Wie kommt Popmusik in die Welt? / Prof. Dr. Hillebrandt untersucht Festival

Soziologisch betrachtet

+
Prof. Dr. Frank Hillebrandt vor der Bühne beim Jubiläumsfestival anlässlich des 50. Jahrestages des „Love & Peace“ Festivals.

Fehmarn –wa– Am Sonnabend fand das Fehmarn Open Air Festival in Erinnerung an das legendäre „Love & Peace“-Festival 1970 statt (wir berichteten). Mit dabei waren nicht nur verschiedene Bands, sondern auch Prof. Dr. Frank Hillebrandt. Der Professor für Allgemeine Soziologie und Soziologische Theorie an der Fernuniversität in Hagen interessiert sich nicht nur fachlich für das Thema Festivals und dessen Bedeutung für die Gesellschaft, sondern ist selbst bekennender Jimi-Hendrix-Fan.

  • Wissen über das Festival erweitert
  • Popmusik endgültig damals etabliert
  • Woodstock für empirische Forschung verbrannt

Bereits im vergangenen Jahr war er auf Fehmarn und hat sich im Stadtarchiv über die Geschichte des Festivals informiert und mit Karl Günter Rammoser und Frank-Dieter Gintarra, die beide als Jungspunde beim Originalfestival dabei waren und heute die Revival-Festivals mit organisieren, Kontakt aufgenommen, um sein Wissen über das Festival zu erweitern.

So erklärte Frank Hillebrandt der Festivalgemeinde, die sich am Sonnabend in Strukkamp versammelt hatte, denn auch, dass er nicht nur wegen der Musik da sei, sondern auch wegen der Menschen.

Ihn interessiere das Festival auf Fehmarn damals und heute, weil es als Folgeereignis des Festivals in Woodstock weitreichende Bedeutung für die Etablierung der Popmusik habe und tatsächlich als Pionier und Präzedenzereignis in Deutschland gelte, „das einen Wendepunkt in der deutschen Popgeschichte darstellt. Rio Reiser ist hier zum ersten Mal aufgetreten und Jimi Hendrix zum letzten Mal“, führte er aus. Genau in dieser Zeit damals habe sich die Popmusik endgültig etabliert. Das Festival auf Fehmarn habe sozusagen den Grundstein für das Format Festival in Deutschland gelegt, das dadurch in Serie gegangen sei.

Im Gespräch mit dem FT führte er weiter aus, dass das Festivalformat für die Etablierung vonRock und Pop als etwas Selbstverständliches in unserer Welt ganz entscheidend sei, denn da kämen alle zusammen, die Popmusik machten, die technischen Geräte, die Künstler, die Zuhörer und Zuschauer.

„Damit vergewissert sich die Popmusik quasi sich selbst, feiert sich selbst“, erläuterte der Professor und ergänzte: „Die Frage ist ‚Wie kommt Popmusik in die Welt?‘. Vor 1955 gab es das ja überhaupt nicht. 1969 noch hat Ronald Reagan als Gouverneur von Kalifornien gesagt, dass das verboten werden müsse und die Jugend verrohe. Wenn das heute einer sagen würde, würde man es lächerlich finden.“

„1970 schließt sich die Anfangsphase der Popmusik“, erklärte Hillebrandt weiter und ergänzte, dass die Konstitutionsphase mit Jimi Hendrix abschließe. „Er markiert den Kristallisationspunkt oder auch Wendepunkt, ab dem man diese Musik nicht mehr wegkriegen konnte. Das ist nicht unbedeutend für die Populärkultur in Deutschland.“

Bis 1970 habe es nur Woodstock gegeben. Und so ein Ereignis nachzumachen, sei sehr wichtig gewesen, um die Serie des Festivals als Format der Popmusik zu begründen. „Bis heute haben wir Tausende von Festivals auf der ganzen Welt“, so Hillebrandt. Dies sei für die Popmusik sehr wichtig. Dadurch habe sie sich endgültig in der Gesellschaft verankert. Allein übers Plattenhören wäre das nicht möglich gewesen. Man müsse sich schließlich vergewissern, dass es andere gebe, die auch solche Musik hörten. „Jimi Hendrix‘ Musik war ja 1970 sehr ausgefallen, Musik der Subkultur. Da konnte man ja nicht wissen, ob andere das auch hören. Und so kam man hierher und stellte fest, 25000 sind so wie ich. Die wollen auch Jimi Hendrix hören“, resümierte der Fan, der damals zu jung war, um dabei zu sein. Die Zahl sei schon beachtlich gewesen für damalige Verhältnisse.

Im Vergleich dazu habe es die größte Studentenbewegung zu der Zeit nur auf 12000 gebracht.

Es sei das Besondere gewesen, dass diese vielen Menschen auf Fehmarn zusammengekommen seien und dadurch eine gefühlte Gemeinschaft bildeten, die sich in einer Sache ähnlich sei: „Wir wollen die gleiche Musik hören. Wir wollen uns in einer ganz bestimmten Weise unseren Mitmenschen gegenüber verhalten. Wir wollen solidarisch sein und uns gegenseitig helfen“, brachte es der Professor auf den Punkt und ergänzte, dass dieses Gefühl ganz entscheidend sei und man ohne nicht zum großen Fan von Popmusik würde.

Selbstverständlich lebe die Popmusik davon. „Sie braucht ständig neue Fans, die immer wieder diese Musik hören“, so Hillebrandt. Auch die Geschichten, die sich um die Ereignisse und die Künstler rankten, hätten großes Gewicht. Und selbst oder gerade im heutigen digitalen Zeitalter seien die Liveformate von ganz besonderer Bedeutung.

„Woodstock ist für die empirische Forschung verbrannt, weil man fast nichts Authentisches mehr darüber erfahren kann“, bedauerte der 54-Jährige und fuhr fort: „Das Festival auf Fehmarn lässt sich soziologisch besser erschließen, weil es die Möglichkeit bietet, noch andere Wege des Zugangs zu finden.“

Es sei nicht schon alles durch Film- oder Plattenaufnahmen vorgegeben, und es sei noch auf einer anderen Ebene der Erinnerungskultur angesiedelt als das Festival in Woodstock. „Die Erinnerung wird durch die Festival Group am Leben gehalten, aber sie ist nicht so prädestiniert wie die an Woodstock mit einem Dokumentarfilm, der uns vorgibt, wie wir das Festival sehen sollen“, erläuterte Hillebrandt. Aber aufgrund des Woodstock-Films, der damals in die Kinos kam, seien viele nach Fehmarn gekommen.

Derzeit arbeitet Frank Hillebrandt an einem Theoriebuch, in welchem das Festival auf Fehmarn als empirisches Beispiel fungiert.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Regeln fürs Kommentieren: Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.