Netzbetreiber kündigt Dialogergebnis für 380-kV-Trasse auf / Kreistag stemmt sich dagegen

Politik stellt sich gegen Tennet

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Für die Energiewende: Strom soll per 380-kV-Leitung in den Süden fließen. Die Ostküstenleitung Göhl-Lübeck sorgt wegen einer veränderten Trasse aber für Ärger.

Eutin –mb– Die geplante Hochspannungsleitung zwischen Lübeck und Göhl, die sogenannte 380-kV-Ostküstenleitung, soll grünen Windstrom – auch von Fehmarn – in den Süden transportieren. Aber seit Mitte Juni sorgt das Vorhaben im Kreis Ostholstein und vor allem in den betroffenen Kommunen für Ärger. Der Grund: Das Land und der Netzbetreiber und Vorhabenträger Tennet distanzieren sich von der im Dialogprozess mit der Region 2016 ausgearbeiteten Vorzugstrasse. Im Kreissüden, betroffen vor allem Haffkrug an der Autobahn, aber auch Ratekau. Hier soll die Trasse der 380-kV-Leitung nicht mehr durch das Landesinnere sondern an der Autobahn entlanggeführt werden.

  • Nur zwei Einhaltungen
  • FPD spricht von Tennet-Posse
  • Bedarf der Trasse nochmal hinterfragen

Einvernehmliches Kopfschütteln und Frust breitete sich entsprechend in der Sitzung am Dienstag des Kreistages aus. Zur Abstimmung stand ein Positionspapier, das sich klar gegen die Änderungen stellte und jetzt auch das gesamte Projekt kritisch hinterfragt. Mit lediglich zwei Enthaltungen wurde das Papier verabschiedet.

Kreis will „erheblichen Einfluss“ nehmen

Welche Möglichkeiten habe Tennet, „unsere bereits belastete Landschaft noch über Jahre zusätzlich zu belasten“ und das scheinbar vollkommen autonom? Die einzige Frage der Einwohnerfragestunde gab den Ton für Sitzung vor. Die Antwort von Landrat Reinhard Sager (CDU) ebenso. „Tennet ist im staatlichen Auftrag unterwegs. Ihr Vorgehen muss basieren auf Energiewirtschafts- und Planungsrecht.“ Der Kreis werde versuchen, auf die Planung einer 380-kV-Hochspannungsleitung „erheblich Einfluss“ zu nehmen.

Ein Blatt vor den Mund nahm jedenfalls keiner der Sprecher aus den Fraktionen, die ans Mikro traten. Beispiel Dr. Joachim Rinke (FDP): „Das ist die Tennet-Posse.“ Vier Jahre sei das Vorhaben im Winterschlaf gewesen, „jetzt, im Sommer 2020, wollen sie den Bürgern einen Bären aufbinden“. Winfried Bentke (CDU) aus Eutin zeigte sich enttäuscht. „Ich bin sehr wütend. Tennet hat uns das Dialogverfahren aufgekündigt.“ Er forderte die Grünen auf, mit ihrer Bundestagsabgeordneten Dr. Ingrid Nestle (Steinburg/Dithmarschen Süd), die im Beirat der Bundesnetzagentur sitze, ins Boot zu holen.

Der SPD-Kreistagsabgeordnete Tim Dürbrook bezeichnete den „Wortbruch“ als „völlig unnötig und unverschämt“. Auch von der Erdverkabelung bei Oldenburg sei nichts mehr zu lesen. Obendrauf die Aufforderung zur Stellungnahme der betroffenen Kommunen in sechs Wochen. Kreis und Kommunen werden es sich nicht gefallen lassen, „am Nasenring durch die Manege“ geführt zu werden.

Alle Fraktionen sprachen sich dafür aus, den Bedarf einer Trasse nochmals zu hinterfragen. Immerhin liege die maximal zu erwartende Auslastung momentan bei zwölf Prozent, so Sager – auch mit Blick auf die Nutzungs- und Speicherpotenziale der Wasserstofftechnologie. Zudem soll der konfliktärmste Trassenkorridor nun doch in einem Raumordnungsverfahren ermittelt werden.

Wie Tennet die Rolle der Kreispolitik einschätzt, machte Landrat Sager abschließend deutlich: Er sei von Tennet gefragt worden, ob man mit der Frage der veränderten Trasse die Kreispolitik beschäftigen solle.

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