Terminalmanager Heiko Kähler (l.) und Chefkapitän Johannes Wasmuth hier mit Konzernsprecher Michael Speckenbach, der im Rahmen des gestrigen Neujahrsempfangs der Reederei Scandlines offiziell vorgestellt wurde.  Foto: Nicole Rochell

Neujahrsempfang: Weltwirtschaftskrise traf den Konzern volle Breitseite – Zahlen rückläufig

Kein gutes Jahr für Scandlines

Von Nicole RochellPUTTGARDEN / RØDBY • Aus wirtschaftlicher Sicht war das Jahr 2009, das wohl als eines der schwierigsten in die Weltwirtschaftsgeschichte eingehen wird, kein gutes Jahr.

Auch nicht für die Reederei Scandlines. Das Sturmtief mit dem Namen „Weltwirtschaftskrise“ erwischte den Konzern volle Breitseite. Obendrauf noch Themen wie der Dauerbrenner Feste Fehmarnbeltquerung und die Konkurrenz durch zwei norwegische Reedereien, die auf der Vogelfluglinie fahren wollen und laut Bundeskartellamt nun auch dürfen, wie seit gestern Nachmittag feststeht – für Scandlines kommt es derzeit knüppeldicke.

• Einschneidende

• Maßnahmen

Terminalmanager Heiko Kähler erinnerte sich im Rahmen des gestrigen Neujahrsempfangs an Bord der „Schleswig-Holstein“ nur ungern an die Krise, die einschneidende Maßnahmen erforderte, um trotz rückläufiger Transport- und Passagierzahlen dennoch Ergebnisse erzielen zu können, „die unsere Eigentümer befriedigen und unsere finanziellen Verpflichtungen erfüllen“, so Kähler.

„Wir mussten verschiedene Maßnahmen ergreifen und Standorte zusammenlegen. Es konnten leider durch reorganisatorische Umstrukturierungen nicht alle Mitarbeiter weiter beschäftigt werden. In Absprache mit den Betriebsräten mussten Tariferhöhungen für unsere Mitarbeiter zeitlich verschoben werden. An Bord unserer Schiffe haben wir ein neues Seewachsystem eingeführt“, so Heiko Kähler.

Fünf Tage am Stück müssen die Seeleute von Scandlines, vom Mechaniker bis zum Kapitän, im 45-Minuten-Takt hin- und herfahren. Auf fast allen Scandlines-Routen läuft das Seewachsystem sogar mit sieben Tagen Dienst und Freizeit an Bord. Die Reederei will damit Geld sparen, die Belegschaft ist sauer. Ein großes Thema, wir erinnern uns, war das Thema Seewache bereits im Januar 1997. Die damalige Fährgesellschaft Ostsee (DFO) hatte auf ihren Fähren sogar eine 14-tägige Seewache einführen wollen. Seinerzeit war der damalige CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Rolf Olderog an der Spitze der gegen die Seewache protestierenden Fährschiffer marschiert. Der Protest hatte Erfolg. Die DFO zog ihre Pläne vorerst wieder zurück.

Die von Scandlines umgesetzten Maßnahmen – Reaktionen auf die Krise, die für die Reederei rückläufige Zahlen im Gepäck hatte.

• Transport- und

• Passagierzahlen

• rückläufig

Die Transportzahlen seien nach vielen Jahren einer positiven Entwicklung nach 2008 nunmehr auch 2009 zurückgegangen, so Puttgardens Terminalchef Heiko Kähler. „So haben wir auf der so genannten Vogelfluglinie mit 6,3 Millionen Passagieren erneut 400 000 Passagiere zum Vorjahr (6,7 Millionen) verloren. Mit 1,6 Millionen Pkw sind wir zirka sechs Prozent unter dem Vorjahr mit noch 1,77 Millionen Pkw geblieben und im Frachtbereich sind uns die Lkw-Mengen von 370 000 auf 315 000 Einheiten weggebrochen. Das entspricht einem Minus von 15 Prozent“, machte Heiko Kähler deutlich.

Nehme man allerdings den gesamten Warenaustausch im In- und Export zum Vergleich, habe Scandlines dem Negativtrend gerade in den letzten Wochen trotzen können, „denn im Frachtmarkt liegen die Rückgänge bei über 20 Prozent im Vergleich zum Vorjahr“, so Kähler, der, wie schon gute Tradition bei einem Neujahrsempfang der Reederei, das Thema Beltquerung nicht aussparte.

