Tierheimleiterin Christina Mann mit Katze „Klara“
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Für die an Diabetes erkrankte Katze „Klara“ sucht Tierheimleiterin Christina Mann ein liebevolles Zuhause.

Lübbersdorfer Tierheim in der Corona-Krise

Ein Zuhause auf Zeit

  • Nicole Rochell
    vonNicole Rochell
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In der Corona-Krise verzeichnet das Lübbersdorfer Tierheim eine große Nachfrage. Vier Tierpfleger und drei Auszubildene und viele Ehrenamtler halten den Betrieb aufrecht.

  • Tierheimleiterin Christina Mann war die erste Auszubildende.
  • Ohne ehrenamtliche Helfer geht es nicht.
  • Der Markt für Haustiere ein tierisches Geschäft.

Lübbersdorf – In jedem Zwinger eine Geschichte. Oftmals traurige Blicke, zumeist sehnsuchtsvoll, manche aber auch schon lange ohne jede Hoffnung, erzählen sie. Von der Geborgenheit und Zuneigung, die sie möglicherweise schon einmal in ihrem Leben hatten erfahren dürfen – bevor sie hier landeten. Oder von Härte, Entbehrungen, Furcht oder Gewalt, vielleicht ohne das Gefühl einer streichelnden Hand, einer warmen Decke oder eines regelmäßig vollen Napfes je kennengelernt zu haben. So oder so gilt es bei den Geschichtenerzählern, Vertrauen wieder aufzubauen und unter Beweis zu stellen, dass nicht alle Menschen gleich sind. 

Trauer hat kein Ablaufdatum, sagt man. Liebe augenscheinlich schon. Ist sie am Abend aller Tage, heißt die Endstation oft Tierheim. Ein Wort mit einem häufig bitteren Beigeschmack, den es längst nicht immer verdient. Denn auch hier wie überall steht die Zuversicht, der Wille und die Kraft, das Beste aus den Dingen zu machen, mit den Menschen – in diesem Fall vor den Gitterstäben. 

Ich spreche immer von einem vorübergehenden Zuhause für die Tiere.

Tierheimleiterin Christina Mann

So wie Christina Mann, Leiterin des Lübbersdorfer Tierheims, die sich ihren Grundoptimismus in all den Jahren bewahrt hat. „Wir versuchen, den Tieren ihren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten“, würde sie jedoch, keine Frage, am liebsten jeden ihrer Heimbewohner in einem richtigen Zuhause sehen. Dennoch: „Ich spreche immer von einem vorübergehenden Zuhause für die Tiere“, beschreibt Christina Mann den Tierheim-Aufenthalt, und pflegt selbst eine enge Bindung zum tierischen Zufluchtsort im Lübbersdorfer Weg 6. 

Mann war gerade elf Jahre alt, als sie erstmals für ein Schulprojekt im Tierheim war, das der Tierschutz Oldenburg in Holstein und Umgebung von 1965 unterhält. „Heimtiere, Haustiere, Nutztiere“ war ihre Arbeit überschrieben – spätestens da war sie auf den Geschmack gekommen, mit Tieren arbeiten zu wollen. Sie hielt den Kontakt, und 2004 den Ausbildungsvertrag in Händen: Christina Mann, die ihre Lehre zur Tierpflegerin absolvierte, war die erste Auszubildende in der Geschichte des Lübbersdorfer Tierheims. Dorthin kehrte sie, nachdem sie einige Jahre in einem Hundepensionsbetrieb in Ratekau gearbeitet hatte, zurück. Ihr ehemaliger Chef hatte angeklopft und ihr die Leitung des Tierheims angeboten. Das schlug Christina Mann nicht aus. 

Tierpflegerin Lynn Kitzinger mit „Selda“ (v.l.), Tierheimleiterin Christina Mann mit „Bobby“, Auszubildende Lina Beckmann mit „Gemma“ und Tierpflegerin Jolina Schessnick mit „Jamie“.

