Praxisverbund Fehmarnsund mit Videosprechstunde und -visite / Digitalisierung hält Einzug

Telemedizin auf dem Vormarsch

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Sogar von zu Hause aus hat Dr. Sebastian Möhle die Möglichkeit, Patienten per Videosprechstunde zu behandeln. Hier ist er gerade im Vorgespräch mit Michael Schrader, dem Leiter der Seniorenresidenz an der Strandpromenade in Großenbrode.

Fehmarn/Großenbrode –  Von Simone Walper In Schweden und der Schweiz schon eine Selbstverständlichkeit, steckt die Telemedizin in Deutschland noch ein wenig in den Kinderschuhen. Derzeit erfährt diese moderne Art der medizinischen Behandlung jedoch einen Schub, denn Patienten, die aus Angst vor der Ansteckung mit dem Coronavirus lieber auf den direkten Kontakt verzichten, nutzen das Angebot gern. Seit einigen Wochen bietet der Praxisverbund Fehmarnsund, der aus dem Ärztehaus Fehmarn in der Bahnhofstraße und der Praxis am Dorfteich in Großenbrode besteht, für all diejenigen, die momentan nicht in die Praxis kommen können oder wollen, die Videosprechstunde per „Click Doc“ an.

„Mittlerweile bieten viele Praxen Videosprechstunden an, die zentrale Neuerung bei uns ist eigentlich die Videovisite, die wir gemeinsam mit Michael Schrader für die Seniorenresidenz an der Strandpromenade ins Leben gerufen haben“, ist Dr. Sebastian Möhle froh, dass die Bewohner des Seniorenheims auch in der jetzigen Zeit nicht auf eine gute ärztliche Versorgung verzichten müssen. Und Michael Schrader, Leiter der Seniorenresidenz, pflichtet ihm bei, dass es so nicht nur möglich sei, die medizinische Versorgung in Zeiten von Corona sicherzustellen, sondern darüber hinaus der Arzt viel schneller erreichbar sei und man so manches Anliegen direkt lösen könne. „Wenn man immer warten soll, bis die Sprechstunde in der Praxis vorbei ist und Dr. Möhle zum Hausbesuch kommt, das ist manchmal einfach zu lang. Unsere Bewohner möchten ja, dass ihnen schnell geholfen wird“, lässt Schrader wissen, und der Großenbroder Hausarzt ergänzt, dass er auch rasch mal zwischen zwei Patienten eine Videovisite machen könne, wenn es denn wichtig sei und sich so auch der eine oder andere Hausbesuch erübrige.

Was die Digitalisierung des Hausbesuchs betrifft, ist Schrader froh, dass die Patienten gut damit umgehen. Dies sei sicherlich dem Umstand geschuldet, dass die Seniorenresidenz schon 13 Tage vor der generellen Schließung von Alten- und Pflegeheimen Besuche verboten und schnell Tablets, über die die Bewohner mit ihren Angehörigen sprechen können, eingeführt hätte. Somit sei der Arztbesuch per Videovisite nichts Ungewöhnliches mehr. Überhaupt seien die Bewohner tolerant und offen beim Ausprobieren von Neuem, ist der Heimleiter erleichtert.

Sicher ist sich Schrader, dass die Videovisite nicht auf die Pandemie beschränkt bleiben wird, sondern auch in Zukunft weiter fortgeführt werden soll. Und das ist auch ganz im Sinne von Dr. Möhle, der einen weiteren Vorteil der Videovisite darin sieht, dass man sich über das Tablet sehen und direkt austauschen kann. Die Bewohner hätten auf diese Weise einen relativ direkten Arztkontakt mithilfe einer Pflegekraft, die den Patienten bei der Videovisite unterstützt. So brächte man rasche medizinische Ergebnisse und „Socialising“ unter einen Hut.

„Klar, wir können den Patienten nicht anfassen und können nur Sichtbefunde stellen“, erklärt er die Einschränkung. Vieles, was mit der Haut, den Augen oder Gewebeschwellungen zu tun habe, könne man auf diese Weise jedoch gut diagnostizieren. „Bei allem, was mit den Händen untersucht oder mit dem Stethoskop abgehört werden muss, ist die Videosprechstunde beziehungsweise die -visite keine Hilfe“, lässt der Hausarzt wissen.

Die Videosprechstunde beziehungsweise -visite werde ganz normal im Praxisbetriebssystem dokumentiert. „Die Abrechnungsvoraussetzungen sind von den Kassenärztlichen Vereinigungen geschaffen worden“, ist Dr. Möhle froh, dass nicht mehr nur Privatpatienten den Service nutzen können, sondern auch alle gesetzlich Krankenversicherten. Sowohl Dr. Möhle als auch Dr. Johannes Gerber bieten den Service der Videosprechstunde gern allen Patienten an, nicht nur den Risikopatienten, und das obwohl das Angebot generell aufwändiger ist, als den Patienten in der Praxis zu sehen. In normalen Zeiten sei eine reguläre Sprechstunde immer schneller und effektiver, so ihr Fazit.

