Der Verein Quadkinder überraschte krebskranken Jungen und lud ihn und Freunde zu Touren ein

Ein Konvoi für Nico

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Verwandte, Freunde und Bekannte und die Kameraden der Jugendwehr waren mit von der Partie, um Nico (links im Bild mit Schild) auf seiner Quad-Tour zu begleiten.

Fehmarn – Von Nicole Rochell Ein Konvoi für Nico. Das LF 16 der Feuerwehr Westfehmarn vorneweg, mit Blaulicht und Martinshorn. Ein Trecker und ein Roller, den sein Bruder Pascal fährt, und als Schlusslicht das TSF-W – alle sind sie mit von der Partie. Ein bunter Tross begleitet vom Hupen der Quads, sieben an der Zahl, die nur ihm zu Ehren unterwegs waren. Und er, Nico, mittendrin. Hintendrauf auf dem Quad, das sein ältester Bruder Christian steuert. Kurs: Orther Hafen. Die Sonne scheint, und Nico lacht.

Unbeschwerte Momente wie diese waren in letzter Zeit selten. Das Glück hat in diesem Jahr nicht oft an die Tür des 15-Jährigen aus Püttsee geklopft. Statt Schulbesuchen, Fußball spielen und seine Teilnahme in der Jugendwehr nur Krankheit, Schmerz, Angst und Leid. Und immer wieder kämpfen.

Im Rahmen der Jahreshauptversammlung der Jugendwehr im Inselwesten Mitte Februar war Nico, zu seiner großen Freude, zum stellvertretenden Jugendgruppenleiter gewählt worden. Drei Tage später dann das niederschmetternde Ergebnis einer Gewebeentnahme (Biopsie): Verdacht auf Leukämie, Blutkrebs. „Wir waren wie erstarrt, als hätte man uns den Boden unter den Füßen weggezogen“, so Nicos Mama Sandra Schmahl. Die ganze Familie stand unter Schock. Neben Nico haben Sandra und Bernd Schmahl noch drei weitere Söhne, 22, 20 und 18 Jahre alt.

Noch am selben Tag ging es für Nico zur Kinderonkologie in die Lübecker Uniklinik, wo sich Professor Dr. Lauten und das Personal auf der Station A118 um ihn kümmerten. Nach einer dreistündigen Untersuchung mit Lumbal- und Knochenmarkpunktion konnten die Ärzte, was den Verdacht auf Leukämie anbelangt, zwar Entwarnung geben, diagnostizierten allerdings ein kutanes, lymphoblastisches B-Zelllymphom, Stadium 3, auch Non-Hodgkin-Lymphom genannt, eine Krebsart, die bei Nico besonders die Lymphdrüsen in der Haut befällt, was sich nicht zuletzt durch schmerzhafte Gnubbel und dunkellilafarbene, immer größer werdende Flecken auf der Haut bemerkbar macht.

In der gesamten Zeit, die Nico stationärer Patient der Kinderonkologie war, war Sandra Schmahl bei ihm, und Bernd Schmahl ist jeden Tag, wenn es seine Arbeit zuließ, nach Lübeck zu Nico gefahren, was organisatorisch und finanziell nicht einfach war.

Nico hat in den vergangenen acht Monaten viel durchgemacht. 69 Chemospritzen hat er über sich ergehen lassen, war oftmals schlapp und niedergeschlagen, ständige Übelkeit war sein Begleiter, er litt unter Schleimhautauflösung und bekam Morphin gegen die Schmerzen. Die Chemotherapie blieb nicht ohne Nebenwirkungen: Nierenversagen, Wassereinlagerungen in der Lunge und im Körper, Nico erlitt einen Schlaganfall und Lungenentzündungen, war mehrmals auf der Intensivstation. „Unser Leben hat sich komplett geändert. Es ist nichts mehr, wie es vorher war. Ich bin oft an meine Grenzen gestoßen“, so Sandra Schmahl, die bei jeder Fahrt zur Uniklinik immer eine Tasche mit Wechselkleidung im Kofferraum dabei hatte.

Am Montag fand die Abschlussuntersuchung in Lübeck statt, das Resultat soll in etwa einer Woche, im Rahmen einer Ergebnisbesprechung, vorliegen. Professor Dr. Lauten sei zuversichtlich, dass der Krebs weg ist, macht sich Sandra Schmahl bis dahin Mut. Auch Nico ist hoffnungsvoll, hat er doch Anfang Dezember noch eine schöne Aufgabe zu erledigen, bevor er die Station A 118 mit allen Patienten und dem liebevollen Pflegepersonal hoffentlich für immer verlassen wird. Es wird ein Glockenfest geben, ein Abschiedsfest von der Station, wo er dann künftig nicht mehr stationär sein wird. Er bekommt eine Schärpe, es wird gesungen, und Nico darf zum Abschied eine Glocke auf der Station läuten und damit allen anderen Kindern dort Mut machen, auch vielleicht einmal diese Glocke zu läuten.

