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„Nadia“ fegte über Fehmarn hinweg

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Von: Patrick Rahlf, Nicole Rochell, Reinhard Gamon, Lars Braesch

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Spaziergänger gehen trotz des Sturmtiefs auf der Mole in Puttgarden spazieren
In Puttgarden peitschte das Sturmtief „Nadia“ die Wellen an die Mole. © Reinhard Gamon

Das Sturmtief „Nadia“ fegte über Norddeutschland und damit über Fehmarn hinweg. Fehmarns Wehren zählten allein bis Sonntagmittag 32 Einsätze.

Fehmarn – Das Sturmtief „Nadia“ tobte am Wochenende über Norddeutschland hinweg. 911 sturmbedingte Einsätze meldete die Leitstelle Bad Oldesloe, die neben Stormarn und Lauenburg auch für den Kreis Ostholstein zuständig ist. Hier wurden allein 367 Einsätze disponiert. 

So einen Sturm hatten wir die letzten zehn Jahre nicht mehr

Gemeindewehrführer Torsten Steffen

Mit starkem Sturm in Böen von bis zu 115 Kilometern pro Stunde, so der Deutsche Wetterdienst in seiner Sturmbilanz, hatten es Fehmarns Einsatzkräfte zu tun. Allen voran: die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehren. „So einen Sturm hatten wir die letzten zehn Jahre nicht mehr“, so Fehmarns Gemeindewehrführer Torsten Steffen, der am Sonntagvormittag, nach dem Höhepunkt der starken Sturmlage in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag, einen ersten Überblick über die Situation auf Fehmarn gab.

Zahlreiche Einsätze hatten neun von zehn Wehren vor allem am Abend und in der Nacht abzuarbeiten, lediglich die Bannesdorfer Wehr ist von Alarmierungen verschont geblieben. Trotz vieler, verhältnismäßig kleinerer Einsätze mit überwiegend geringfügigem Sachschaden: Personenschäden gab es glücklicherweise nicht, die wichtigste Nachricht, so Fehmarns Gemeindewehrführer.

Allein bis Sonntagmittag waren schon 32 unterschiedliche Einsätze, teilweise auch unter Beteiligung mehrerer Wehren, abzuarbeiten.  

Freiwillige Feuerwehr Westfehmarn war am intensivsten betroffen

Am intensivsten war Westfehmarn betroffen. Hier bekamen die Kameraden bei neun Einsätzen über die Nacht verteilt am wenigsten oder gar keinen Schlaf. Gefolgt von Landkirchen mit acht Einsätzen, Burg und Süderort (jeweils vier), Vadersdorf zwei und die restlichen Wehren – außer Bannesdorf – mit jeweils einer Alarmierung, so Torsten Steffens erste Bilanz. 

Ein umgestürzter Baum in Lemkenhafen
Immer wieder mussten Fehmarns Wehren die Straßen von umgestürzten Bäumen befreien. © Reinhard Gamon

So wurden die Burger gemeinsam mit der Süderorter und der Landkirchener Wehr zu einem Unfall gerufen, mussten einen Baum und eine Ölspur entfernen und sich um einen Zaun am Markt kümmern. Die Kameraden der Bisdorf-Hinrichsdorfer Wehr hatten den größten Baum der Sturmnacht am Start. Einen „richtigen Oschi“, so Steffen, der sich nur mit Unterstützung der Landkirchener Kameraden Stück für Stück entfernen ließ. Die Puttgardener und Meeschendorfer Kameraden mussten jeweils einem Baum zu Leibe rücken. Und nicht immer sind aller guten Dinge drei: Dreimal wurden die Süderorter auf die Sundbrücke zitiert. Einmal im Zusammenhang mit einem Unfall, ein weiteres Mal begleiteten sie einen Rettungswagen und halfen gestern Morgen einem Lkw, der auf der Brücke stand und nicht weiter konnte. Gemeinsam mit den Landkirchener Kameraden brachten sie den Lkw von der Brücke, schilderte Steffen.

