Kirche kontra Land Schleswig-Holstein - was ist am besten für die Menschen?

Der Streit um die Einkaufszeiten in den Bädern

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Gut gefüllte Burger Altstadt gerade an einem Sonntag. Die Kirchen hätten lieben mehr Menschen in ihren Gottesdiensten. Doch nun rät selbst der Ur-Sozialdemokrat Gerhard Poppendiecker, die Kirche solle alte Zöpfe abschneiden.

FEHMARN - Von Heiko Witt - Er war Pastor auf Fehmarn, bevor er Propst wurde. Matthias Wiechmann hat jetzt alle Beteiligten im Streit um die Einkaufszeiten in den Ost- und Nordseebädern zu einer Versachlichung aufgerufen. Ausgerechnet der ausgewiesene Sozialpolitiker Gerhard Poppendiecker von der SPD rät der Kirche indes, einzusehen, dass sich die Zeiten geändert haben.  

In der Diskussion um die Bäderregelung hat Propst Matthias Wiechmann in dieser Woche Kirchenvorstände sowie Pastorinnen und Pastoren im Kirchenkreis Ostholstein gebeten, "zu einer Versachlichung in der Auseinandersetzung um dieses Thema beizutragen". Zugleich betonte er: "Als Christenmenschen, die gemeinsam die Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche bilden, dürfen wir unberechtigte Anschuldigungen und Verunglimpfungen unserer Kirche nicht widerspruchslos hinnehmen."

Propst Wiechmann nahm damit Bezug auf "heftige, zum Teil ungehaltene Reaktionen" auf die Ankündigung der Nordelbischen Kirche (NEK) und des Erzbistums Hamburg, das seit zwei Jahren ruhende Normenkontrollverfahren um die Bäderverordnung in Schleswig-Holstein wieder zu aktivieren.

Die Kirchen wollten "natürlich nicht eine schon seit Jahrzehnten praktizierte Bäderregelung abschaffen, sondern nur deren Auswüchse in den letzten Jahren zurückführen lassen", so Propst Wiechmann in seinem Brief an die Kirchengemeinden.

Dass diese Maßnahme zu einer Gefährdung von 170000 Arbeitsplätzen führen würde, sei eine bisher durch nichts zu belegende Behauptung der Interessenverbände. Der Vorwurf, die Kirchen wollten die Menschen in ihrem Freizeitverhalten gängeln, sei unfair, vielmehr gehe es um die "Wahrung des durch die Verfassung geschützten Wertes der Sonntagsheiligung".

Deshalb würden die Kirchen ihr demokratisches Recht und ihre ethische Verantwortung wahrnehmen, indem sie Gesetze und Verordnungen, in diesem Fall die Bäderverordnung, auf ihre Verfassungsmäßigkeit überprüfen ließen.

Vergröberungen lassen die Wahrheit zu kurz kommen

Beide Kirchenleitungen hätten sich "zwei Jahre lang in zahllosen Gesprächen mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Wirtschaft um eine außergerichtliche Einigung über eine wieder auf 'Normalmaß' zu bringende Bäderregelung bemüht, führte Propst Matthias Wiechmann in seinem Schreiben an die Kirchengemeinden aus und fügte hinzu: "Leider blieben diese Bemühungen erfolglos, so dass sich doch jetzt diejenigen, die zu keinem Kompromiss bereit waren, über diesen von den Kirchen lange abgewarteten Schritt nicht wundern dürften." Gleichwohl agierten nun einige Handels- und Gewerbevereine sowie Tourismusvertreter "aufgeregt und plakativ gegen die Kirchen und bedienen sich in ihren Aktionen gerne auch so mancher Vergröberungen", die die Wahrheit zu kurz kommen ließen.

Das betreffe auch die Behauptung der Interessenverbände, der Normenkontrollantrag der Kirchen gefährde 170000 Arbeitsplätze in Schleswig-Holstein. Diese sei "bisher durch nichts zu belegen".

Viel differenzierter  als "heftige, zum Teil ungehaltene Reaktionen bei einem FDP-Landespolitiker, bei Partei-Ortsverbänden – insbesondere der Kommunen in der Lübecker Bucht – sowie bei einigen Gewerbe- und Fremdenverkehrsvereinen" seien dagegen andere Reaktionen in der Öffentlichkeit, betonte Propst Wiechmann, die vor allem einer Vielzahl von Leserbriefen in den Zeitungen zu entnehmen seien: "Wir erhalten als Kirchen zunehmend auch unterstützende Voten."

Zur sachlichen Information trage auch die Broschüre der Kirchen "Argumente für eine neue Bäderordnung" in guter Weise bei, schrieb Propst Matthias Wiechmann in seinem Brief an die Kirchengemeinden, die er bat, die Broschüre "nach den Gottesdiensten und kirchlichen Veranstaltungen an interessierte Gemeindeglieder zu verteilen".

"In Gesprächen war keine Annäherung möglich"

Erzbischof Dr. Werner Thissen und der NEK-Bischofsbevollmächtigte Gothart Magaard sowie Wirtschafts-Staatssekretärin Dr. Tamara Zieschang hatten am 7. Juli 2011 mitgeteilt, dass in den geführten Gesprächen keine Annäherung erreicht werden konnte. Grund: Kirchen- und Landesvertreter schätzen die Verfassungskonformität der bestehen Bäderregelung unterschiedlich ein. Deshalb hätten sich beide Parteien entschieden, die Frage gerichtlich klären zu lassen.

Poppendiecker: Die Seele beim Einkaufen baumeln lassen

SPD-Kommunalpolitiker Gerhard Poppendiecker nennt es "mehr als bedauerlich", dass die Angelegenheit der Sonntagsöffnungszeiten nun von den Gerichten entschieden werde.

Poppendiecker glaube nicht, dass mehr Menschen die Gottesdienste an den Sonntagen besuchen würden, wenn die Läden künftig nur noch eingeschränkt öffnen dürften.

Und dann die Sätze, die von einem Sozialdemokraten kommen: "Besonders junge Menschen, aber auch Menschen, die ihren Arbeitsplatz in der Woche weit entfernt aufsuchen müssen, genießen es, am Wochenende gemütlich durch die Läden zu laufen und zu kaufen. Auch so kann man seine Seele baumeln lassen. Vielleicht kann man mehr Menschen seitens der Kirche erreichen, wenn man alte Zöpfe abschneidet, sich den neuen Gewohnheiten mehr anpasst."

 

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