Mehrwegbecher-Pfandsystem läuft auf Fehmarn nach coronabedingter Zwangspause langsam wieder an

Jetzt wird wieder „gebechert“ auf Fehmarn

Beate Lehnert zeigt die Mehrwegbecher mit neuen Aufklebern.
+
Beate Lehnert zeigt die Mehrwegbecher mit neuen Aufklebern.

Fehmarn –nic– Jeder Coffee-to-go – eine Umweltsünde. Praktisch mögen sie ja sein, die Becher für den Kaffeegenuss für unterwegs, aber ökologisch ein Fiasko. Jedes Jahr verbraucht Deutschland 2,8 Milliarden Einwegbecher und -deckel. Würde man diese stapeln, entstünde ein 300000 Kilometer hoher Turm. Wären die Becher zur Kette gespannt, ließe sich damit mehr als 7-mal die Erde umrunden. Das hat die Deutsche Umwelthilfe ausgerechnet. Und noch mehr. Jeder Deutsche verbraucht 34 Einwegbecher im Jahr, die wenige Minuten gebraucht und dann weggeworfen werden. Bundesweit fallen jeden Tag rund 7,6 Millonen To-go-Becher an. Das macht stündlich in Deutschland 320000 Einwegbecher.

Unglaubliche Zahlen, die sich die wenigsten ins Bewusstsein rufen. Auch nicht, wenn’s ans Entsorgen geht. Ex und Hopp. Und sind die Abfallbehälter vor Kaffee-Takeaways schon voll, landet auch schon mal ein Becher daneben. Auch auf Fehmarn sind schleichende Vermüllung und Becher ein Thema. Und ein Problem. Für die Meere ohnehin. Die Ozeane versinken im Plastikmüll. Schätzungen zufolge treiben rund 150 Millionen Tonnen Plastik in den Weltmeeren, und jährlich kommen bis zu 9 Millionen Tonnen dazu – mit verheerenden Konsequenzen für das marine Ökosystem. Fehmarn hält dagegen. Mit der Initiative „im meer weniger plastik“. Seit 2015 sagt eine Gruppe lokaler Akteure unter der Federführung des Umweltrates der Vermüllung auf Fehmarn den Kampf an. Schluss mit Plastiktüten und Verpackungen, weg auch mit Kippen an Fehmarns Stränden und dort, wo die Stummel noch überall sorglos in die Landschaft geworfen werden. Unter dem Inseldach „im meer weniger plastik“ siedelt sich auch „Meerweg fürs Meer“ an, das der NABU als Pilotprojekt 2016 auf Fehmarn etablierte. Seitdem können Urlauber und Einheimische bei ausgewählten lokalen Gastronomiebetrieben bei Speisen und Getränken, die sie für den Außer-Haus-Verzehr verkaufen, umweltfreundliches Mehrweg- statt Einweggeschirr benutzen. Gekoppelt ist das Ganze bekanntlich an ein Pfandsystem. Für den Mehrwegbecher hinterlegt der Kunde einen Euro Pfand, für den Deckel noch einmal 50 Cent. Abgegeben werden können leere Becher nebst Deckel bei allen Anbietern, die sich am Mehrweg-Pfand-Projekt beteiligen.

Aller Anfang ist schwer

Die Anfänge waren nicht leicht. Beate Burow vom Umweltrat erinnert sich an die ersten Gehversuche und gestarteten Versuchsballone. Der erste Becher-Typ, in der Schweiz getestet, erfüllte längst nicht alle Erwartungen. Bei warmen Getränken wurde er schnell zu heiß, und der Deckel saß zu fest, sodass sich der Tee- oder Kaffeetrinker beim Hantieren mit dem Becher auch schon mal einen Teil des Inhalts über die Finger goss. Schon schnell wurde der Umweltrat bei seiner Suche nach einem geeigneten Becher-System auf Fair Cup aufmerksam. Dieser Becher besteht aus Polypropylen und ist zu 100 Prozent recyclebar. Er hat Wärmebarrieren als Hitzeschild, ist lebensmittelecht, geruchs- und geschmacksneutral, ist spülmaschinenfest für mindestens 500 Gebrauchszyklen und bis zu 1000-mal waschbar. Es gibt ihn in zehn unterschiedlichen Farben von transparent bis blickdicht mit Trink- und Verschlussdeckeln, sodass nicht nur Heiß- oder Kaltgetränke, sondern auch Quark, Obstsalat, Joghurt, Eis oder Müsli den Weg in die Becher finden können. Derzeit sind sie in den Größen 0,2, 0,3 und 0,4 Liter im insularen Pfandsystem unterwegs. Becher und Deckel bleiben ohne Abstriche dem Wertstoffkreislauf erhalten.

