Die Surf-Pionioere Manfed und Jürgen Charchulla mit ihren Familien.
+
Corona hat dafür gesorgt. Feierten seit vielen Jahren Weihnachten mal wieder zusammen und auf Fehmarn: Die Surf-Pioniere Manfred und Jürgen Charchulla mit ihren Familien.

Manfred und Jürgen Charchulla verbrachten Weihnachten zusammen – auf Fehmarn

Das Paradies muss warten

  • Nicole Rochell
    vonNicole Rochell
    schließen

Die Surf-Twins Manfred und Jürgen Charchulla verbringen die Wintermonate eigentlich immer in der Karabrik. Die Corona-Pandemie machte nun einen Strich durch die Rechnung.

Fehmarn – „Süßer die Glocken nie klingen“ und „O Tannenbaum“ statt dösen in der Hängematte. Im Schatten zweier Palmen, während türkisfarbene Wellen seicht an den weißen Sandstrand plätschern. Aus der Horizontalen, trunken von der Sonne, den ziehenden Schönwetter-Wolken zuschauen, die Zehen in den Sand gesteckt. Nur atmen. Augen auf und wieder zu. Das war‘s. In weiter Ferne mal der Gedanke ans Kiten und Surfen. Okay, kann warten. Nur noch ein bisschen in der Hängematte. Den Moment, den Augenblick genießen. Das Hier und Jetzt. Nur die Hängematte und die Zeit, die so schön verstreicht beim viel beschäftigten Nichtstun. Oder vielleicht doch noch vom Strand aus ein wenig schnorcheln, baden im warmen Meer, und heute Abend ein bisschen Musik mit Freunden am Strand ...? – Peng.

Was da gerade mit lautem Knall geplatzt ist, ist die Hoffnung, die nächste Zeit vielleicht doch noch kalte Füße, Lumumba und das Schietwetter jenseits des Fensters gegen Badebuxe und Schirmchendrink einzutauschen. Vorerst gibt es keinen Abstecher ins Paradies. Die Karibik muss warten. 

Was für Manfred und Jürgen Charchulla derzeit zählt, ist die Vernunft. Keine Experimente in Zeiten, wo die Corona-Pandemie bereits seit einem Jahr die gesamte Menschheit geißelt. Sie sind zwar gesundheitlich und körperlich fit, in good shape, kann man durchaus sagen. Und dennoch wollen die beiden 81-Jährigen, die Ende Januar ihren 82. Geburtstag feiern, derzeit nichts riskieren. Also: nicht Panama, nicht Kolumbien. Dafür Fehmarn. 

Und so war es für Manfred und Jürgen Charchulla diesmal, nach langer, langer Zeit, mal wieder ein ganz anderes, ein besonderes Weihnachtsfest. Das erste Mal, seit sie Fehmarn 1975 zu ihrer Heimat erklärten und hier sesshaft wurden, sind die Charchulla-Twins nach dieser Saison in diesem für uns alle verrückten Jahr nicht in den Süden geflogen. Ein halbes Jahr in Deutschland, ein halbes Jahr in der Karibik – mit diesem Rhythmus halten es Jürgen und Manfred Charchulla, die den Windsport in Deutschland populär gemacht haben, für gewöhnlich. Und liegt eine zumeist arbeitsreiche Saison hinter ihnen, schnappen sie sich Surf- und Kite-Equipment, einige Musikinstrumente und brechen gemeinsam mit ihren Familien dorthin auf, wo die Landschaft so atemberaubend ist, dass man ihr glatt Kitschvorwürfe machen möchte, weil man denkt, diese oder jene Szene kann einfach nur einem Fototapeten-Katalog entsprungen sein. 

Es gibt schlimmere Plätze als Fehmarn, wo man derzeit festsitzen kann. Man hat hier viel Platz und kann an die frische Luft.

Charchulla-Twins

Gut, das fällt ja nun erst einmal flach. Und Fehmarn ist ja auch ganz schön. Selbst um diese Jahreszeit. Man muss sich eben nur darauf einstellen. Und in der Tat. „Es gibt schlimmere Plätze als Fehmarn, wo man derzeit festsitzen kann. Man hat hier viel Platz und kann an die frische Luft“, sagen die Charchulla-Twins. Seit 1969, als sie sich, nachdem sie 15 Jahre lang zur See gefahren sind, an Land niederließen, hatten sie bislang um diese Zeit immer warmes Wasser an den Füßen.

Seit 26 Jahren fährt zumindest die eine Zwillingshälfte nach Panama. Vielleicht gerade mal 50 Meter vom feinsten Sandstrand und Meer entfernt steht das Haus von Jürgen und seiner Frau Maria. In Boca del Drago, am Playa Boca del Drago. Zur besseren Orientierung: Mit dem Finger auf der Landkarte geht‘s nach Panama. Hat der Reiselustige mit Fernsucht die Isla Colón gefunden, ist man schon nah dran. Sie ist die Hauptinsel des Archipiélago de Bocas del Toro in der gleichnamigen Provinz Bocas del Toro an der Nordküste Panamas. In Boca del Drago, dort wo sie normalerweise die Hälfte des Jahres leben, haben die Einheimischen den kilometerlangen Strand an der nordwestlichen Spitze der Insel noch weitestgehend für sich allein. 

