Dienste ergreifen Schutzmaßnahmen in der Krise / „Lassen uns nicht verrückt machen“

Pflege vollzieht Gratwanderung

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Einen kühlen Kopf bewahren: Peter Mester steht vor dem Haus seines Pflegedienstes im Landkirchener Weg.

Fehmarn – mb – In Zeiten der sozialen Distanzierung, um die Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 zu verlangsamen, gehören Pflegekräfte zu den Berufsgruppen, die eine Gratwanderung vollführen müssen: Der eigene Schutz und der Schutz der Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Man könne nicht alles stehen und liegen lassen, sind sich Peter Mester, der einen häuslichen Krankenpflegedienst in Burg betreibt, und ASB-Ostholstein-Geschäftsführerin Elke Sönnichsen einig.

Die Betreuung, Haushaltshilfen und Einkäufe habe man auf das Notwendigste reduziert. Wenn es beispielsweise um die Körperpflege gehe, könne man natürlich nicht auf anderthalb Meter Abstand gehen, so Mester. „Nach den Regeln des Robert Koch Institutes werden alle Hygieneregeln eingehalten. Wir weisen auch stets darauf hin.“ Man betreibe intensive Aufklärung – „das sei ganz wichtig“, bestätigt auch Sönnichsen.

Mester, der seit 40 Jahren in der Pflege tätig ist, weiß, wovon er spricht. Weiterbildungen und Seminare in Sachen Hygiene gehören in der Pflege zum guten Ton. Desinfektionsregeln sind das A und O. Gerade beim Händewaschen würden oft die Daumen vergessen, fällt dem Chef der häuslichen Krankenpflege im Landkirchener Weg spontan im Gespräch mit dem FT ein.

Das alles sei natürlich keine Einbahnstraße. „Wir wollen niemanden infizieren und halten uns an die Regeln – so muss sich auch unser Gegenüber verhalten.“ Zum Schutz seiner 20 Mitarbeiter hat Mester einen Pandemieplan erstellt. Die Hälfte der Angestellten arbeitet sieben Tage durch – dann wird gewechselt. „Das ist sehr belastend, aber wir müssen Reserven haben, um handlungsfähig zu bleiben.“

Vorkehrungen hat auch der ASB getroffen. Die Pflegeabteilungen für Fehmarn und Heiligenhafen, immerhin 51 Mitarbeiter in der ambulanten Pflege (davon 14 in der Hauswirtschaft), sollen möglichst weitgehend getrennt voneinander arbeiten. Was aber nicht immer möglich ist. Sönnichsen nennt das Wechseln schwieriger Verbände, wofür es eine examinierte Pflegekraft braucht. An der Stelle mache sich auch der eklatante Fachkräftemangel des Berufszweiges deutlich bemerkbar, sagt die ASB-Chefin.

Elke Sönnichsen, Geschäftsführerin des ASB-Regionalverbandes Ostholstein.

Im Bereich des Rettungsdienstes seien Teams gebildet worden, so Sönnichsen, und in der Verwaltung ist immer nur eine Person des Dreierteams im ASB-Gebäude an der Tollbrettkoppel in Heiligenhafen zugegen, wo sich sowieso nur wenige Menschen gleichzeitig aufhalten sollen. „Sich möglichst nicht begegnen“, ist das Motto der ASB-Geschäftsführerin.

Außerdem habe man die Kunden in Kategorien eingeteilt, um im Ernstfall die dringendsten Bedarfe noch abzudecken. Der Ernstfall wäre für Sönnichsen ein COVID-19-Fall. Den gebe es bisher beim ASB Ostholstein zum Glück noch nicht – es wäre der „Supergau“, sagt die Geschäftsführerin klipp und klar.

Von Materialproblemen will Elke Sönnichsen noch nicht per se sprechen. Zudem würden Landes- und Bundesverband an der Beschaffung arbeiten. Der Regionalverband bekommt von den höheren Gliederungen das Material natürlich zum Einkaufspreis. Bauchschmerzen bekommt Sönnichsen, wenn sie auf die Zahlen schaut. „Die Preise sind erschreckend angestiegen.“ Hinsichtlich des Materials sei man noch verhältnismäßig gut davor. „Für zwei bis drei Wochen reicht es noch.“ Immer vorausgesetzt, die Kunden seien nicht infiziert.

Ein weiteres Problem in der Krise spricht die Geschäftsführerin an, nämlich das der Existenz. Allein 30 Kunden, viele aus der Hauswirtschaft, hätten ihre Termine abgesagt, sicher aus Angst vor Kontakt mit dem Fachpersonal und aufgrund der Tatsache, dass viele Angehörige zu Hause seien, vermutet Sönnichsen. „Wir müssen schauen, dass wir alle Arbeitsplätze retten können.“ Auch die Beantragung von Kurzarbeitergeld sei im Gespräch.

Keime sind für die Pflege ein Dauerproblem

In der jetzigen Krise will Peter Mester nicht unerwähnt lassen, dass die Menschen im Pflegeberuf stets vielen Keimen ausgesetzt sind. „Gerade multiresistente Keime waren schon immer ein Problem in der Pflege“, bestätigt auch Sönnichsen. Im letzten Jahr habe es beispielsweise 20000 Grippetote gegeben. „Das wird schnell vergessen“, ergänzt Mester, ohne die jetzige Ausnahmelage kleinreden zu wollen. „Jeder ist irgendwie verunsichert“, so Mester, der dafür absolut Verständnis habe. „Aber wir lassen uns auch nicht verrückt machen“, will er die Versorgung und Betreuung der Menschen auch in Zeiten der Corona-Pandemie gesichert wissen.

Die ASB-Geschäftsführerin bezeichnet ihren Berufszweig als „krisenerprobt“. Dennoch „motivieren wir uns in dieser Lage tagtäglich gegenseitig“. Die Stimmung sei sehr unterschiedlich – von „wahnsinnig besorgt“ bis „kriegen wir schon hin“ sei alles dabei. Für Elke Sönnichsen ist klar: „Wir müssen das Beste daraus machen.“

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