Flüchtlinge Unterkunft Ostholstein
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Landrat Reinhard Sager (r.) dankte, zusammen mit den Kreismitarbeitern Simone Tackenberg und Jan Henrich, Bürgermeister Sven Partheil-Böhnke (l.) für die Bereitstellung der Strand-Arena in Timmendorfer Strand.

Sporthallen werden zu Notunterkünften: Kreis Ostholstein rüstet sich für Flüchtlingswelle

  • Manuel Büchner
    VonManuel Büchner
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460 Betten stellt der Kreis Ostholstein momentan in drei Flüchtlingsstationen für die Menschen aus der Ukraine zur Verfügung. Es sollen noch weitere hinzukommen – unter anderem in Großenbrode.

  • Dritte Flüchtlingsstation in Timmendorfer Strand – weitere folgen in Ratekau, Eutin und Großenbrode.
  • Bisher etwas mehr als 200 Kriegsflüchtlinge in den Flüchtlingsstationen des Kreises aufgenommen – und fast alle auf die Kommunen verteilt.
  • Unterkunft in Puttgarden für Flüchtlinge aus der Ukraine nimmt heute (29. März) Betrieb auf.

Timmendorfer Strand/Fehmarn – Kurz nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine sei schnell klar gewesen, dass man humanitäre Hilfe leisten müsse, sagte gestern Landrat Reinhard Sager in der Strand-Arena in Timmendorfer Strand. Die Sporthalle ist mit etwa 130 Betten nach Grömitz (Gildehalle und Ostholsteinhalle, 180 Betten) und Bad Schwartau (zwei Turnhallen, 150 Betten) die dritte Flüchtlingsstation des Kreises Ostholstein, die ihren Betrieb aufgenommen hat. Weitere sollen folgen zum 1. April in Ratekau (80 Betten) und ab Mitte April in Eutin (150 Betten) und in Großenbrode im ehemaligen AWO-Demenzhotel in der Strandstraße (100 Betten).

Land forderte: Innerhalb von 24 Stunden mussten bis zu 500 Betten für Ukraine-Flüchtlinge in Ostholstein zur Verfügung stehen

Mit allem geht der Kreis in finanzielle Vorleistung, Kosten seien bisher nicht abschätzbar, so Sager, der davon ausgeht, dass Ostholstein eine entsprechende Kompensation erhalten wird. Aktuell stellt der Kreis 460 Plätze für Flüchtende, ließ Simone Tackenberg, Leiterin des Krisenstabs für Flüchtlinge beim Kreis Ostholstein, wissen. Damit hat Ostholstein die Vorgabe des Landes erfüllt. Bereits am 9. März habe es vom Ministerium den Erlass gegeben, innerhalb von 24 Stunden 300 bis 500 Plätze zur Verfügung zu stellen. „In 16 Stunden hat Ostholstein geliefert“, so der Landrat, was nicht ohne die beteiligten Gemeinden und Hilfsorganisationen möglich gewesen wäre. Begleitet werden die Einsatzkräfte von der Psychosozialen Notfallversorgung des Kreises, da dies kein normaler Einsatz sei, betonte Christopher Noll, Pastor für Notfallseelsorge.

Ein bisschen Privatsphäre: Niels Happel (THW, v.l.), Torben Flohr (Johanniter) und Christopher Noll (Notfallseelsorge) zeigen eine Unterkunft.

Zusammen mit dem Kreis müssen Hilfsorganisationen und Kommunen schnell reagieren, das bestätigten auch Torben Flohr von der Johanniter-Unfall-Hilfe und Niels Happel vom THW. „Wir arbeiten auf Augenhöhe zusammen, schnell und unbürokratisch, das klappt wunderbar“, so Flohr. Beispiel: Flüchtende, die in Bussen aus Anrainerstaaten nach Deutschland kommen, würden nach Meldung aus dem Innenministerium in Kiel mit einer Vorlaufzeit von drei Stunden nach Ostholstein kommen, sagte Tackenberg. Aus den Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes sei die Vorlaufzeit etwa zwei bis drei Tage.

Die Geflüchteten können hier zur Ruhe kommen.

Jan Henrich, Koordinator der Flüchtlingsstationen des Kreises
Ein Bereich der Spielzeugecke in der Flüchtlingsstation in Timmendorfer Strand

Etwas mehr als 200 Geflüchtete sind bisher in Grömitz und Bad Schwartau untergekommen, die man bereits größtenteils auf Kommunen in richtigen Wohnraum weiter verteilt habe, so Jan Henrich, der beim Kreis die Flüchtlingsstationen koordiniert. Die Notunterkünfte seien ein erster Aufschlag für alle Notwendigkeiten. „Die Geflüchteten können hier zur Ruhe kommen“, so Henrich, der von steigenden Zuweisungen durch das Land ausgeht. Deshalb auch weitere Stationen. 