Beate Lehnert engagiert sich für den Schutz der Meere

Fair Cup verzichtet auf eine Bedruckung mit Farbe, die den Rohstoff verunreinigen würde. So kann der Becher zu 100 Prozent recycelt werden. „Fair Cup produziert keinen Müll“, erklärt Beate Lehnert. Die Pfandware geht zum Hersteller, der Granulat daraus macht und daraus erneut Becher und Deckel, die wieder, in diesem Fall, nach Fehmarn und abermals in den Mehrweg-Pfand-Umlauf gehen, schildert sie. Die gelernte Diplom-Sozialwirtin, die seit 2016 auf der Insel lebt und sich bereits seit vielen Jahren im Umweltschutz engagiert, weiß bestens Bescheid.

Auch privat ist das ein Thema: ob Bio-Lebensmittel, ökologisches Bauen, der Schutz des Meeres, des Bodens, von Mensch und Tier liegen Beate Lehnert am Herzen. Bis sie nach Fehmarn zog, hatte sie gemeinsam mit ihrem Mann eine Firma für selbst entwickelte ökologische Wand-, Flächen-, Heiz- und Kühlelemente, mit Lehm oder Kalk verputzbar, die jetzt in Thüringen weitergeführt wird.

Das Mehrweg-Pfandsystem lief auf Fehmarn schleppend an. Von Berlin aus hatte der NABU keine Möglichkeiten, das Heft des Handelns selbst in die Hand zu nehmen und stellte, um die Sache zu befördern, Beate Lehnert, die inzwischen auch Beate Burow vom Umweltrat kennengelernt hatte, als Projektmitarbeiterin „im meer weniger plastik“ für das Mehrweg-Projekt ein.

Kräftig Akquise: Aus fünf mach 20

Und dann lief’s. Beate Lehnert hat 2018 und 2019 kräftig Akquise betrieben. Die Zahl der mitmachenden gastronomischen Betriebe schoss von fünf auf 20 in die Höhe. Es brummte recht ordentlich. Registrierte auch der NABU-Bundesverband, und übergab das Mehrweg-Projekt, was die operative Umsetzung anbelangt, Ende vergangenen Jahres an Beate Burow und Beate Lehnert, die seit März bei der Stadt angestellt und jetzt für den Umweltrat tätig ist.

„Das Mehrweg-Pfandsystem lief im vergangenen Jahr bombig“, hatte sich Beate Lehnert für dieses Jahr schon gefreut, das gute Grundgerüst an Mitwirkenden noch weiter ausbauen zu können.

Dann kam Corona. Und die Unsicherheit ging um. „Durch Corona wurden wir ausgebremst“, so Beate Lehnert, die sich gewünscht hätte, zum jetzigen Zeitpunkt schon viel weiter zu sein. Doch Anfang des Jahres habe kaum jemand für das Pfand-Mehrweg-Thema einen Kopf gehabt. Viele wussten nicht, ob und wann sie wieder öffnen durften und haben sich daher nicht mit neuen Bechern versorgt, beschreibt Beate Lehnert, die aber, wie Beate Burow auch, grundsätzlich beruhigen kann. „Auch in Zeiten von Corona ist das Mehrweg-System komplett sicher.“ Wichtig sei nur, dass das Geschirr bei mindestens 60 Grad gespült werde. Das war vor Corona allerdings nicht anders. Insofern sehen Beate Burow und Beate Lehnert keinerlei Veranlassung, in der momentanen Situation wieder auf Einweg-Becher zurückzugreifen.

