Wenn die Terrasse zum Saloon wird / Julia und Johanna reiten oft aus – auch mitten durch die Stadt

Restaurantbesuch mit Pferden

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Für außergewöhnliche Gäste wird auch schon mal der herbeigeschaffte Tisch auf der Außenterrasse gedeckt.

Fehmarn – Von Nicole Rochell Drehen sie eine Runde durch die Stadt können sie sicher sein: alles schaut ihnen hinterher. Nicht etwa, weil sie mit dickem High-Tech-Klappenauspuff, Camouflage-Folie und aufheulendem Motor wie der typische Auto-Poser auf der Suche nach Beachtung bei basslastiger Musik und einigen lässigen Fehlzündungen ihren PS-Boliden einmal ordentlich die Sporen geben würden. Julia Kurzbach und Johanna Kaufmann sind mit weniger Pferdestärken unterwegs – und mehr als glücklich und zufrieden. Mit gerade mal zwei PS. Um genau zu sein: Jede mit einem.

  • Unglaublich tiefe und vertrauensvolle Bindung zu ihren Pferden
  • Stadtverkehr kein Problem für "Farsaell" und "Jack"
  • Nächster Fehmarn-Besuch im Herbst
Zu Fuß oder mit anderen Fortbewegungsmitteln sieht man die beiden 19-jährigen Freundinnen, die gerade erfolgreich ihr Corona-Abi gebaut haben, eher selten. Meistens sitzen die Mädels aus Hamburg, wenn sie wieder einmal reif für die Insel sein sollten, im Sattel. Unter Julia: der siebenjährige Isländer „Farsæll“. Das Wort bedeutet mehr als nur „glücklich“. Wer „farsæll“ ist, mit dem hat es das Schicksal gut gemeint, ihm gelingt fast alles, und was ihm nicht gelingt, darüber zerbricht er sich nicht den Kopf. Einen treffenderen Namen hätte es für das Pony, das Julia vor zwei Jahren kaufte, kurz bevor ihr „Farsæll“ fünf Jahre alt wurde, nicht geben können. „Jack“ wird von Johanna geritten. Das Kleinpferd, um das sich Johanna regelmäßig kümmert und reitet, ist wie ihr eigenes Pferd. Beide Mädels haben eine unglaublich tiefe und vertrauensvolle Bindung zu ihren Pferden, die ihren Reiterinnen wiederum abgrundtief vertrauen und ihnen ohne Misstrauen und voller Zuversicht folgen. Überall hin.

Und wenn das bedeutet, dass es durch den dicksten Stadtverkehr geht, der mit zahlreichen Fußgängern, klingelnden Radfahrern und hupenden Autos sein Standard-Programm auffährt, ist das für „Farsæll“ und „Jack“ nicht das geringste Problem. Auch bei schreienden Kindern, plötzlich aus- und einscherenden Radfahrern, bei ruckartig aufgespannten Regenschirmen, bei quietschenden Reifen und aufheulendem Motor bleiben die Pferde komplett tiefenentspannt. Ihre Fluchttier-Instinkte, auf unbekannte laute Geräusche und schnelle Bewegungen oft schreckhaft zu reagieren, scheinen „Farsæll“ und „Jack“ gänzlich abgelegt zu haben.

Am Drive-in-Schalter vorgeritten

Pferde

mitten im Stadtbild sieht man selbst auf der

Pferdeinsel

Fehmarn

nicht alle Tage. Manche rieben sich auch ein Stück weit irritiert die Augen, erst unlängst, bei Annas und Johannas letztem Besuch auf Fehmarn, die Pferde für die Dauer eines Einkaufs dort „geparkt“ zu sehen, wo für gewöhnlich nur die

Einkaufswagen

stehen. Ein wenig überrascht waren auch die McDonalds-Mitarbeiter, als Johanna und Julia beim Drive-in-Schalter vorritten, um sich wie selbstverständlich aus dem Pferdesattel ihr Essen abzuholen, schildert Julia.

Nach dem Essen sind Julia Kurzbach (l.) und Johanna Kaufmann gleich wieder auf den Pferderücken.

Ähnlich verdutzt reagierten Anna und Christian Schulzeck vomPfannkuchenhaus Fehmarn, als da plötzlich kein Pferd auf dem Flur, aber zwei Pferde nebst Reiterinnen auf ihrer Vorterrasse standen. Die Mädels, seinerzeit just unterwegs von A nach B, die nur kurz die Karte studiert hatten, sagten im netten Gespräch zu, das nächste Mal bei Schulzecks vorbeizuschauen, wenn sie wieder auf der Insel seien. Gesagt, getan. Ihr Versprechen haben sie beim jüngsten Besuch eingelöst und gemeinsam mit ihren Pferden auf der Terrasse die Pfannkuchen genossen. „Vierbeiner sind bei uns immer herzlich willkommen, die Kleinen, wie die Großen. Und wer nicht durch die Tür passt, bekommt auch einen extra Tisch“, so Anna und Christian Schulzeck, die die tierischen Gäste zunächst mit Karotten begrüßt hatten. „Nun ja, die Pferde wären auch in den Gastraum gegangen“, sagt Julia lächelnd, aber schließlich will man den Boden im Restaurant ja auch nicht beschädigen. In ihrem Klausdorfer Ferienhaus, das den Hamburgern gehört, ist das schon etwas anderes. Da darf „Farsæll“ auch gern mal mit in die gute Stube, während Julia auf dem Sofa sitzt.

Julia, die irgendwann einmal Schulpsychologie mit Abschluss Lehramt studieren möchte, stellt sich im Herbst auf einen nächsten Fehmarn-Besuch ein. Mit Pferd, versteht sich. „Wäre Corona nicht gekommen“, hätten wir schon jetzt einen Wanderritt nach Fehmarn unternommen“, so Julia, die sich vorstellen kann, das im Oktober nachzuholen. Dann wird es, dank der Pferde, mit Sicherheit wieder zu schönen Begegnungen kommen. Wie im Mai. Auf Fehmarn. Als Julia und Johanna beim Einkaufen mit ihren Pferden drei Mädels getroffen haben, Fotografinnen, mit denen sich die beiden gleich auf Anhieb gut verstanden hatten. Prompt gab es am nächsten Tag ein Fotoshooting mit Pferden, „abends haben wir dann bei uns in Klausdorf etwas Leckeres gekocht“, so Julia Kurzbach, die noch einen Tipp für eine gut funktionierende Mensch-Pferd-Beziehung hat: Nicht den Chef raushängen lassen, gegenüber dem Pferd, auf eine ausgewogene Beziehung setzen. Auf Vertrauen und Respekt. „Wir freuen uns beide, wenn wir uns sehen.“ Was könnte es Schöneres geben?

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