Manfred, seine Frau Bea und seinen Sohn Marco zog es viele Jahre lang nach Venezuela. Zuletzt war Kolumbien angesagt. Cabo de la Vela, ein Kap an der nordwestlichen Küste der Guajira-Halbinsel in Kolumbien, liegt an der nördlichsten Gegend Südamerikas. Das Gute: Kolumbien ist nicht so weit weg von Panama, also recht nah dran, am anderen Zwilling. 

Charchullas, die allesamt über das Surf- und Kite-Gen verfügen, genossen ihr Leben dort direkt am Strand mit täglichen Windstärken um 8 Beaufort. Also nichts wie ab aufs Wasser. Das geht jetzt auf Fehmarn natürlich auch, jedoch nur mit aus- reichend dickem Neo. 

Die Sehnsucht nach südlichen Gefilden ist da, keine Frage. Und auch gegen das ein oder andere Abenteuer haben Manfred und Jürgen Charchulla, die bekanntlich eher dem unkonventionellen Lebensstil frönen, mit Sicherheit nichts einzuwenden. Aber die letzte Nummer im Zusammenhang mit Corona war selbst für die Diplom-Lebenskünstler von Fehmarn nicht ohne. 

So wie sie derzeit hier festsitzen, auf Fehmarn, saßen sie damals dort fest: im Paradies. Im März. Kurz vorm großen Lockdown. Bei Manfred und seiner Familie musste es im Schweinsgalopp gehen. Alle Flughäfen würden morgen um 20 Uhr gesperrt, hatten die Polizisten mitgeteilt, die von Haus zu Haus gingen, um sich Reisepässe zeigen zu lassen und Urlauber zu informieren. Strandabschnitte wurden bereits gesperrt. Und was nach dem Packen für die Charchullas begann, war eine mehr als dreitägige Odyssee. Marco bemühte sich via Smartphone, wie all die anderen Gestrandeten, einen Flug zu finden, der sie nach Hause bringen sollte. Es wurden gleich mehrere. Doch gemach.

Zunächst ging‘s zum Flughafen Riohacha, von dort weiter zum Airport Bogotá. Und überall dieselbe Situation: Die meisten Flüge nach Europa sind bereits ausgebucht oder immens teuer. Gefühlt im Minutentakt werden kurzfristig gecancelte Flüge umgebucht, einer geht eine halbe Stunde früher, ein anderer einen Tag später. Viele Nerven liegen blank. Jeder erzählt eine andere Geschichte, warum er hier ist und noch nicht in der Heimat. Namen spielen keine Rolle, was zählt, sind Nummerierungen und Wartelistenplätze. Einen Flugplatz zu bekommen, ist wie ein Sechser im Lotto.

76 Stunden ein -und ausgecheckt

Über die USA und Irland nach Deutschland. Im Detail: Von Atlanta ging‘s nach Houston, von dort aus nach Philadelphia, weiter nach New York (Newark) und von dort zum Flughafen Shannon (Irland). Und weiter ging‘s nach Hamburg, wo Sascha Sanner, mit den Charchullas befreundet, den ersten Teil der Gestrandeten abholte. Das Protokoll einer Rückkehr in Corona-Zeiten gerafft zusammengefasst: Über 76 Stunden lang waren Charchullas unterwegs, checkten auf ihrem langen Weg zurück nach Deutschland permanent ein und aus. 

Schließlich waren sie froh, wieder zu Hause zu sein. Trotz Corona. Die erste Amtshandlung, die traditionell dazugehört, sobald die Charchullas deutschen Boden unter den Füßen haben: zur nächstbesten Tankstelle, und dort erst einmal ein Eis gekauft.

Sie hatten die Heimreise noch vor sich. Jürgen und Maria hatten die letzten zehn Tage ihres Aufenthaltes in Boca noch Besuch von drei Freunden aus Fulda gehabt und wie Manfred und Co. von Corona und allen sich rasant zuspitzenden Maßnahmen noch nicht viel mitbekommen. Dann musste es auch bei ihnen schnell gehen. Nach etlichen Telefonaten mit Fluggesellschaften und dem Auswärtigen Amt informierte sie schließlich das Deutsche Konsulat in Panama-City darüber, dass Deutschland die Grenzen zu mehreren Ländern in Kürze weitgehend schließen werde. Die Regierung stelle jedoch eine Rückholaktion für deutsche Touristen im Ausland in Aussicht.

Augenscheinlich stand Panama auf der Liste für diese Luftbrücke. „Meldet euch an“, war die knappe Empfehlung. Und das tat die nun auf fünf Personen angewachsene Reisegruppe, die es nach unzähligen Anrufen, etlichen Flugverschiebungen/Umbuchungen und allen Widrigkeiten schließlich schaffte, den Flughafen von Panama-Stadt zu erreichen.