Telemedizinisch gut aufgestellt

Nicht erst seit Corona steht das Thema Digitalisierung bei Haus- und Fachärzten gleichermaßen auf dem Plan. Viele bieten ihren Patienten schon länger den Service an, über die Homepage Rezepte zu bestellen oder Termine zu buchen. Ebenso haben sich Ärzte vermehrt dazu entschlossen, eine Videosprechstunde ins Leben zu rufen, der momentan eine bedeutende Rolle beim Schutz der Patienten vor der Ansteckung mit dem Coronavirus zukommt. So ist es für Hals-Nasen-Ohren-Arzt Dr. Christopher Harnisch, der neben seiner Praxis in Heiligenhafen auch Sprechstunde in der Praxis von Kinderarzt Hans Römermann auf Fehmarn hält, eine Selbstverständlichkeit, mindestens in Zeiten von Corona, auch Videosprechstunden anzubieten. Dem schließt sich Gunhild Gille, Allgemein- und Sportmedizinerin in Heiligenhafen an, die sich sehr engagiert um Coronamaßnahmen in Arztpraxen kümmert. Ebenfalls ist Heiligenhafens Nervenarzt Dr. Jürgen Rodenhausen diesem Thema gegenüber sehr offen: „Auch ich habe die Videosprechstunde schon installiert und werde diese meinen Patienten zeitnah anbieten.“ In Oldenburg ist unter anderem Nervenarzt Dr. Gerd Evert mit Video- und Telefonsprechstunden am Start, und Neurologe Dr. Gunnar Neumann hält neben seiner täglichen Präsenzsprechstunde eine Telefonsprechstunde für seine Patienten vor.

Die Videosprechstunde ist nur ein Baustein des telemedizinischen Angebots des Praxisverbunds Fehmarnsund. Voraussetzungen für die Teilnahme ist ein passendes EndgerätSmartphone oder Computer mit Kamera – sowie eine Internetverbindung. Über einen Link auf der Webseite des Ärztehauses (fehmarnsund.care) kommt man zur „Click Doc“-Videosprechstunde. Mit einem Code, den der Patient zuvor per SMS oder E-Mail erhalten hat, kann er sich einloggen und betritt ein virtuelles Wartezimmer. Der Arzt meldet sich ebenfalls im System an und ruft die Patienten auf. Derzeit sei die Videosprechstunde in den meisten Fällen keine Entlastung, sondern ein Service für die Patienten, der besonders in Zeiten der Pandemie wichtig sei, sind sich die Ärzte Möhle und Gerber einig. Wie die Entwicklung im Anschluss aussehe, stehe noch in den Sternen.

Längst Realität und nicht mehr in den Sternen steht: Der Praxisverbund hat sowohl im telemedizinischen als auch im digitalen Bereich einiges zu bieten. Im Bereich Telemedizin gebe es zwei Pilotprojekte im Rahmen einer Studie in Zusammenarbeit mit der Universität Lübeck, erklärt Dr. Möhle und ergänzt, dies sei zum einen die telemedizinische Facharztkonsultation, der derzeit mehrere Augenärzte angeschlossen seien, sodass es innerhalb von einer Viertelstunde möglich sei, einen Patienten mit Augenproblemen einem Augenarzt vorzustellen, der dann eine Ferndiagnose stelle. Die Kameratechnik sei heute so gut, dass dies ohne Probleme möglich sei. „Geplant ist, weitere Fachärzte wie Rheumatologen oder Dermatologen einzubinden“, lässt er wissen.

Das zweite Angebot ist einTelemedizin-Rucksack für die nichtärztliche Praxisassistentin (NäPa) Yvonne Krüger, die mithilfe des Rucksacks mit elektronischen Messgeräten bei einem Hausbesuch eine Diagnose stellen kann. Über ihr Smartphone oder Tablet kann sie eine Videoverbindung zur Praxis aufbauen, die diagnostischen Daten in die Praxis übermitteln und mit dem Arzt konferieren. Leider sei dieses Angebot aufgrund der Corona-Pandemie nicht sinnvoll, da die Hausbesuche zum Schutz der Patienten auf ein Minimum heruntergefahren seien, bedauert Großenbrodes Hausarzt.

Sowohl er als auch Dr. Gerber finden die digitalen und telemedizinischen Aspekte wichtig. So gebe es beispielsweise beim Ärztehaus Fehmarn die Möglichkeit, über die Homepage Rezepte zu bestellen und Termine zu buchen. Außerdem lägen mittlerweile fast alle Patientenakten ausschließlich digital vor. Selbstverständlich sei es, dass mit dem Personal über den Online-Dienst „Zoom“ Videobesprechungen stattfänden. „Damit haben wir, ausgelöst durch Corona, angefangen und werden diese Form der Kommunikation zukünftig beibehalten“, erklärt Dr. Möhle.

In Zukunft soll das digitale Empfangen und Verschicken von Befunden in Angriff genommen werden. Eine weitere Idee ist das Videofeedback-Training, das praxisintern laufen soll. Dabei will sich das Personal gegenseitig bei Patientenkonsultationen filmen und diese anschließend analysieren. Momentan bleibt jedoch erst einmal abzuwarten, was in der nächsten Zeit, wenn wieder vermehrt Touristen ins Land kommen, auf die hiesigen Arztpraxen zukommt.

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