Inzwischen arbeiten vier gelernte Tierpfleger und drei Auszubildende im Tierheim. Und natürlich geht es nicht ohne ehrenamtliche Helfer. Was das anbelangt, freut sich das Tierheim-Team über rund 15 Gassi-Gänger. Und deren ehrenamtlicher Einsatz ist keinesfalls zu unterschätzen. Sie können neben den Tierpflegern nicht nur einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass der Tierheimalltag für die Hunde erträglicher wird, weil sie menschliche Nähe spüren und zudem Auslauf bekommen, sie bekommen auch etwaige Verhaltensprobleme mit, an denen bereits während der Tierheimzeit gearbeitet werden kann. Als oftmals enge Bezugsperson lernen sie den Hund außerhalb des Zwingers kennen und können Auskunft über Verhalten und Charaktereigenschaften geben – wichtige Informationen für die erfolgreiche Vermittlung in ein neues Zuhause. Ohne die ehrenamtlichen Helfer würde die tägliche Arbeit im Tierheim nicht funktionieren, weiß Christina Mann zu schätzen. „Ohne sie geht es nicht.“ 

Bei derzeit rund 28 Hunden, die in Lübbersdorf betreut werden, könnte die ein oder andere Hand mehr mit Sicherheit nicht schaden. Doch seit Corona ist auch im Tierheim vieles anders. Mal eben spontan vorbeischauen – ist nicht. Interessenten rufen am besten vorher an (04361 3884) und vereinbaren einen Termin. Sicher gebe es momentan den einen oder anderen, der seine coronabedingte Mehrzeit gern dem Tierheim und seinen vorübergehenden Bewohnern spendieren möchte. Ob Gassi gehen, spielen oder schmusen mit den Hunden oder Katzen – das sonst mit Handkuss angenommene Angebot muss Christina Mann derzeit leider ablehnen. „Wir müssen auch unsere Mitarbeiter schützen und versuchen, die Kontakte so gering wie möglich zu halten“, sagt sie.

Nach einem Beißvorfall mit einem Hund kam Hundedame „Missy“ ins Tierheim. Es werden Besitzer gesucht, die die behördlichen Auflagen erfüllen können.

Corona. Für viele Tierheime Fluch und Segen zugleich. In der Corona-Krise haben viele Menschen in Zeiten von Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen, von Einsamkeit, Homeoffice und mehr Zeit plötzlich ihre Liebe zum Tier entdeckt und – sich viele zum ersten Mal ein Haustier zugelegt. 

Die Anfragen schießen massiv in die Höhe. Tierbedarfs-Händler erzielten 2020 kräftige Umsatzzuwächse. Der Markt für Haustiere ist vor allem in Corona-Zeiten ein tierisches Geschäft. Hundezüchter melden in der Corona-Krise einen regelrechten Welpen-Boom. Die Nachfrage ist immens. Auf ein Hundebaby kommen derzeit im Schnitt 200 Interessierte, weiß Christina Mann. Bezahlt werde nahezu jeder Preis. Und der illegale Welpenhandel blühe. Was die Leiterin des Lübbersdorfer Tierheims mit genauso großer Sorge verfolgt wie die boomenden Gesuche bei Kleinanzeigen-Portalen im Internet. Christina Mann hofft, dass diese Tiere nicht nach Corona im Tierheim landen. Denn in einigen haben viele jetzt schon keinen Platz. 

Bei der Vermittlung keine Corona-Extrawurst

Was die Lübbersdorfer Vermittlung anbelangt, gibt es, und das bereits seit einem Jahr, keine Corona-Extrawurst. „Wir haben jetzt genau die gleichen Anforderungen wie vor Corona“, macht Christina Mann deutlich, dass das Prozedere im Lübbersdorfer Tierheim, um ein Tier mit zu sich nach Hause zu nehmen, keinesfalls aufgeweicht ist. Wer ein Tier möchte, worüber sich das Lübbersdorfer Team natürlich freut, muss unter Beweis stellen, dass das Tier auch in guten Händen ist. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Nach wie vor besteht Lübbersdorf auf eine Selbstauskunft, und normalerweise gibt es auch Vor- und Nachkontrollen, damit sich die Tierheim-Mitarbeiter davon überzeugen können, in welches Umfeld das Tier kommt und ob auch umgesetzt wird, was zuvor beschrieben wurde. Wobei das Wort „Kontrolle“ auch durch „Besuch“ ersetzt werden könnte. Ein kurzer Besuch im Wohnumfeld der künftigen Familie. Schließlich soll das Tier nicht vom Regen in die Traufe kommen. Doch seit Corona ist das erst einmal gestrichen. „Viele sind jedoch ganz lieb und fertigen kleine Videofilmchen, mit dem Handy aufgenommen, und zeigen ihre Wohnung, ihr Haus und, so vorhanden, den Garten“, so Christina Mann. 

