Gutachten sieht Erdverkabelung zwischen Lübeck und Göhl in allen Belangen vorne / Sager: Ergebnis hat Brisanz

Gegenwind für Starkstromtrasse

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Die Experten Prof. Lorenz Jarass (v.l.) und Prof. Heinrich Brakelmann stellten mit Landrat Reinhard Sager die Ergebnisse des Gutachtens zur geplanten Starkstromtrasse Göhl-Lübeck vor.

EUTIN -mb- Die Vorstellung am Donnerstag der Ergebnisse des vom Kreis Ostholstein und beteiligten Gemeinden in Auftrag gegebenen Gutachtens zum geplanten Bau von Höchstspannungsleitungen durch Ostholstein – konkret zwischen Göhl und Lübeck – ist schon ein kleiner Paukenschlag und gräbt dem Vorhaben des Stromnetzbetreibers Tennet, der Schleswig-Holstein Netz AG und dem Land Schleswig-Holstein den Boden unter den Füßen weg. Denn das Fazit der Gutachter ist eindeutig: Die Starkstromtrasse sei ein unnötiger Einschnitt für Mensch und Natur. Überdimensioniert, zu teuer und eine fehlende Akzeptanz in der Bevölkerung komplettieren den Gegenwind für die geplante 380-kV-Freileitung. Der Kreis Ostholstein und die beteiligten Gemeinden fordern nun auf Grundlage des Gutachtens, dass Tennet und Kiel Alternativen prüfen.

„Die Ergebnisse sind belastbar und sollten Tennet aufhorchen lassen“, war sich Ostholsteins Landrat Reinhard Sager (CDU) gestern Nachmittag im Kreishaus sicher. Deutlich wurde, wie vielschichtig die Probleme des bisherigen Vorhabens sind.

An erster Stelle: „Die derzeitige Planung belastet massiv die Umwelt, da sie trotz größerer Umwege bebaute Gebiete berühren wird“, stellte Prof. Lorenz Jarass, einer der beiden Gutachter, die mehrere Kabelvarianten auf der Basis von 110-kV- und 380-kV-Leitungen untersucht haben, unverblümt fest. Aufhorchen lässt zudem, dass die Bundesnetzagentur für die Trasse im eigenen Umweltbericht die schlechteste Bewertung vergibt, die zur Verfügung steht. Diese hätte eine Breite von rund 30 Metern, in der Bauphase würden sogar deutlich über 40 Meter benötigt, erklärte der Gutachter. Hinzukommen die Masten mit über 50 Metern Höhe. An der Stelle werde auch die Frage nach der Akzeptanz in der Bevölkerung sicherlich relevant, führte Jarass weiter aus.

Zweiter Knackpunkt: die Auslastung und Wirtschaftlichkeit. Laut Bundesnetzagentur gilt eine Maßnahme als erforderlich, wenn diese zum Zeitpunkt des jeweils betrachteten Jahres zu mindestens 20 Prozent ausgelastet ist. Die Netzagentur selbst geht für die Trasse von etwa zehn Prozent aus. „Erst seit Dezember steht nun von deren Seite die Aussage im Raum, dass die Maßnahme dennoch erforderlich sei, weil die Alternativen noch schlechter wären“, zeigte sich Jarass sichtlich verwundert und thematisierte auch die verringerten Windenergieausbaumöglichkeiten im Rahmen des Regionalplans für Ostholstein.

Nicht zuletzt spielen die Kosten eine Rolle. Bei der momentanen Planung liegen die bei 154 Millionen Euro. Zwei vorgestellte Neubaualternativen – zwei 110-kV-Erdkabelsysteme oder zwei 380-kV-Erdkabelsysteme, beide mit ausreichender Übertragungsleistung – sind günstiger. Der Neubauvorschlag einer 380-kV-Variante mit höherer Übertragungsleistung wäre 16 Prozent teurer. Prof. Heinrich Brakelmann stellte die drei Alternativen vor, die einen geringeren Aufwand darstellen würden: „Die Leitungen können auf direkterem, kürzerem Weg und teilweise in normalen Gräben an Straßen und Wegen in Breiten von unter vier Metern unter der Erde verlegt werden“, erklärte Brakelmann und nannte unter anderem die Möglichkeit, bei einer 110-kV-Erdverkabelung unterwegs kostengünstig Windparks anschließen zu können.

Dass die Zeit drängt, das Vorhaben zu überprüfen, zeigt der Verfahrensstand – für den Abschnitt soll das Planfeststellungverfahren 2018 beginnen. Die Einreichung der Unterlagen ist für das erste Quartal 2018 vorgesehen. „Die Ergebnisse des Gutachtens sollen natürlich vor dem Verfahren Gehör finden“, betont Landrat Sager.

Ratekaus Bürgermeister Thomas Keller, der zugleich Vorsitzender des Kreisverbandes beim Schleswig-Holsteinischen Gemeindetag ist, nahm gestern stellvertretend für die beteiligten Gemeinden an der Vorstellung teil und hofft auf eine entscheidende Signalwirkung. „Wir setzen auf die Landesregierung, dass die Ergebnisse in die Planung einfließen.“ Auf die abschließende Frage, ob im Ernstfall auch rechtliche Maßnahmen vonseiten des Kreises eine Option seien, reagierte Landrat Sager zurückhaltend: „Ich denke, dass die Ergebnisse in ihrer Brisanz so eindeutig sind, dass sie Gehör finden werden. Wir haben jetzt praktisch umsetzbare, gesetzeskonforme Alternativen vorliegen, die den geplanten Bau von Höchstspannungsleitungen nicht erforderlich machen.“

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