Bisher sind etwa 300000 Ukrainer auf der Flucht nach Deutschland gekommen. Man rechne bundesweit mit bis zu einer Million Menschen, für Schleswig-Holstein wären das dann bis zu 36000 Personen und „für Ostholstein über 2300 hilfsbedürftige Menschen, die untergebracht, betreut und versorgt werden müssten“, rechnet Simone Tackenberg vor.

Die Spendenbereitschaft ist groß: Hygieneartikel, Spielzeug, Kinderwagen, Schlafsäcke. Der Eingangsbereich der Sporthalle in Timmendorfer Strand ist gerüstet.

Für Sven Partheil-Böhnke, Bürgermeister in Timmendorfer Strand, ist die Sache klar: „Dass wir helfen, ist alternativlos.“ Er freue sich über die große Hilfsbereitschaft aus seiner Gemeinde. „Wir stehen zusammen, trotz aller Probleme, die wir haben“, so Partheil-Böhnke unter anderem mit Blick auf die Sportvereine, die durch die Pandemie belastet seien und nun Sporthallen nicht nutzen könnten.

Unterkunft in Puttgarden nimmt heute Betrieb auf

Ab heute könnten auf Fehmarn die ersten Flüchtlinge in die Unterkunft in Puttgarden einziehen, teilte Fehmarns Asylkoordinator Kurt-Henning Marten auf Nachfrage mit. Damit kann der Kreis auch offiziell zuweisen, jedoch gebe es bereits einige Ukrainer, die ihre jetzigen Unterkünfte auf Fehmarn bald verlassen müssten. „Werden sie von uns untergebracht, fließen sie auch in die Zuweisungsquote ein“, so Marten. In der ehemaligen Grundschule stehen 42 Plätze zur Verfügung, die schnell belegt sein könnten, gibt der Asylkoordinator zu bedenken. „Die Flüchtlingswelle wird wohl größer als 2015“, schätzt Marten und erinnert an Flüchtlinge aus anderen Ländern wie Afghanistan, um die man sich ebenfalls weiterhin kümmern müsse, sowie Obdachlose.

Die Gemeinden müssen die Flüchtlinge unterbringen.

Simone Tackenberg, Leiterin des Krisenstabs für Flüchtlinge beim Kreis Ostholstein

Wie verhält es sich, wenn die Kapazitäten in den Kommunen nicht ausreichen, gerade mit Blick auf die beginnende Tourismus-Saison? „Die Gemeinden müssen die Flüchtlinge unterbringen“, so Simone Tackenberg. Man gehe nach Rücksprache aktuell davon aus, dass dies auch leistbar sei. „Wenn alle Stricke reißen, müssen die Menschen wieder in die Flüchtlingsstationen“, so Landrat Sager, der das Szenario gestern zwar für unwahrscheinlich hielt – aber im Notfall könne man auch niemanden auf der Straße sitzen lassen.

Kurt-Henning Marten: „Ja, wir sind als Kommune gefragt, auch kreative Lösungen für die Unterbringung zu finden.“ Entscheidend sei, Wohnraum zu finden, den man längerfristig zur Verfügung habe. „Mindestens für ein halbes Jahr“, so der Asylkoordinator.

Kreis sucht Dolmetscher und Lkw-Fahrer

Sager: „Ich bitte alle, die helfen wollen, Hilfsangebote an die richtigen Stellen zu richten. Bitte bringen Sie keine Spenden zu den Notunterkünften, da sie dort nicht entgegengenommen werden können.“ Sach- und Geldspenden sollen an die Integrationsstellen der Kommunen gerichtet werden, ebenso Angebote für Wohnraum. Die jeweiligen Ansprechpartner sind auf den Ukraine-Seiten des Kreises unter kreis-oh.de oder bei den jeweiligen Kommunen auf deren Webseiten zu finden.

Der Kreis Ostholstein sucht derweil dringend Dolmetscher für Ukrainisch und Russisch für die Verständigung mit den Geflüchteten und Lkw-Fahrer, die bereit sind, ehrenamtlich oder gegebenenfalls auf Honorarbasis Transporte für die Ausstattung und Versorgung der Notunterkünfte zu fahren.

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