Was die Vermittlungen von Lübbersdorf anbelangt, ist sich Christina Mann auch in Corona-Zeiten „zu 99 Prozent sicher“, dass die von Lübbersdorf vermittelten Tiere nicht wieder zurückkommen werden. „Eine gewisse Menschenkenntnis haben wir entwickelt und glauben schon, dass wir ein ganz gutes Händchen haben, was die Vermittlung anbelangt. „Es geht um keine Erfolgsquote“, will Christina Mann nicht missverstanden werden, vielmehr müsse es für alle passen. 

„Beide Seiten müssen glücklich sein, Mensch und Tier“, so Mann, die sich wünscht, dass sich die Besitzer in spe vor der Anschaffung gut informieren und wissen, was auf sie zukommt. Eine spätere Ab- oder Zurückgabe wegen einer Tierhaar-Allergie oder hohen finanziellen Kosten, Dinge, die man schon im Vorfeld hätte wissen können, versteht Christina Mann nicht, die sich wünscht, dass Tiere nicht mehr so häufig wegen Nichtigkeiten abgegeben werden und die Menschen am anderen Ende der Leine manchmal mehr Einsatz zeigten. „Viele Tiere sind unverstanden von Menschen, so ist manches Problem auch von Menschen gemacht“, so Christina Mann. Die freut sich, dass in Corona-Zeiten auch einige Menschen ihr Herz für ältere Tiere, mitunter auch kranke, öffneten. Auch da gebe es einige Nachfragen. Die Deutschen kommen also auf den Hund. Oder die Katze. Das merken auch die Lübbersdorfer Tierschützer. Das Katzenhaus hat Klara, seit Mitte Februar im Tierheim, derzeit weitestgehend für sich allein. Sie hat Diabetes und benötigt ein ruhiges Zuhause, wo sich die neuen Besitzer zutrauen, ihr zweimal täglich Insulin zu spritzen. Klara ist eine reine Wohnungskatze und kommt aus einem ruhigen Haushalt einer älteren Person. 

Wenige Katzen momentan im Angebot

Nur ganz wenige Katzen hat Lübbersdorf momentan noch im Angebot. Wenn es sein muss, ist dort Platz für 70 Katzen. Aber die Nachfrage in Corona-Zeiten ist immens. Anders sieht es bei den Hunden aus. Die Unterbringungsmöglichkeit von 30 Hunden ist beinahe ausgeschöpft. Aber wen wundert’s? Hunde gehören per se zu den häufigsten Tieren im Tierheim. Unter ihnen auch einige, die aufgrund von Verhaltensproblemen abgegeben worden seien. In solchen Fällen spiele Corona gar keine Rolle. Tiere, die „verhaltensorigineller“ seien, wie es Christina Mann liebevoll beschreibt, blieben generell länger im Tierheim, ob mit oder ohne Corona. Und doch hofft sie, dass jede Lübbersdorfer Tiergeschichte auch ein Happy-End findet.

Kein Sommerfest, kein Kaffee- und Kuchenverkauf, keine „Laufkundschaft“ ... – die Spendendose im Tierheim bleibt leer. Was Sachspenden anbelangt, ist Christina Mann froh, dass einige Tierfreunde das Tierheim bedenken. Sie orientierten sich an der Wunschliste auf der Homepage des Tierheims und schauten, was dringend benötigt wird. Auch Futtermittelspenden werden nach wie vorn gern genommen. Entsprechende Spendenboxen stehen in den Futterhaus-Geschäften in Heiligenhafen, Oldenburg und Neustadt. Boxen gibt es auch in diversen Supermärkten in Oldenburg und Umland.

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