch für die Obdachlosen auf der Insel zuständig ist.

„Das Problem war, dass es keine richtige Trennung der Zuständigkeiten gab“, erinnert sich Kurt-Henning Marten. „Ich habe mich dann mit Friedrich Rathjen kurzgeschlossen.“ Marten übernahm daraufhin nach Absprache mit dem Bürgermeister die Verantwortung für die Unterbringung der Obdachlosen – aber auch deren Betreuung. „Wir versuchen die Leute in Gesprächen dazu zu bringen, sich über ihre Zukunft Gedanken zu machen. Endet die im Eschenweg, oder kommen sie da auch wieder raus“, so Marten, der damals nicht damit gerecht hat, was auf ihn zukommt.

Im Januar 2018 waren es 22 Obdachlose, seitdem gab 52 Zuzüge und 61 Auszüge. Zwar habe man eine hohe Fluktuation, aber auch einige Eingesessene. Momentan sind es 13 untergebrachte Personen. Aktuell seien zudem fünf verschiedene Fälle mit insgesamt sechs Personen auf seinem Schreibtisch, die anstehen würden. „Personen, die wir höchstwahrscheinlich demnächst unterbringen müssen.“

Die Schicksale der Gestrandeten sind höchst unterschiedlich: ein Job in der Gastronomie, aus dem doch nichts wurde, geflüchtet aus Kiel, Lübeck oder Hamburg, auch durch Europa Reisende, die nur ein paar Wochen zum Durchatmen hier sind. Auch die banalen Gründe sind vielfältig: beispielsweise anstehende Zwangsräumungen oder auslaufende Mietverträge, ohne etwas Neues zu finden. Wieder kommen Fehmarn die vorhandenen Kapazitäten zugute. „So können wir jonglieren“, weiß Marten die Flexibilität zu schätzen und will die Räumlichkeiten auch nutzen für Begegnungen mit Angehörigen oder als Notfall für Frauen, die häusliche Gewalt erfahren haben. „Nicht als Frauenhaus, aber als Möglichkeit, durchzuatmen“, so der Obdachlosen-Koordinator.

80 Betten gibt es im Eschenweg, 36 sind zurzeit frei. Dazu bleibt bis auf Weiteres die alte Schule in Puttgarden mit 42 Betten als Reserve. „Für den Notfall“, betont Marten. Der soll am besten nie eintreten, und so ist die beste Medizin, die Menschen erst überhaupt nicht abrutschen zu lassen.

Dafür leierten Marten und Unterstützer einen Kommunalen Präventionsrat Fehmarn an, der sich im März 2019 gründete. Hilfsorganisationen, Politik, Verwaltung und Kirche – mittlerweile sei man gut vernetzt, um Projekte zur Problemlösung anzuschieben. „Man muss wissen, wann man wo und an welchem Rad drehen kann“, formuliert es Marten.

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