„sunshine4kids“ legen in Burgtiefe ab – Auf Segelfreizeit Sorgen und Probleme hinter sich lassen

„An Tagen wie diesen...“ hinaus aufs Meer

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52 Mädchen und Jungen im Alter von fünf bis 15 Jahren auf dem Haikutter „Hansine“.

FEHMARN - Von Nicole Rochell An Tagen wie diesen, wünsch‘ ich mir Unendlichkeit...“, singen sie. Es ist ihre Hymne. Die Hymne der Hoffnungsflotte. Für Kinder in Not. Das sind sie. Doch nicht in diesem Augenblick.

Dicht an dicht stehen sie am Bug des Traditionsseglers „Hansine“. Doch nicht nur der Fototermin an Bord des Haikutters lässt sie zusammenrücken. „Gemeinsam“ heißt das Signal, das sie geschlossen entsenden, während sie das Lied der „Toten Hosen“ singen. Sie sind nicht allein, das spüren sie in diesem Moment. Wie den Wind, der ihnen durchs Haar weht und die Sonne, die sich langsam Bahn bricht, Haut und Seelen wärmt. Sie sind bereit für eine Segelfreizeit der besonderen Art, die, ist sie vorbei, einen Beitrag dazu geleistet haben wird, ihre Sorgen und Probleme zumindest für einige Tage ausgeblendet und ihnen eine fröhlich-unbeschwerte Zeit beschert zu haben. Möwen und Blesshühner betrachten aus sicherer Entfernung die maritime Betriebsamkeit an und auf Steg 5 im Yachthafen. 52 Mädchen und Jungen im Alter von fünf bis 15 Jahren, die Burgtiefe für die nächsten Tage zu ihrem Basislager erklärten, wuselten voller Tatendrang umher. Die „sunshine4kids“-Shirts wollten gegen Schwimmwesten getauscht werden. Und in Anbetracht der deutlich spürbaren Aufbruchstimmung am Steg konnte es auch nicht schaden, langsam Segelboot und Crew aufzusuchen, mit denen es hinaus auf die Ostsee gehen sollte. Für die meisten Kinder, die nachts auch an Bord der Schiffe schliefen, war es der erste Segeltörn. Da roch die jodhaltige Luft geradezu nach großem Abenteuer... Alle schönen Eindrücke und Erlebnisse dieses langen Wochenendes sollen sich wie Balsam um ihre geschundenen Seelen legen.

Sie sind jung und haben dennoch bereits Schicksalsschläge hinnehmen müssen, die manch anderem ein ganzes Leben lang erspart bleiben. Den Kindern, die sich klar zum Segeltörn machen, scheint die Sonne zwar vom „sunshine4kids“-T-Shirt, in die Leben der Kinder und Jugendlichen hat es der strahlende, wärmende Himmelskörper bislang jedoch viel zu selten geschafft.