Das war die Kurzform. Denn was nützt schon die beste Rückholaktion, wenn man überhaupt nicht dorthin kommen kann, wo der Flug der Rückholaktion startete: in Panama City? Nach tagelangen Flugverschiebungen – inzwischen herrschte schon Lockdown, Polizisten patrouillierten, Strände waren gesperrt, es fuhr keine Fähre mehr, kein Taxi, schließlich nicht einmal mehr der Bus einmal am Tag – hatte das Konsulat wissen lassen, dass es eine Sondergenehmigung, einen Sonderflug (über das Ministerium in Panama) geben werde. Mit der Maschine ging es für alle auf der Insel Gestrandeten zum Flughafen Panama City. Dort brachte ein Bus alle Passagiere des Sonderfliegers in ein Hotel. Deutsche, Italiener, Amerikaner ... sie alle warteten auf einen Flug, der sie wieder nach Hause bringen sollte. 

Eine Übernachtung später, im Flieger des Direktflugs von Panama nach Frankfurt, herrschte vermutlich nicht nur auf zwei Sitzplätzen tiefe Dankbarkeit: „Es hat uns so gefreut, dass der deutsche Staat uns holt“, so Jürgen Charchulla, und ist wie sein Bruder Manfred dankbar und glücklich, dass die Bundesregierung in der Corona-Krise schon früh bereits 200000 im Ausland gestrandete Deutsche zurückgeholt hat. Laut dem Auswärtigen Amt gab es Aktionen in 57 Staaten. Das Ministerium hatte die Rückholaktion Mitte März gestartet, um zusammen mit Reiseveranstaltern und Fluggesellschaften Deutsche aus den Ländern zurückzuholen, aus denen es keine regulären Flüge mehr gab. An manchen Tagen waren demnach 20 Flugzeuge parallel in der Luft, die deutsche Staatsbürger zurückbrachten. Das Auswärtige Amt mietete dafür auch selbst Flugzeuge. Bei freien Kapazitäten wurden auch Bürger aus anderen EU-Staaten mitgenommen. Dass auch sie zurückgeholt wurden, rechnen Manfred und Jürgen Charchulla nicht zuletzt Bundeskanzlerin Angela Merkel hoch an.

Im Rückhol-Paket war auch ein Bahnticket enthalten. So ging es nach dem Flug mit der Bahn von Frankfurt nach Hamburg und von dort mit der Regionalbahn nach Lübeck, wo Sascha Sanner Maria und Jürgen abholte. 

„Nach dieser ganzen Aktion werden wir doch jetzt nicht den Teufel tun, und uns wieder in diese Situation begeben“, sind sich Manfred und Jürgen Charchulla einig. „Ein zweites Mal holen sie uns bestimmt nicht zurück“, sind beide vorsichtig. Auch, was Corona betrifft. So muss der unbeschwerte Lebensstil unter Palmen eben noch ein bisschen länger warten. 

Aber die Zeit auf Fehmarn hat ja auch ihre Vorteile. Erstmals seit 1989 haben die Charchulla-Zwillinge das Weihnachtsfest wieder einmal zusammen gefeiert. Seinerzeit hatten sie Weihnachten in Venezuela zusammen verbracht. 

Schon einen Tag vor Heiligabend wurden bereits stundenlang die guten alten deutschen Weihnachtslieder aufgefrischt, die schon lange nicht mehr bemüht worden waren. Auch am Distanz-Singen haben sich die Charchullas beteiligt. So standen auch sie an Heiligabend, Glockenschlag 20 Uhr, vor der Surfschule am Südstrand und sangen „Stille Nacht“. Diese musikalische Brücke sollte gleichermaßen auch eine nach Panama sein, denn auch Freunde dort wollten um diese Zeit „Stille Nacht“ singen, gegenseitig wollte man an sich denken und zur Weihnachtszeit die besten Wünsche übermitteln. Es wurde gegessen, viel gesungen, und neben deutschen Weihnachtsliedern erklangen natürlich auch „Feliz Navidad“ und andere Lieder mit lateinamerikanischem oder karibischem Einschlag. „Es war ein schönes, enges, kleines Weihnachten“, fasste es Maria zusammen. 

Und ein wenig konnten alle schon Schmunzeln über die Lockdown-Erlebnisse im März. An der Kontrollstelle auf der E47 kamen zunächst Manfred und einige Tage später auch Jürgen Charchulla nicht vorbei. Beim Check der Ausweise und dem Blick auf die bärtigen Globetrotter fragte ein Polizist bei der Kontrolle: „Waren Sie vor ein paar Tagen nicht schon mal hier?“ – Zwillinge eben. Führt immer noch ab und an zu irritierten Blicken – oder Nachfragen. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Regeln fürs Kommentieren: Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.