„Die Frage der Hinterlandanbindung verkommt aus unserer Sicht mittlerweile zu einer Farce“, so Kähler. Bauhafen ja oder nein ? Und wo ? ICE-Halt auf Fehmarn oder künftiger Regionalbahnhof ? Elektrifizierung der Schienentrasse ? Interkommunales Gewerbegebiet auf dem Festland ? „Man hört von einer möglichen Nachnutzung des Hafens Puttgarden als Sportboothafen. Andere wiederum bringen Puttgarden als Tiefseehafen ins Spiel“, so Kähler. Nach all den „Wort-Highlights“ wie „Planfeststellungsverfahren“ „Großbaustelle als touristisches Ziel“, „neue Fehmarnsundbrücke“, „Verlegung der Bahntrasse“, von einem „Supergau für die Küstenorte“ sei die Rede, auch die viel zitierte Ratifizierung des Staatsvertrages sei zu einer beliebten Vokabel geworden, so Kähler. Nicht zu vergessen die jüngst bekannt gewordene Streichliste der Deutschen Bahn. „Hoffentlich geht bei all diesem Wort-Ratespiel die Insel Fehmarn nicht gänzlich leer aus“, so Kähler, der „ganz stark“ an die Kommunal- und Landespolitiker appellierte, „ein wenig mehr Licht ins Dunkel der öffentlichen Diskussion zu bringen.“ Heiko Kähler geht davon aus, „dass wir als Reederei Scandlines nach dem heutigen Stand der Dinge im Jahre 2018 im direkten Wettbewerb zwischen Puttgarden und Rødby stehen.“ Er kann die Diskussion um eine Brücke oder einen Tunnel „absolut nicht verstehen“. „Nach meinem Kenntnisstand verursacht eine Tunnellösung ,nur‘ eine Milliarde Mehrkosten. Müssen wir noch diskutieren, ob aus ökologischen Gründen eine Brücke oder ein Tunnel gebaut werden wird ? – Es kann und es darf zur Schonung unserer Umwelt nur eine Tunnellösung dabei herauskommen“, so Kähler. Die Europäische Kommission prüfe weiterhin eine Beschwerde des insularen Aktionsbündnisses. „Das Ganze unter dem Hauptvorwurf einer Verletzung der EU-Vergaberichtlinien“, so Kähler. Hinzu kämen die Bedenken des Bundesrechnungshofes, die Wirtschaftlichkeit des Projektes anzuzweifeln, „die zudem einer veralteten Kostenkalkulation für die Hinterlandanbindung unterliegt.“ Ein Drittel des gesamten Pkw-Verkehrs seien produzierte Verkehre, die nur einen sehr geringen Anteil des Normaltarifs zahlten. „In den Kalkulationen schlagen diese Mengen aber als Vollzahler zu Buche. Für mich ist das ein schlechter Witz“, so der Terminalmanager. „Eines kann ich Ihnen allerdings nach heutigem Stand der Dinge versichern“, wandte er sich an die Gäste des Neujahrsempfangs. „Wir werden auch nach Fertigstellung einer festen Querung weiterhin zwischen Puttgarden und Rødby mit unserem Fährverkehr agieren.“ Die Reederei Scandlines schaue positiv in die Zukunft. Derzeit untersuche Scandlines zusammen mit einer Werft die Finanzierungsmöglichkeiten für zwei neue Fährschiffe auf der Strecke Rostock-Gedser, „und auch unsere neue mit demnächst zwei Schiffen befahrene Route Travemünde-Ventspils bestätigt das.“ Hinsichtlich der Wettbewerbsbehörde, die den interessierten norwegischen Reedereien Bastø Fosen und Eidsiva die Mitnutzung des Fährhafens Puttgarden am Nachmittag zugesagt hat, sagte Heiko Kähler mittags auf dem Neujahrsempfang: „Der Marktanteil, sprich ,der Kuchen‘ zwischen Puttgarden und Rødby, werde dadurch nicht größer, „es findet lediglich eine Umverteilung der Verkehrsmengen statt.“

Konkurrenz sei sicherlich anfangs gut für den Kunden, so Johannes Wasmuth, Chefkapitän auf der Linie, der als Vorsitzender des Nautischen Vereins Vogelfluglinie anlässlich des Neujahrsempfangs ein Grußwort an die Reederei richtete. Doch Konkurrenz könne auch schnell ruinös werden. Konkurrenz heiße, die gleichen hohen Standards und den gleichen Schiffsbetrieb zu gewährleisten, bedeute, auch regelmäßige Abfahrten, zum Beispiel nachts um 2.30 Uhr, und dürfe nicht bedeuten, die Fährlinie noch vor Einsatz eines Schiffes wieder zu veräußern, zum Beispiel an die Brückenbetreiber, erinnerte Wasmuth an das „unrühmliche Ende“ der damaligen Konkurrenz auf der Linie Gedser-Rostock.

Es sei jetzt wichtig, positive Signale für die Zukunft zu setzen. Neubauten für die Linie Gedser-Rostock seien ein erster und richtiger Schritt, ebenso die Eröffnung neuer Routen von Lübeck ins Baltikum. Aber auch Puttgarden selbst dürfe als Zukunftshafen und Reedereistandort nicht ins Abseits geraten. „Hier werden sicherlich noch viele Geschäftsfelder möglich sein“, so Wasmuth. Der appellierte an die Reederei: „Seien Sie auch in Zukunft ein sicherer Garant für Fehmarn, für den Fährhafen Puttgarden und natürlich auch für die damit verbundenen Arbeitsplätze.“

ft-online/lokales vom 28. Januar 2010

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