Die Mädchen und Jungen sind traumatisiert. Sie sind an Krebs erkrankt. Oder haben Vater oder Mutter durch Unfall oder Krankheit verloren. Auch bei dieser Aktion sind „Schattenkinder“ dabei, die durch die schwere Erkrankung eines Geschwisters leiden und sich zusätzlich längst daran haben gewöhnen müssen, dass es Wichtigeres gibt als ihre Wünsche. Und einige der Segel-Kids sind missbraucht worden. Sie kommen aus Hamburg, Lübeck, Berlin, Hannover, aus Düsseldorf und Dortmund. Ihr unterschiedliches Schicksal hat sie auf Fehmarn zusammengeführt. Hier brachen die Mädchen und Jungen am Sonnabend zur ersten Ostsee-Aktion von „sunshine4kids“ auf. Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kindern und Jugendlichen, die sich in einer schwierigen Lebenssituation befinden, durch kostenlose Segelaktionen, Projekte und andere Events ihre Lebensfreude zurückzugeben und neue Perspektiven aufzuzeigen. Da gibt es ein ganzes Heer an Helfern, das ehrenamtlich für die gute Sache wirkt. Allen voran: Gaby Schäfer, Vorstandsvorsitzende und Gründerin von „sunshine4kids“, die sich am Sonnabend über die herzliche Aufnahme auf Fehmarn freute. So viele Akteure hätten durch Spenden oder anderweitige Unterstützung dazu beigetragen, den Mädchen und Jungen einen schönen Aufenthalt zu bescheren. Gaby Schäfer – ein quirliges Persönchen, Hansdampf in allen Gassen. Hier leitet sie das Skipper-Meeting, teilt T-Shirts und Schwimmwesten in entsprechenden Größen aus, weist dem Kamerateam von RTL den Weg zur Mitsegel-Gelegenheit „Hansine“ und kümmert sich um die über Nacht eingetretenen Halsschmerzen eines der 52 Kinder, für die es wenig später „Klar zum Ablegen“ heißen sollte. Die Kinder und Jugendlichen im Alter von fünf bis 15 Jahren, eingeteilt in drei Gruppen, betreut Gaby Schäfer keinesfalls allein. An Bord der 18 Eignerschiffe, die auch zur Premiere des Ostsee-Törns kostenlos mit ehrenamtlicher Besatzung in See stachen, gehören neben erfahrenen Seglern auch Ärzte, Therapeuten und Sozialpädagogen. 73 Erwachsene kümmern sich um die Kinder und Jugendlichen. Auf dem begrenzten Raum eines Segelbootes ist die Gemeinschaft, so ganz ohne Rückzugsmöglichkeit, eine positive Grenzerfahrung für die Kinder und Jugendlichen. „Wir sehen das Segeln als Brücke, um einen Zugang zu den Kindern und Jugendlichen zu bekommen“, so „sunshine4kids“-Vorsitzende Gaby Schäfer. Den von ihr 2007 gegründeten Verein hat Bundeskanzlerin Angela Merkel übrigens in die Liste der 25 besten Sozialprojekte aufgenommen. Dass seitdem mittlerweile Hunderte von Kindern eine solche Segelfreizeit hat ermöglicht werden können, ist der Situation geschuldet, dass auch Gaby Schäfer und ihre Kinder selbst einmal durch die Hölle gingen. Als der Vater ihrer Kinder bei einem Verkehrsunfall plötzlich starb, sie von einem Augenblick auf den anderen allein mit ihren Kindern, zwölf und 13 Jahre alt, das Leben meistern musste, zog es der Mutter aus Sprockhövel (Nordrhein-Westfalen) den Boden unter den Füßen weg. „Wir machten uns dann auf, mit einem Wohnwagen in der Ferienzeit zu verreisen. Uns begleiteten dann auch immer andere Kinder, denen es ähnlich beziehungsweise nicht so gut ging. Die Erfahrung aus diesen Reisen der letzten Jahre hat gezeigt, dass es den Kids sehr gut getan hat, Abstand zu gewinnen, neue Länder und Menschen kennen zu lernen und neue Freundschaften zu schließen“, schreibt Gaby Schäfer auf der Homepage des Vereins. „Wir bereisten in den letzten Jahren mit den Kids viele Länder (Norwegen, Schweden, Italien, Spanien, Niederlande, Deutschland) und hatten sehr viel Freude miteinander. Da unsere große Leidenschaft dem Segeln gilt, entstand die Idee, das, was wir vor Jahren mit einem Wohnwagen angefangen haben, nun beim Segeln umzusetzen. Und so gründete ich 2007 den gemeinnützigen und mildtätigen Verein sunshine4kids e. V.“, so Gaby Schäfer. „Unsere Arbeit ist bewegend, manchmal herzzerreißend, aber immer lohnend und unvergesslich“, sagt sie. „Heute sind es bereits mehrere Hundert Kinder, denen wir jedes Jahr helfen und teilweise eine bessere Zukunft schenken können. Der Traum, den wir leben, ist, dass wir morgen mehreren tausend Kindern helfen können.“ Der Andrang auf ihre Projekte ist groß. 85 Kinder standen allein für diese Ostsee-Aktion auf der Warteliste. Und nach jedem Segel-event, so Gaby Schäfer, breche der Kontakt keinesfalls ab. Ein enges Netzwerk zu Heimen, zum Kinderschutzbund und zu Jugendämtern trage dazu bei, dass das erste Kennenlernen nicht das letzte Zusammentreffen gewesen sein muss. Punktuell und intensiv zu helfen ist Gaby Schäfer wichtiger, als möglichst viele Kinder „durchzuschleusen“. Sie und ihr Verein setzen ausschließlich auf Qualität statt Quantität. So gern die erfahrene Seglerin und leidenschaftliche Taucherin Wasser unter und um sich hat – gemeinsam Zeit zu verleben, sei das Wichtigste. Und so stehen bei unbeständigem Wetter auch gut und gerne immer wieder auch andere Aktivitäten neben segeln auf dem Programm. Es geht beispielsweise zum Strand, zum See, ins Schwimmbad, zum Bowlen, zum Kegeln, in den Freizeitpark... „Für mich gibt es nichts Schöneres, als Kinder glücklich zu machen, ihnen ein wenig die Sorgen zu nehmen“, sagt Gaby Schäfer, und sticht mit „ihren“ Kindern in See. Einige winken noch einmal zum Abschied, während sie einem neuen, unbekannten Ziel entgegensegeln und ihre Boote langsam am Horizont zu verschwinden beginnen.

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