Hähnchenmastanlage kein Gerücht mehr / Noch kein Antrag beim LLUR gestellt

Gülle, Nitrat und Hühnerkot

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Kein Platz frei im Veranstaltungsraum. Die Problematik der Massentierhaltung auf Fehmarn und der Vortrag von Dr. Johannes Grünitz mobilisierte am Montagabend die Fehmaraner.

Fehmarn – Von Andreas Höppner Nach Bekanntwerden von Planungen zum Bau einer großen Hähnchenmastanlage im Inselwesten (wir berichteten) sind viele Fehmaraner hellhörig geworden. Massentierhaltung und Tourismus, Gülleausbringung und steigende Nitratwerte im Grundwasser – eine Thematik, die die Menschen umtreibt. Mehr als gut besucht war jetzt eine Infoveranstaltung, zu der der Kulturtreff Fehmarn, Arbeitskreis Gesundheit, und Referent Dr. Johannes Grünitz eingeladen hatten.

Wer sich nicht rechtzeitig in der alten Schule in Petersdorf eingefunden hatte, musste mit einem Stehplatz vorlieb nehmen. Und Grünitz legte gleich los. Er erinnerte an die Massentierhaltung von 22000 Schweinen, die es im Inselwesten bereits gibt, und das sich „hartnäckig haltende Gerücht“ von der Planung einer Anlage mit 280000 Masthähnchen.

Er ist der Überzeugung, dass sich Massentierhaltung auf engstem Raum nur wirtschaftlich durchführen lässt, wenn dem Futter des Geflügels Antibiotika beigefügt wird, um Krankheiten vorzubeugen. Aber, so Grünitz, „durch kritiklose Gabe dieser Medikamente haben die multiresistenten Keime in unseren Krankenhäusern drastisch zugenommen“. Nach Berechnungen des Robert-Koch-Instituts würden pro Jahr 15000 Menschen an diesen Keimen sterben. Zudem verwies der Arzt darauf, dass in Deutschland Masthähnchen illegal mit Nikotinsulfat gegen Milbenkrankheit und Ungeziefer betreufelt würden. Ein hochtoxischer Stoff, der zu Nervenerkrankungen führe und das Krebswachstum anrege. Der Kot von Tausenden von Hühnern würde „aus Gier und Profitdenken“ zusätzlich auf die begrenzten Böden Fehmarns ausgebracht.

Massentierhaltung führt laut Grünitz zwangsläufig zur Überdüngung der Böden mit Stickstoff, der als Nitrat ins Grundwasser gelangt. Vor Kurzem sei in Ostermarkelsdorf bei einer offiziellen Grundwasserprobe ein Nitratwert von 120 mg/Deziliter (dl) gemessen worden, so Grünitz, der daran erinnerte, dass die toxische Grenze für Erwachsene bei 50 mg/dl und für Kinder bei 20 mg/dl liegt.

Landwirtschaft großer Feinstaubproduzent

Weiterhin problematisch sei der entweichende Ammoniak, der sich in der Luft mit anderen Gasen zu Feinstaub umwandle und schwere Atemwegserkrankungen auslösen könne, so Grünitz. Durch die Massentierhaltung in der Landwirtschaft würde mehr Feinstaub produziert als im gesamten Straßenverkehr in Deutschland, berichtete Grünitz. Er spricht von jährlich 50000 vorzeitigen Sterbefällen durch Feinstaub.

Ein komprimiertes Schreckensszenario, auf das die Mehrzahl der Zuhörer mit Raunen und Empörung reagierten, aber auch Landwirte im Raum auf den Plan rief, die um Verständnis warben, von wesentlichen Verbesserungen sprachen, sich gegen eine Pauschalverurteilung wehrten und von einer „Hetzkampagne gegen die Landwirtschaft“ sprachen.

Ernst-August Voß-Hagen, Vater von Falk Voß-Hagen, der die große Schweinemastanlage im Inselwesten betreibt, sprach von den Erfordernissen des Marktes, die zu den großen Einheiten führten, aber auch von den hohen Qualitätsstandards, die der Betrieb kontinuierlich erfülle. Den Vorwurf Grünitz‘, die Landwirte würden aus reiner Profitgier handeln, wies er entschieden zurück und warf Grünitz Populismus vor.

Voß-Hagen konnte dann auch noch aufklären, dass es sich bei den Planungen für die Hähnchenmastanlage um kein Gerücht handelt. Er gab bereitwillig Auskunft, dass sein Neffe aus Gollendorf einen großen Geflügelmastbetrieb bei Bad Segeberg selbstständig geleitet habe und nun überlege, bei Gollendorf eine Anlage zu betreiben. Erste Überlegungen mit zwei Ställen à 40000 Plätzen seien verworfen worden, da sie für einen wirtschaftlichen Betrieb nicht ausreichten. 280000 Plätze, wie anfangs von Dr. Grünitz erwähnt, seien es aber auch nicht. Das sei schon etwas kleiner, sagte Voß-Hagen, der aber nicht konkreter wurde, da sich das Vorhaben noch in der Planungsphase befinde. Zusätzlich sei der Bau einer Biogasanlage geplant, betrieben mit Hühnerkot und Gülle aus dem Schweinemastbetrieb seines Sohnes. Mit der so gewonnenen Energie sollen der Stall beheizt und Strom ins Netz eingespeist werden.

Zudem ließ Voß-Hagen durchblicken, dass es sich dabei um einen Stall handelt, den es in der Qualität „bis heute noch nicht gibt“ und den Tieren unter anderem mehr Platz biete.

Allerdings: Ein Antrag bei der Genehmigungsbehörde, dem Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) ist noch nicht gestellt. Es seien dort auch noch keine Vorgespräche geführt worden, das habe ihm ein Referatsleiter des zuständigen Ministeriums schriftlich mitgeteilt, berichtete Dr. Grünitz. In dem Schreiben, das dem FT vorliegt, heißt es zudem: „Für ein Projekt dieser Größenordnung ist ein Genehmigungsverfahren nach dem Bundes-Immissionsschutzgesetz mit Öffentlichkeitsbeteiligung und Umweltverträglichkeitsprüfung durchzuführen.“

Jörg Josef Wohlmann (SPD) äußerte die Befürchtung: Ist der Antrag beim LLUR erst einmal gestellt, wird man nichts mehr dagegen tun können, da es sich um privilegiertes Bauen im Außenbereich handelt. Deshalb müssten die Gesetze geändert und die Bauleitplanung zurückübertragen werden auf die Kommune.

„Heilige Scheiße, wo soll das alles hin?“

Nach gut zweistündiger Diskussion verließen die meisten Besucher der Veranstaltung mit gewisser Nachdenklichkeit den Raum. In Erinnerung wohl auch noch den Ausspruch von Barbara Harder-Lutz aus Teschendorf, die nach zehnjährigem Aufenthalt in Kanada nach Fehmarn zurückgekehrt ist und sich in Anbetracht der großen Güllemenge und dem womöglich hinzukommenden Hühnerkot laut die Frage stellte: „Heilige Scheiße, wo soll das alles hin?“

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