Eigenbedarf als Ferienwohnung: Schwerbehinderter wird zwangsgeräumt

Hoffen auf ein kleines Wunder

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Thorsten Hesse an der Tür seiner kleinen Doppelhaushälfte. Bis zum Ende des Monats muss er ausziehen

Fehmarn –mb– „Notfallpacken“, so beschreibt Thorsten Hesse seine derzeitige Hauptbeschäftigung, als er zwischen bis zur Decke gestapelten Kisten in seinem Zuhause mit dem FT spricht. Der schwerbehinderte 54-Jährige muss am Ende des Monats aus seiner Doppelhaushälfte im Staakensweg raus. Zwangsräumung wegen Eigenbedarf. Eine schmerzliche Erfahrung, die er, damals noch zusammen mit seiner Frau, die ihn aber aufgrund der psychischen Belastung 2017 verlassen hat, schon einmal erleben musste.

  • Vermieterin kündigt trotz Lebenszeitmietvertrag
  • Neuer Vermieter nutzt Gesetzeslücke aus 

Damals, kurz vor der Obdachlosigkeit, die glückliche Fügung: 2013 wird Fehmarn zur neuen Heimat. Eine alte Schulfreundin hört von der Situation, bietet ihm und seiner Frau eine Bleibe an mit Lebenszeitmietvertrag. „Mit allen Vollmachten“, erinnert sich Hesse an einen verheißungsvollen Neuanfang – passend für das „Campingplatzkind“, wie sich der gebürtige Hamburger bezeichnet, der einen Großteil seiner Kindheit und Jugend auf Fehmarn verbracht hat

Wieder beginnt ein mühsamer und langwieriger behindertengerechter Umbauprozess, bei dem allerdings zahlreiche Mängel am Haus zutage treten. Das Nötigste habe er selbst getragen, aber „irgendwann müssen Fachfirmen ran“. Mit der Zeit entwickelt sich „ein böses Mietgeschehen“, wie es Hesse beschreibt. Zudem kann seine Vermieterin die Doppelhaushälfte nicht mehr halten, und es kommt letztlich zur Zwangsversteigerung. Kurioserweise kündigt ihm seine Vermieterin, trotz der Art des Mietvertrags, noch kurz vorher. Sein Widerspruch geht daraufhin zwei Tage zu spät bei Gericht ein, da Hesse, der stets eine Begleitung braucht, wenn er draußen unterwegs ist, nicht rechtzeitig zur Post kommt.

Räumung, obwohl das Urteil noch aussteht

Im März 2019 erhält er vom neuen Eigentümer ein Schreiben, „das glich einer Kriegserklärung. Es war einer der schlimmsten Tage meines Lebens.“ Seitdem kämpfen Hesse und sein Anwalt vor Gericht. Das Amtsgericht in Oldenburg, wo Hesse aufgrund der kurzen Frist nicht selber erscheinen konnte, entschied gegen ihn. Er geht in Berufung. Zwar steht das Urteil am Landgericht in Lübeck noch aus, aber durch eine Gesetzeslücke muss Hesse trotzdem zum Ende des Monats raus sein. Zur Anwendung kommt das sogenannte Berliner Modell: Alles, was bis zur Frist nicht aus dem Haus ist, gehört dem Vermieter. Hesse verliert also nicht nur sein für ihn umgebautes Zuhause, sondern auch das schwere und komplex eingebaute Equipment, was fachgerecht demontiert werden müsste. Ein zuletzt eingereichter Räumungsschutzantrag für sechs Monate hat das Amtsgericht Ende letzter Woche abgelehnt.

„Es ist extrem, das nagt furchtbar an mir“

Bis 1997 sieht das Leben des Wahlfehmaraners noch anders aus. Ausgebildeter Feuerwehrmann, Wachenleiter und Rettungsassistent. Ein schwerer, unverschuldeter Verkehrsunfall beendet für den damals 32-Jährigen den Dienst an der Allgemeinheit. Zwei Jahre Krankenhaus und Reha folgen. Seitdem ist Hesse aufgrund einer schweren Rückenmarksverletzung auf einen Rollstuhl angewiesen. Seine jetzige Lage wünsche er niemandem. „Ich kämpfe schon seit 22 Jahren, aber jetzt ist es extrem. Das nagt furchtbar an mir.“ Die Insel verlassen möchte der 54-Jährige auf keinen Fall. „Früher war ich 24 Stunden am Sauerstoffgerät. Seitdem ich hier lebe, hat sich meine Atmung verbessert, ich bin beweglicher geworden.“ Hinter der kleinen Doppelhaushälfte ist zudem ein rund 600 Quadratmeter großer Garten. „Hier baue ich an, das ist meinePhysiotherapie.

Mit der Stadt stehe er in Kontakt, dort „ist man bemüht“, aber die Unterbringungsmöglichkeiten sind eher ungeeignet. Hesse nennt einen Platz im Pflegeheim. „Ich bin aber autark, selbstständig.“ Auch das Angebot, in der ehemaligen Flüchtlingsunterkunft in Puttgarden unterzukommen, weit weg von jeglicher Versorgung und nicht behindertengerecht, kann für ihn nicht infrage kommen.

Seinen Vermieter, einen Zahnarzt aus dem Hamburger Raum, der um seine Situation wisse, hat Hesse noch nie gesehen. „Alles lief über die Anwälte. Wir haben uns noch nie persönlich kennengelernt.“ Der neue Eigentümer, entweder nach einer Grundsanierung oder einem Neubau, wird die Immobilie als Zweitwohnsitz nutzen, weiß Hesse und hofft auf ein kleines Wunder.

Wer von einer behindertengerechten Wohngelegenheit weiß oder selbst anbietet, kann sich bei der Stadt oder dem FT melden.

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