Ehrenamtlich tätige Flüchtlingshelfer verurteilen neue Hausordnung / Martens Ziel: Für jeden eine Wohnung

Harsche Kritik an Stabsstelle Asyl

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Andreas Herkommer dankte im Namen der Stadtvertretung den ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern

FEHMARN -hö- Die jüngste Sitzung der Stadtvertretung verlief recht unspektakulär. Kaum Aufreger, abgesehen von der Einwohnerfragestunde, in der die ehrenamtlich tätigen Flüchtlingsbetreuer Bettina und Wilfried Weylkirchner mächtig Dampf abließen. Adressat des Unmuts: die Stabsstelle Asyl der Stadtverwaltung.

Das Fass zum Überlaufen gebracht hat aus Sicht der Weylkirchners eine neue und am 15. September in Kraft getretene Hausordnung, die für sämtliche städtische Unterkünfte, in denen Flüchtlinge und Obdachlose untergebracht sind, gilt. In ihrem speziellen Fall beziehen sich die Weylkirchners auf die Unterbringung einer sechsköpfigen Familie aus Eritrea, die alle schul- beziehungsweise integrationskurspflichtig sind und in der Einrichtung am Eschenweg untergebracht sind. Die 15-jährige Tochter der Familie, die die Inselschule besucht, hat unlängst ein Stipendium im Rahmen des sogenannten „Start“-Programms für talentierte Jugendliche erhalten (wir berichteten).

Wilfried Weylkirchner erhob derweil schwere Vorwürfe gegen die Stadtverwaltung.

Nach Auffassung von Bettina und Wilfried Weylkirchner verstößt die neue Hausordnung in Teilen sogar gegen das Grundgesetz. Sie führen die Artikel 13 GG (Unverletzlichkeit der Wohnung) und 2 GG (Freie Persönlichkeitsentfaltung) an. So sei es den zwei heranwachsenden Mädchen der Familie nicht gestattet worden, Schreibtische, eigene Betten und Schränke aufzustellen. Stattdessen müssten weiterhin zwei Doppelstockbetten aus Metall und zwei Industrie-Doppelspinde aufgestellt werden, kritisiert Wilfried Weylkirchner. Zudem dürfe in den Räumlichkeiten nach 22 Uhr kein Besuch mehr empfangen werden.

Die sechsköpfige Familie lebe dort seit drei Jahren in einer viel zu kleinen 60 Quadratmeter großen Wohnung. Schulmaterialien, Winter- und Sommerkleidung sowie Schuhe lagerten in Plastiktüten, Kisten und Koffern auf dem Spind, in Zimmerecken oder unter dem Bett, berichtet Bettina Weylkirchner, die es bedauert, dass bisher sämtliche Bemühungen, für die Familie auf dem freien Wohnungsmarkt eine größere Wohnung zu finden, fehlgeschlagen seien. Auf die jüngste Anzeige habe es eine einzige Reaktion gegeben, berichtete sie. Bei dieser sei sie dann von der anrufenden Person aufs Schärfste beschimpft worden.

„Ich kann das Ganze nicht nachvollziehen“, reagierte Bürgervorsteherin Brigitte Brill (SPD) auf die erhobenen Vorwürfe und die beschriebene Situation mit einer Mischung aus Besorgnis und Ratlosigkeit. Gleichzeitig bot sie an, Gespräche zu führen mit allen Beteiligten. Nicht viel anders erging es den anderen Stadtvertretern, die einerseits daran erinnerten, dass sicherlich bestimmte Auflagen zu erfüllen seien, andererseits aber auch an die Verwaltung appellierten, Herz zu zeigen. Andreas Herkommer (SPD) sprach den ehrenamtlich tätigen Flüchtlingshelfern im Namen der gesamten Stadtvertretung seinen Dank aus und verurteilte die Anfeindungen, die die Weylkirchners über sich hätten ergehen lassen müssen.

Gegenüber dem FT macht Asylkoordinator Kurt-Henning Marten, der die Stabsstelle Asyl leitet, auf Nachfrage deutlich, dass mit der neuen Hausordnung ein rechtlicher Rahmen geschaffen worden sei, der es der Stadt Fehmarn ermögliche, flexibel auf mögliche Zuweisungen durch den Kreis Ostholstein zu reagieren. Deshalb auch die einheitliche Ausstattung der Räumlichkeiten in den einzelnen Unterkünften. Zusätzliche Möbel in den Räumen erhöhten zudem die Schimmelgefahr, ergänzt Marten.

„Wir sind durchaus flexibel, man muss nur mit uns reden“, macht der Asylkoordinator aber auch deutlich, dass die neue Hausordnung auch Spielräume besitzt, wenn es heißt: „Eigene Möbel und Einrichtungsgegenstände bedürfen der Genehmigung.“ Gleiches gelte für Dekorationen, Teppiche und Elektrogeräte. Radios und TV-Geräte seien grundsätzlich erlaubt.

Aktuell 140 Flüchtlinge und 23 Obdachlose

Zurzeit gibt es nach Martens Angaben auf Fehmarn 140 Flüchtlinge, von denen bereits 33 Prozent in selbst angemieteten Wohnungen lebten, sowie 23 Obdachlose. Wohnraum für Flüchtlinge, den die Stadt Fehmarn zur Verfügung stellt, gibt es in Albertsdorf, Vadersdorf und Puttgarden sowie im Eschenweg in Burg.

„Ich möchte, dass jeder, der auf Fehmarn lebt, eine eigene Wohnung hat.“ Das sei seine Zielsetzung, versichert Marten. Täglich schaue er sich um, was sich auf dem Wohnungsmarkt tut. Entsprechende Informationen leite er sofort an die Wohnungssuchenden weiter.

Auch Bürgermeister Jörg Weber (SPD) und die Stadtvertreter wissen um die schwierige Situation auf dem Wohnungsmarkt. „Wohnungen zu finden, ist sehr, sehr schwer“, bedauert Brigitte Brill.

Gegenüber dem FT kündigte der Bürgermeister an, dass das Thema Flüchtlingsunterkünfte in der nächsten Sitzung des Hauptausschusses am 6. November (Dienstag) auf die Tagesordnung kommt und Asylkoordinator Kurt-Henning Marten dort Bericht erstatten wird.

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