Stadtvertretung stimmte für die Gemeinschaftsschule

Maaß: „Bildung ist Lebensqualität“

Reformpädagoge Gerhard Jens stand der Stadtvertretung für fachliche Ausführungen zur Seite.

Von Nicole RochellBURG • Sie ist beschlossen, die Inselschule Fehmarn. Mit 15:6 bei einer Stimmenthaltung zog die Stadtvertretung Fehmarn am Mittwochabend ihrerseits einen Schlussstrich unter das Thema, das über ein Jahr lang so intensiv und kontrovers diskutiert wurde wie selten ein Thema zuvor.

Auch kurz vor der alles entscheidenden Abstimmung (wir berichteten) im bis auf den letzten Platz besetzten Senator-Thomsen-Haus wurde mehr als lauwarm diskutiert. Die Gesprächstemperatur sollte jedenfalls ausreichen, bei stellvertretendem Gemeindewehrführer Volker Delfskamp, der unter den Zuschauern saß, kurz vor 20.30 Uhr den Pieper zu aktivieren. Schornsteinbrand im Landkirchener Weg. Delfskamp musste los.

Vermutlich hätten gerne einige Stadtvertreter mit ihm getauscht. Oder mit Otto Köneke (CDU), der am Abend der finalen Abstimmung entschuldigt fehlte. „Es ist kein Stadtvertreter hier, der es sich heute leicht macht“, hatte Bürgervorsteherin Margit Maaß noch einmal verdeutlicht. Was sie selbst betrifft: Seit eineinhalb Jahren sei sie keine Nacht „allein“ im Schlafzimmer gewesen. Ihr Nachttisch sei mit einschlägiger Literatur immer gut bestückt gewesen. Mit jedem Psychologen, jedem Pädagogen, jedem Didaktiker habe sie die Nächte zugebracht, formulierte es die Bürgervorsteherin, habe in dieser Zeit so ziemlich alles an Fachliteratur gelesen, was der Markt zum Thema Gemeinschaftsschule hergebe. „Heute bin ich in meiner Meinung ganz klar“, so Maaß am Abend der Entscheidung.

Meyer mit Plädoyer für die Gemeinschaftsschule

„Bildung ist Lebensqualität, und die können wir niemandem vorenthalten“, so die Bürgervorsteherin kurz vor der Abstimmung.

Ein Plädoyer für die Gemeinschaftsschule hatte auch stellvertretender Schulausschuss-Vorsitzender Josef Meyer (CDU) im vorausgegangenen Schulausschuss zum Auftakt des vierstündigen Sitzungsmarathons gehalten.

Dies sei die Geburtsstunde der Gemeinschaftsschule auf Fehmarn. Auch wenn sich manche eine Fehlgeburt gewünscht hätten, eine Frühgeburt oder ungewollte Schwan- gerschaft in dem sähen, was da heranwachsen werde – „viele Eltern wollen das Kind und wir alle sollten es wohlwollend begleiten“, appellierte Meyer. „Wir sollten das Kind, das sehr viele Talente hat, annehmen.“ Von der „Patentante in Kiel“ sei das Kind schon genehmigt, so Meyer. Noch ein Jahr länger mit der Schule zu warten, wäre schade. „Gerade die Grundschuleltern warten darauf, dass die Schule losgeht.“

Los ging es in Schulausschuss und Stadtvertretung tatsächlich – mit einem Antrag auf Errichtung einer Modellschule zum Schuljahr 2008/ 2009, den bekanntlich Dr. Silke Struve-Blanck (CDU) und Carsten Mackeprang (FWV), unterstützt von Magrit La- frentz (CDU), präsentierten. Bei 2:8 Stimmen – Fürsprecher waren Magrit Lafrentz und Jürgen Rauert  – wurde der Antrag abgebügelt.

„Es handelt sich um einen völlig anderen Schultypus“, sah Joachim Nottebaum (SPD) den Antrag „als Ergänzungsantrag unzulässig“.

Lafrentz und Rauert stimmten später gegen die Gemeinschaftsschule, die in Reihen der Schulausschussmitglieder acht Befürworter fand (wir berichteten). Es gab Applaus für die Konzeptgruppe und Applaus, nachdem die Sitzung um 17.46 Uhr beendet war.

Noch einmal wurde frische Luft hineingelassen, dann füllte sich das Senator-Thomsen-Haus binnen kürzester Zeit. Mit 120 vergebenen Stühlen einer der Spitzenwerte in Sachen „volles Haus“.

„Die Stadt beschließt nicht über einen Ladenhüter“

Es gab nur ein Thema, das interessierte. Kein Einwohner meldete sich im Rahmen der Stadtvertretung in der eigens für seine Belange reservierten Fragestunde zur Wort. „Das hatte ich auch noch nicht“, so Margit Maaß. Es gab Bedeutenderes, am Mittwochabend. Die Gemeinschaftsschule.

Vorangestellt der Antrag der Interessengemeinschaft zielorientierter Eltern („Itze“) verbunden mit der Anhörung, die Hans-Herbert Filter für „Itze“ vorgetragen hatte. „Es fehlt gegenwärtig an wesentlichen Voraussetzungen für eine Genehmigung der Stadt zur Errichtung einer Gemeinschaftsschule. Dies hat uns gegen- über die bildungspolitische Sprecherin einer der Regierungsfraktionen im Landtag, Frau Herold – eine der Mitautorinnen des Schulgesetzes – bei unserem Gespräch am Montag hier auf der Insel ausdrücklich bestätigt. ... Frau Herold hat in diesem Gespräch darüber hinaus mit klaren Worten zum Ausdruck gebracht, dass auch das vorliegende pädagogische Konzept nicht genehmigungsfähig ist“, hatte Filter unter anderem ausgeführt. Ex-Schulleiter Gerhard Jens, der gemeinsam mit Ingrid Kaiser die wissenschaftliche Begleitung zum pädagogischen Konzept übernommen hatte, musste am Abend der Entscheidung gleich mehrmals ran. Sein Rat war gefragt, in der Stadtvertretersitzung, wie den anwesenden Schulleitern war auch Jens einstimmig Rederecht erteilt worden. Jens gab nicht viel auf die Aussage der bildungspolitischen Sprecherin. Der Entwurf sei abgestimmt mit zuständigen Mitarbeitern des Bildungsministeriums. „Es gibt keinen Hinweis darauf, dass der Antrag der Stadt nicht genehmigungsfähig sei. Die Stadt beschließt nicht über einen Ladenhüter.“

„Die Annahme, die Gemeinschaftsschule würde in ausreichender Zahl Schülerinnen und Schüler der Oberstufe zuführen, wird sich als trügerische Fehlannahme erweisen“, hatte „Itze“ formuliert. – „Meine Erfahrungen sind andere“, so der ehemalige Schulleiter der kooperativen Gesamtschule Elmshorn, Jens.

Ausgleichend wirkte Jens, als Dr. Silke Struve-Blanck (CDU) den Antrag auf eine redaktionelle Änderung im pä- dagogischen Konzept stellte. Das Ziel der Schule möge um „nach 8 oder 9 Jahre bzw. 12 oder 13 Jahre ergänzt werden. Der Antrag, dem mehrheitlich zugestimmt wurde, stieß nicht vollends auf Gegenliebe. „Jetzt noch an dem Konzept Änderungen zu stellen“, ging Joachim Nottebaum (SPD) entschieden zu weit. Wie Marianne Unger: „Wir haben gesagt, wir überlassen die Konzept-Erarbeitung den Fach- leuten und die Politik hält sich zurück. Ich bin entsetzt.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Regeln fürs Kommentieren: Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.