Eine zerrissene Plane auf dem Dachstuhl der Kirche in Landkirchen
Teile der Plane und Holzlatten fegte der Sturm vom eingerüsteten Kirchendach. © Reinhard Gamon

Die Feuerwehr Vadersdorf-Gammendorf bekam es in der Sturmnacht mit zwei Bäumen zu tun, und Westfehmarn hielt es, was die Baumentfernungen aufgrund des starken Sturms anbelangt, in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag mit dem tapferen Schneiderlein: Die Kameraden hatten sieben (Bäume), wenn auch nicht auf einen Streich, aus dem Weg zu räumen. Zudem bekamen sie es mit einem Baugerüst und einem Fahnenmast zu tun. Die Dänschendorfer hatten einen Baum zu entfernen. Die Landkirchener wurden zu einem Unfall hinzugerufen, begleiteten zwei Fahrzeuge auf der Sundbrücke, hatten drei Bäume zu entfernen und am Sonnabend in den Abendstunden noch eine Baustellenbegutachtung. An der St.-Petri-Kirche Landkirchen, wo derzeit das Kirchendach saniert wird, hat das eingerüstete Dach sich nicht in Gänze der Kraft des Sturms widersetzen können. Ein Teil der Bauplane habe sich verabschiedet, Holzlatten seien vom Dach gefallen, so Fehmarns Gemeindewehrführer und erklärte, dass der Friedhof am gestrigen Sonntagmorgen gesperrt worden sei, um die Gottesdienstbesucher ausschließlich durch den Haupteingang die Kirche betreten zu lassen.

Und noch mal Landkirchen: An einer Scheune in der Landkirchener Hauptstraße hatten sich am Sonntag gegen 12.20 Uhr im Dachsims ein paar Steine durch den Sturm gelöst. Die Feuerwehr rückte mit 18 Einsatzkräften an. „Vorsichtshalber haben wir die losen Steine entfernt“, berichtete der stellvertretende Wehrführer Philipp Maas. Während des Einsatzes wurde der Verkehr halbseitig an der Einsatzstelle vorbeigeleitet. Nach rund 20 Minuten war auch dieser Einsatz Geschichte.

Gerade mal 50 Kilo hatte der Fahrer eines Sprinters mit Plane geladen, der am Sonnabend gegen 22 Uhr die Passage über die Fehmarnsundbrücke wagte. Das Gewicht der Zuladung werde wohl ausreichen, dachte er – tat es nicht. Das Fahrzeug kippte um. Der Fahrer, der leicht verletzt wurde, sich aber selbst aus dem Fahrzeug hatte befreien können, hätte, nahezu unbeladen, nicht über die Brücke fahren dürfen – entsprechende Schilder haben darauf hingewiesen. 

100 Meter dahinter – ein weiterer Sprinter, der ebenfalls zu kippen drohte. Dieses Fahrzeug hatte 250 Kilo geladen, so Torsten Steffen, aber auch noch viel zu wenig, um vom starken Sturm auf der Sundbrücke nicht umgeweht zu werden. Mit dem Löschfahrzeug wurde dem Sprinter Windschutz gegeben, bis das andere Fahrzeug mit einer Seilwinde wieder aufgestellt werden konnte. Das Fahrzeug war noch fahrbereit, die Plane wurde jedoch durchschnitten, um dem Sturm nicht weiterhin eine Angriffsfläche zu bieten. Auf die Sprinter-Fahrer kommt nun ein Bußgeld zu, sie haben auch den Feuerwehreinsatz zu bezahlen.

Familie Gutsch vor der Fehmarnsundbrücke mit der gefundenen Steuerbordtonne.
Beim Spaziergang in Fehmarnsund fand Familie Gutsch aus Herford diese Steuerbordtonne. © Privat

Vor ihrer Rückreise nach Herford unternahm Familie Gutsch – Janina, Marc und die Kinder Nieke und Noah – noch schnell einen Spaziergang am Strand von Fehmarnsund. Dabei entdeckten die Spaziergänger gestern gegen 7 Uhr eine grüne Boje, eine Steuerbordtonne, die sich offenbar während des Sturms losgerissen hatte. Die Familie informierte das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) über den Fund. „Das Bundesamt hat sich recht herzlich für den Hinweis bedankt“, so Janina Gutsch. 

