Bundesgeschäftsführer Leif Miller: „Vorhaben atmet den Geist des 20. Jahrhunderts“

NABU: Kein Bedarf für Tunnel

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Hochbetrieb am Fährhafen Puttgarden: In der Ferienzeit sind die Fähren stark frequentiert. Für das erste Halbjahr vermeldete die Reederei Scandlines kürzlich einen leichten Rückgang der Lkw-Mengen. 

Fehmarn/Hamburg – hö – Für den geplanten Fehmarnbelttunnel sieht ein vom renommierten Verkehrsberatungsbüro Hanseatic Transport Consultancy (HTC) erstelltes Gutachten keinen Bedarf. In Auftrag gegeben hat der NABU Deutschland die Expertise, die ihm als Klagebegründung zur Fehmarnbeltquerung vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig dient.

Das rund 100 Seiten starke Papier stellte die Umweltschutzorganisation gestern der Öffentlichkeit vor. NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller kam zum vernichtenden Urteil: „Das Vorhaben atmet den Geist des 20. Jahrhunderts und darf heute, wo Klimafragen und neue Mobilitätsformen immer wichtiger werden, auf keinen Fall gebaut werden.“

Ein tatsächlicher Bedarf für ein Vorhaben dieser Größenordnung werde mit Blick auf die Kosten sowie die erheblichen negativen ökologischen Einflüsse auf dem Fehmarnbelt von dem Gutachten ausdrücklich verneint, erläutert Miller. Im Gutachten (S. 13) heißt es: „Nach Auffassung der Gutachter rechtfertigt die aktuelle Verkehrssituation es nicht, mit dem neuen Querungsbauwerk einschließlich seiner Zu- und Ablaufstrecken für den Schienen- und Straßenverkehr eine vollkommen neue verkehrsgeografische Situation zu erzeugen, zu dem Preis von zweistelligen Milliardeninvestitionen (diese Mittel fehlen anschließend für wirklich sinnvolle Projekte) und gravierenden Rückwirkungen auf die Anrainer (Lärm, Vibrationen) sowie auf Natur und Umwelt.“

Und „unzureichende Verkehrsverhältnisse“ zwischen Deutschland und Dänemark, wie im Planfeststellungsbeschluss beschrieben, gäbe es laut Gutachten nicht, so Miller. HTC gibt diesbezüglich zu bedenken, dass die Infrastruktur für die bestehenden Verkehre „deutlich überdimensioniert ist“. Lediglich im Sommer würde es primär im Straßenverkehr zu ferienbedingten Peaks kommen. Das Gutachten spricht hier von einer lediglich einmonatigen „Stauphase“ am Fähranleger in Puttgarden oder durch die zweistreifige Fehmarnsundbrücke. An elf von zwölf Monaten im Jahr funktionierten Verkehrssysteme und Infrastruktur einwandfrei, heißt es.

Ein zentraler Punkt des Gutachtens sei zudem die zunehmende Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft. Die zu erwartenden fundamentalen Veränderungen für Transport, Verkehr und Logistik, etwa mit Blick auf zukünftige Produktions- und Absatzregionen, die Struktur und das Gesamtvolumen der beförderten Güter, seien nie durch aktualisierte Verkehrsprognosen abgebildet worden, obwohl das zeitlich möglich und inhaltlich seit geraumer Zeit nötig gewesen wäre, kritisiert der NABU.

HTC: Vollkommen überzogene Erwartungen

HTC spricht von „vollkommen überzogenen Erwartungen an die zukünftigen Entwicklungen insbesondere im Straßenverkehrs- und Schienenverkehrssektor“. Letztere würden im internationalen Bereich unter intensivem Wettbewerbsdruck durch die Verkehrsträger Luftfahrt und Seeschiff beziehungsweise Fähre stehen.

Nach Auffassung des NABU zeigt das Gutachten eindringlich, dass weder für die Straße noch für die Schiene ein tatsächlicher Bedarf besteht. Wolle man zudem das eigentliche Verkehrsziel der Europäischen Union, den Straßengüterverkehr auf die Schiene zu verlagern („from road to rail“), ernsthaft erreichen, müsse der Bahngüterverkehr gestärkt werden. „Deswegen erwarten wir eine vernünftige und verantwortungsvolle Anpassung der geplanten Fehmarnbeltquerung an die Realität. Ein reiner Eisenbahntunnel in der gebohrten Variante würde den Bahngüterverkehr stärken und deutlich weniger ökologischen Schaden anrichten. Die aktuelle Dimension des Vorhabens ist völlig unangemessen“, so Malte Siegert, Fehmarnbelt-Experte des NABU. Zwei Drittel der Kosten für das Projekt seien aber für die Straßenverbindung vorgesehen, obwohl es sich laut Planfeststellungsbeschluss explizit um ein Eisenbahnprojekt handelt.

Femern A/S: HTC-Behauptung falsch

Bei der dänischen Projektgesellschaft Femern A/S, die den Tunnel plant und bauen lässt, fällt der Kommentar zum Verkehrsgutachten des NABU knapp und ablehnend aus: „Die HTC-Behauptung, dass die Femern A/S-Prognosen verfehlt werden, ist falsch“, vielmehr beruhten die Prognosen von Femern A/S auf „nachhaltigen Annahmen“. HTC hätte vor allem die Gesamtverkehrssituation in den jeweiligen Ländern Dänemark, Schweden und Deutschland betrachtet. Dies hält Femern A/S für „nicht sachgerecht“, da es keine Aussage über die Entwicklung im betroffenen Korridor zulasse. Bei korridorspezifischer Betrachtungsweise würden die Prognosen im Rahmen liegen oder darüber hinausgehen.

Für Hans-Jörn Arp, verkehrspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, entspricht das HTC-Gutachten „nicht der Lebensrealität“. Arp ist überzeugt, dass trotz Digitalisierung das Bedürfnis der Menschen zu mehr Mobilität steigt. Europa wachse „durch die Fehmarnbeltquerung definitiv enger zusammen. Eine Verringerung der Verkehrsströme ist schon deshalb entgegen den Ausführungen des Gutachtens nicht zu erwarten“. Das Geld für das Gutachten hätte sich der NABU sparen können, findet Hans-Jörn Arp.

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