Einiges hatte Beate Lehnert auf dem Zettel. Die Themen Spülstationen und Pfandautomaten für Mehrwegbecher hätten in Gesprächen mit dem Göttinger Unternehmen Fair Cup schon abgehakt sein sollen. Jetzt wird alles zwangsläufig verschoben. Da freut es Beate Lehnert, dass zumindest die neuen Aufkleber für die Deckel der Pfandbecher da sind, die zuvor noch den NABU-Aufkleber trugen und jetzt mit dem Schriftzug Fehmarn, einem Schweinswal und der Aufschrift „im meer weniger plastik“ versehen sind.

Langsam kommt wieder Schwung in die Sache

Nach der coronabedingten Zwangspause kommt jetzt langsam wieder Bewegung in die Mehrwegbecher-Geschichte. Die gastronomischen Akteure durften wieder öffnen, und werden mit Sicherheit demnächst Besuch von Beate Lehnert bekommen, die sich dann erkundigen wird, ob die Teilnahme am Mehrwegbecher-Pfandsystem für den ein oder anderen Interessierten auch in Frage kommt.

Ob die „Villa“ in Orth, das Lebensmittelgeschäft auf dem Campingplatz Klausdorf oder Elli’s Snackeria in Gollendorf, die übrigens als einzige Mitwirkende in der Pfandsystem-Kette auch Mehrwegschalen für, beispielsweise, Suppe an ihre Gäste ausgibt … – einige Fehmaraner sind schon dabei, und Beate Burow und Beate Lehnert würden sich freuen, wenn noch mehr gastronomische Betriebe oder andere mitmachen würden.

So wie die Bäckerei Junge, die, losgelöst vom Mehrwegbecher-Pfandsystem, per se in umweltfreundliche Fair-Cup-Proukte investiert. Oder der Fehmarner Freundeskreis mit Gertraut Brocks an der Spitze, der seit Jahren vor allem neben dem Burger Rathaus am Wochenmarkt-Stand mit Matjes-Brötchen und Kröpeln Spenden sammelt. Der Sekt wird, wenn es wieder losgeht, jetzt in Fair-Cup- Bechern ausgeschenkt.

Vorzeigeprojekt mit bundesweiter Strahlkraft

Fair Cup. Ein Vorzeigeprojekt mit bundesweiter Strahlkraft. Und dabei begann es als Schulprojekt der Berufsbildenden Schule (BBS) II in Göttingen. Für die Entwicklung und Verbreitung des zu 100 Prozent recycelbaren Pfandbechers Fair Cup zeichnete die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen die Berufsbildende Schule 2018 im Rahmen des Deutschen Ressourceneffizienzprogramms „ProgRess“ als „Ressourcen-Schule“ aus.

Trinkhalme, Rührstäbchen für den Kaffee, Geschirr aus konventionellem Plastik und aus „Bioplastik“ sowie To-go-Becher und Einwegbehälter aus Styropor sollen verboten werden. Zum Schutz des Meeres und der Umwelt ist das Verkaufsverbot für Wegwerfartikel aus Kunststoff verabschiedet worden. Das Verbot gilt ab 2021. Einwegprodukte aus Kunststoff werden nicht nur in Deutschland verboten. Ab dem 3. Juli 2021 ist die Herstellung von Einwegplastik EU-weit dann nicht mehr erlaubt.

Während viele gastronomische Betriebe, die bisher noch auf Einweggeschirr setzen und es vielleicht noch bis zum letzten Poeng tun, sich dann kurzfristig umorientieren und ihr Sortiment umstellen müssen, macht der Umwetrat Fehmarn einfach weiter wie bisher und ist schon heute bestens auf die Einweg-plastikfreie Zeit vorbereitet.

Wer sich über das Pfandsystem auf Fehmarn weiter informieren möchte, kann sich an Beate Burow (04371 560654) wenden, die Becher und Schalen an Interessierte ausgibt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Regeln fürs Kommentieren: Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.