Im Bahnverkehr kam es aufgrund von Sturmschäden zu massiven Problemen. Der Fernverkehr in ganz Norddeutschland wurde am späten Sonnabend vorübergehend komplett eingestellt. Auch auf der Zugstrecke Lübeck – Puttgarden waren mehrere Bäume auf die Gleise gefallen. Am Sonntag um 13.30 Uhr wurde laut einer Bahnsprecherin die Strecke wieder freigegeben. 

Auch die Reederei Scandlines war auf der Strecke Puttgarden – Rødby vom Sturmtief betroffen. „Am Sonnabend sind die Fähren, solange es sicher war, weitergefahren. Der Fährverkehr war unregelmäßig“, teilte Scandlines-Sprecherin Anette Ustrup Svendsen am Sonntagnachmittag mit. Aufgrund von Orkanböen habe Scandlines um Mitternacht den Fährverkehr komplett eingestellt. „Der Betrieb wurde am Sonntagmorgen sukzessive wieder aufgenommen. Alle Fähren auf der Vogelfluglinie fahren wieder planmäßig“, so die Pressesprecherin.

Die Leitstelle habe die Situation „souverän und gut gemeistert“, lobt Gemeindewehrführer Torsten Steffen rückblickend und bedankt sich bei allen Kameradinnen und Kameraden, die im Sturm im Einsatz waren – einige die ganze Nacht durch. 

Wir brauchen irgendwann auch mal Hilfe

Gemeindewehrführer Torsten Steffen

Gleichzeitig appellierte Torsten Steffen an die Bevölkerung. Derzeit gestalte es sich noch als Selbstverständlichkeit, dass die Feuerwehr komme, wenn man sie rufe. Auch diesmal habe es wieder funktioniert. Aber es sei wichtig, dass sich die Menschen Gedanken machten, dass es ohne Unterstützung für Fehmarns Wehren nicht dauerhaft so weitergehen werde. „Wir brauchen irgendwann auch mal Hilfe“, bittet Torsten Steffen darum, sich zu überlegen, der Freiwilligen Feuerwehr beizutreten, bevor irgendwann einmal der Pflichtdienst in der Feuerwehr ins Haus stehe.  

Ein BMW hat sich in der Leitplanke der Fehmarnsundbrücke verkeilt.
Auf der Fehmarnsundbrücke verkeilte sich dieser BMW in der Leitplanke. © Feuerwehr Großenbrode

Stark gefordert wurde am Sturmwochenende auch die Feuerwehr Großenbrode, die insgesamt neun Mal ausrücken musste. „Ereignis- und arbeitsreiche Stunden liegen hinter uns. Doch zum Glück konnten wir durch gute und kameradschaftliche Zusammenarbeit alle Einsätze schnell und sicher abarbeiten. Alle Beteiligten sind gesund nach Hause zurückgekehrt“, erklärte Wehrführer Jan Koblitz. Auch die Großenbroder mussten sich mit diversen Sturmschäden auf Straßen und auf den Bahngleisen auseinandersetzen, hinzu kam ein Einsatz in der Nacht von Sonnabend auf Sonntag auf der Fehmarnsundbrücke.

Wir waren eigentlich nur durch Zufall vor Ort, weil wir einen Rettungswagen über die Brücke gebracht haben

Jan Koblitz, Wehrführer Großenbrode

Ein Auto hatte sich gegen 1 Uhr in einer Leitplanke verkeilt, die Feuerwehr befreite es aus der misslichen Lage und nahm auch die ausgelaufenen Betriebsstoffe auf. „Wir waren eigentlich nur durch Zufall vor Ort, weil wir einen Rettungswagen über die Brücke gebracht haben. In Absprache mit der Rettungsleitstelle haben wir den Einsatz übernommen“, sagte Jan Koblitz. 

Die Fehmarnsundbrücke war nicht nur aufgrund der Einsätze für längere Zeit gesperrt, auch die Ampelanlage sprang aufgrund der orkanartigen Böen zeitweise ohnehin auf Rot, berichtete der Großenbroder Wehrführer. 

Bevor nun alle ehrenamtlichen Einsatzkräfte eine wohlverdiente Pause einlegen, geht es mit den Warnungen schon weiter: Der Deutsche Wetterdienst hat am Sonntagnachmittag vor einer Sturmflut an der Ostseeküste gewarnt, die unter anderem auch Fehmarn, Großenbrode und Heiligenhafen betrifft.  

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