Schienenhinterlandanbindung: Gesamtwertprognose soll für stabile Kosten bis 2028 sorgen

DB nimmt Risiken ins Visier

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Kalkulationen sind sein Beruf: René Mohren ist Risikomanager bei der DB und hat an der Gesamtwertprognose für die Schienenhinterlandanbindung gearbeitet.

Fehmarn – Von Manuel Büchner Elbphilharmonie, Stuttgart 21 oder BER: Die Kostenentwicklung öffentlich finanzierter Großprojekte sorgt fast immer für grundlegendes Unverständnis in der Bevölkerung. Bei der Schienenhinterlandanbindung der Festen Fehmarnbeltquerung ist das nicht anders. Lag die Kostenschätzung 2008 noch bei 817 Millionen Euro, waren es 2015 bereits rund 1,5 Milliarden Euro und drei Jahre später fast 200 Millionen Euro mehr. Mittlerweile wird mit 2,8 Milliarden Euro ohne Fehmarnsundquerung (FSQ) sogar ein deutlich höherer Wert kommuniziert. Ein Fass ohne Boden oder kalkulierte Voraussicht?

Für Risikomanager René Mohren von der Deutschen Bahn (DB) auf jeden Fall Letzteres. Alles steht und fällt dabei mit dem etwas sperrigen Begriff der sogenannten Gesamtwertprognose (GWP), die für die Schiene bis Lübeck bezifferten 2,8 Milliarden Euro. „Mithilfe der GWP soll bereits in einer möglichst frühen Leistungsphase ein stabiler Wert für die Projektendkosten abgeschätzt werden“, erklärt Mohren. Der Wert, der auch Grundlage der Bundestagsbefassung ist, setzt sich aus drei Komponenten zusammen: den risikofreien Basiskosten (1,7 Milliarden Euro), dem Risikozuschlag mit bekannten und unbekannten Gefahren (614 Millionen Euro) sowie dem Wert der Inflation von zwei Prozent bis zum Ende des geplanten Baus im Jahr 2028 (497 Millionen Euro).

Für die DB ist die Einführung der GWP nicht weniger als ein Meilenstein und in der Bedeutung nicht zu unterschätzen. Soll die Prognose doch einen kostenstabilen Wert über den Zeitverlauf des Projektes benennen. Nicht selten, so DB-Sprecher Peter Mantik, würden derartige Infrastrukturgroßprojekte mehr als zehn Jahre in Anspruch nehmen – Kostenentwicklungen und Risiken seien da nur schwer kalkulierbar. Bei der Schienenhinterlandanbindung werden es am Ende wohl 20 Jahre sein. „2028 rollen wir“, ist sich der Bahnsprecher sicher.

Erarbeitet wurde die GWP von der DB in Kooperation mit der Universität Kassel und in Abstimmung mit dem Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur sowie dem Eisenbahn-Bundesamt. „Es wird von vielen Seiten getragen“, betont Mantik und lässt nicht unerwähnt, dass man Neuland betrete. „Wir sind deutschlandweit Pilot für Folgeprojekte.“

Vergangene Großprojekte seien im Laufe der Umsetzung durchschnittlich 31 Prozent teurer geworden, so Mantik. Der Risikozuschlag für das Schienenprojekt liegt bei 36,1 Prozent und basiert auf 13 Kategorien wie Baupreise oder Richtlinienänderungen. Besonders ausgeprägt ist beispielsweise der Aspekt des Baugrundes, erklärt Mohren und nennt Streckenabschnitte entlang des Oldenburger Bruchs oder das Moorland der Neustädter Binnengewässer. „Den prognostizierten Kostenerhöhungen versuchen wir im Projektverlauf durch aktives Risikomanagement entgegenzuwirken“, so Mohren.

Wie schnell es mit den Kosten hochgehen kann, zeigt die Historie der Schienenanbindung eindrucksvoll. Eine Entwicklung, die vor allem durch politische Entscheidungen geprägt sei, bekräftigen Mohren und Mantik, sprechen von einer „deutlichen Anpassung“ des Projektes seit Abschluss des Staatsvertrages im Jahr 2008. Allein 521 Millionen Euro entfallen auf die optimierte Trassenführung infolge des Raumordnungsverfahrens von 2010 bis 2014. 55 der 88 km Strecke werden seitdem als Neubau geplant. Allein die Anpassung der Höchstgeschwindigkeit von 160 auf 200 km/h für den Fernverkehr im letzten Jahr ließ die Planungskosten um fast 100 Millionen Euro anwachsen.

Fehmarnsundquerung vorerst außen vor

In der GWP ist die FSQ nicht enthalten. Zu Recht, sagt Mantik und will sich mit Zahlen nicht aus dem Fenster lehnen. Das sei zum jetzigen Zeitpunkt irreführend. Viel lieber verweist er auf die nächsten Schritte: Im Oktober sollen die vier Hauptvarianten inklusive Erhalt der Brücke vorgestellt werden, bevor Ende des Jahres die endgültige Querungsvariante feststehen soll.

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