Bereits jetzt ist Nico in der Erhaltungsphase, bekommt orale Chemo bis März 2021. Die nächsten drei Jahre wird Nico auch Tabletten nehmen müssen, um einen zweiten Schlaganfall zu verhindern. Im nächsten Jahr steht für Nico eine Reha an. Es geht nach Sylt.

Eine schwere Zeit liegt hinter Nico, doch Freunde, Bekannte und liebe Weggefährten haben den 15-Jährigen, der für seine soziale und hilfsbereite Art geschätzt wird, nicht vergessen und ihm bereits kleine Freuden in der Zeit seines Krankenhausaufenthalts beschert. Nico Schmahl, der für die JSG spielt aber wie seine gesamte Familie Mitglied beim TSV Westfehmarn ist, hat von West eine schöne Aufmerksamkeit erhalten: ein Trikot mit seinem Namen und seiner Nummer, unterschrieben von Spielern, die Nico eine schnelle Genesung wünschen. Maxi Merkle vom TSV West hat Nico das Trikot und einen Präsentkorb im Namen des TSV Westfehmarn überreicht.

Auch die Kameraden haben an ihn gedacht. Die stellvertretende Wehrführerin der Feuerwehr Westfehmarn, Manuela Jünemann, und ihr Mann Frank hatten Nico in der Uniklinik besucht und ihm einen Feuerwehrhelm überreicht. „Werd‘ schnell wieder gesund, die Feuerwehr braucht dich“, steht auf dem Helm, der die Unterschriften der aktiven Kameraden und die der Jugendwehr trägt. Nico hat sich sehr gefreut. Eine schöne Abwechslung zum Krankenhausaufenthalt, zu täglichen Physio- oder Logopädie-Therapiesitzungen und Tabletteneinnahmen. Erfreut war er auch über die Überraschung, die seine Mama Sandra für ihn vorbereitet hatte. Sie hatte Kontakt zu Quadkinder aufgenommen, ein Zusammenschluss von mittlerweile über 600 Quad-, Trike- und Side-by-Side-Fahrern in unterschied- lichen Regionalgruppen, die von Schleswig-Holstein bis nach Bayern und vom Niederrhein bis Sachsen quer durch Deutschland reichen. Sie wollen benachteiligten Menschen mit einer Mitfahrt auf ihren Fahrzeugen eine Freude machen.

Sandra Schmahl, die Joachim Kabey von Quadkinder kennt, hatte zu ihm Kontakt aufgenommen und ihm geschildert, wie es Nico geht und dass er sich bestimmt sehr über eine Quad-Tour freuen würde. Für Joachim Kabey keine Frage: Mit weiteren Fahrern der Gruppen Bremen, Hamburg und Umgebung und Schleswig-Holstein reiste er mit Quad an. Sieben Fahrer und ihre Maschinen waren schließlich reif für die Inseltour und für Nico and friends. Familie, Freunde und liebe Bekannte hatten sich am Feuerwehrhaus in Petersdorf eingefunden. Nicht nur Epizentrum des Berufsfeuerwehrtages, der am Wochenende, von Freitag um 18 Uhr bis Sonnabend um 18 Uhr, in Feuerwehrhaus und Lesehalle für die Kinder der Jugendwehr stattfand, sondern auch Treffpunkt für Quadfahrer und Mitfahrer. Hier gab es Kaffee und Kuchen. Alle, die zu Nicos kleiner Überraschungsparty gekommen waren, wurden von Karin Gardt vom DRK Petersdorf bewirtet.

Der Feuerwehrtag spielte nur noch die zweite Geige, als die Quads auf den Hof rollten. Da bekamen alle große Augen, nicht nur Nico. Der freute sich wie Bolle. Vor der Fahrt gab‘s für ihn ein Ehrenschild. Ein Geschenk von Oma und Opa. Und alle stellten sich für ein Foto vor dem Petersdorfer Feuerwehrhaus auf. Schließlich durfte Nico dann mit seinem Bruder Christian fahren – was will man mehr? Nach einem Stück Pizza und einem kleinen Päuschen machte sich Nico zum zweiten Mal zu einer Quad-Tour auf. Es ging zum Bojendorfer Strand. Wie war‘s, Nico? – „Cool“. Na bitte. Was für ein ereignisreicher Tag. Der forderte um 21 Uhr auf dem Schmahl‘schen Sofa seinen Tribut. Nico war glücklich, aber müde von Feuerwehrtag und Quad-Touren, eingeschlafen. Und träumte bestimmt: Von Einsätzen der Jugendwehr, von Quadfahrten oder seinem großen Ziel im Leben: „Ich möchte Notfallsanitäter werden.“

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