Große Herausforderungen für den ländlichen Raum / Hausärztliche Versorgung Topthema

Thoben: Frühzeitig einbringen

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ASG-Vorsitzender Andreas Hering (l.) und Hermann-Josef Thoben waren zu Gast beim SPD-Ortsverein Fehmarn.

FEHMARN – Von Andreas Höppner Das im Grundgesetz, Art. 72, niedergeschriebene Ziel der Schaffung gleichwertiger Lebensverhältnisse stellt den ländlichen Raum vor zunehmende Herausforderungen. Der demografische Wandel trägt einen nicht unerheblichen Teil dazu bei. Dieser Thematik widmete sich ein vom SPD-Ortsverein Fehmarn und der SPD-Landtagsabgeordneten Sandra Redmann organisierter Infoabend unter dem Titel „Leben im ländlichen Raum – wie sieht die Zukunft aus?“

Hermann-Josef Thoben, 1. Vorsitzender der Akademie für die ländlichen Räume Schleswig-Holstein, und Andreas Hering, Landesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokraten im Gesundheitswesen (ASG), unterbreiteten den rund 20 Besuchern im Gasthaus Meetz in Bannesdorf einige Ansätze und Empfehlungen, wie die Attraktivität des ländlichen Raums zumindest erhalten werden kann.

Was viele Fehmaraner derzeit aber wohl am meisten beschäftigt, ist die Diskussion um die mögliche Errichtung einer Hähnchenmastanlage bei Gollendorf (wir berichteten). Dr. Johannes Grünitz, 33 Jahre Landarzt auf Fehmarn und seit zwei Jahren im Ruhestand, warnte eindringlich vor etwaigen Folgen der Massentierhaltung. Grünitz nannte exemplarisch eine erhöhte Feinstaubbelastung und den Nitrateintrag ins Grundwasser und die dadurch bedingten negativen Auswirkungen auf die Gesundheit, wie einen Anstieg der Krebsrate. „Wir sollten alle sehr wachsam bleiben, auch wenn es nur eine Ankündigung ist“, mahnte Grünitz.

Aufmerksam und aktiv bleiben will auf jeden Fall die Politik. So kündigten Redmann und Marianne Unger, Vorsitzende des SPD-Ortsvereins Fehmarn, an, demnächst eine gesonderte Veranstaltung zur Massentierhaltung und dem privilegierten Bauen für landwirtschaftliche Betriebe im Außenbereich durchzuführen. „Wir müssen an die Privilegierung ran“, so Redmann, umweltpolitische Sprecherin ihrer Fraktion.

Hermann-Josef Thoben, ehemaliger Leiter des Referats für ländliche Räume in der Ministerialverwaltung in Kiel, sprach grundsätzlich die Empfehlung aus, sich als Gemeinschaft solidarisch und vor allem frühzeitig einzubringen – auch außerhalb der kommunalpolitischen Gremienarbeit. „Sind Planungen relativ weit fortgeschritten und ist schon viel Geld in die Planung geflossen“, sei es schwierig, noch entscheidende Änderungen zu erzielen, wisse er aus Erfahrung.

Zuvor hatte der Vorsitzende der Akademie für ländliche Räume ein flammendes Plädoyer für das Leben im ländlichen Raum zelebriert. „Menschen im ländlichen Raum kennen sich untereinander. Das ist der große Schatz, das ist die Chance“, so Thoben zu den Vorzügen gegenüber Ballungsräumen. Und direkt auf Fehmarn bezogen: „Jede Region hat besondere Stärken.“ Das gelte für jedes einzelne Dorf, für die Insel und für die Aktiv-Region, der Thoben bei der Einwerbung von Fördergeldern für bestimmte Projekte eine große Bedeutung beimisst.

Unter dem Aspekt der Gewährleistung von Mobilität hält Thoben ein E-Carsharing nach dem Vorbild des Klixbüller Projekts „Dörpsmobil“ auch für Fehmarn für umsetzbar: Einwohner gründen einen Verein, leasen ein Dorfgemeinschaftsauto, zahlen einen geringen Monatsbeitrag und entrichten eine Gebühr für die Nutzung.

Zu den wichtigsten Kriterien, die für die im ländlichen Raum lebenden Menschen erfüllt sein müssten, zählt Andreas Hering die hausärztliche Versorgung. Das sei für die Menschen entscheidend. Hering skizzierte das Problem: Es gibt immer mehr Ärzte in Deutschland, aber nicht auf dem Land. Die Zahl der Allgemeinärzte geht zurück, ebenso die Zahl der Einzelpraxen. Immer mehr Ärzte sind angestellt. Ostholstein insgesamt und auch Fehmarn würden bei der Zahl der Hausärzte aber noch als gut versorgt gelten, teilte Hering mit. Muss jedoch ein Facharzt aufgesucht werden, könne leicht eine Fahrstrecke von 100 Kilometern fällig werden, beklagte ein Zuhörer im Gasthaus Meetz.

Für den ländlichen Raum ein Problem, gestand Hering. Aber auch hier gelte es, ein eigenes Modell, ein Modell für Fehmarn zu entwickeln. Beispielhaft nannte er das Ärztezentrum in Büsum, das von der örtlichen Kommune betrieben wird und vor vier Jahren die Antwort auf akute Versorgungsnot war. Man sollte aber nichts kopieren, sondern einen eigenen Weg finden, stellte der ASG-Landesvorsitzende heraus. Aber auch er sprach die Empfehlung aus, sich rechtzeitig zu kümmern und nicht zu lange zu warten, wenn es um die Umsetzung von Projekten geht.

Eine Anregung des unter den Zuhörern weilenden SPD-Landtagsabgeordneten Nils Saemann aus Mecklenburg-Vorpommern wurde gerne aufgenommen. Er berichtete aus seinem Wahlkreis Teterow, wo die medizinische Versorgung mit der Entwicklung bezahlbaren und barrierefreien Wohnraums gekoppelt worden sei. Ein erfolgreiches Modell, ließ Saemann wissen.

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