Die Veranstalter des Fehmarn Festivals 1970 erzählen - 2. Teil unserer Serie

Viele Grüße von Ibiza

+
Helmut Ferdinand und Christian Berthold haben vor 40 Jahren das legendäre Festival auf Fehmarn organisiert. Sie grüßen fröhlich von Ibiza und bitten alle, die durch das Festival geschädigt wurden, um Verzeihung.

FEHMARN - Von Heiko Witt- "Wir sind damals unter Polizeischutz ins Krankenhaus geflüchtet, leider ohne die Kasse, wie fälschlicherweise immer geschrieben wurde. Im Übrigen waren die Kassen leer.“ Das schreiben Christian Berthold und Helmut Ferdinand, die vor 40 Jahren das legendäre „Love and Peace Festival" auf Fehmarn auf die Beine gestellt haben (und einen Weltstar wie Jimi Hendrix nach Fehmarn holten), das unter Sturm und Regen litt und an dessen Ende das Organisationszentrum in Flammen aufging. Heute leben die beiden auf Ibiza und schreiben mit einem Lächeln nach Fehmarn: „Wir bitten alle, die durch das Festival geschädigt wurden, dies zu entschuldigen.“

„Daran habe ich gar nicht mehr gedacht“, war die spontane Reaktion, als wir Christian Berthold am Telefon hatten (und es hat einige Recherchen gebraucht, bis wir ihn ausfindig gemacht hatten). „Stimmt ja, das ist jetzt 40 Jahre her.“

Und dann setzten sie sich hin. Berthold und Ferdinand. Bis tief in die Nacht. Sie dachten an die Hippie-Zeit zurück. „Hat mir direkt Spaß gemacht, diesen kleinen Abriss unseres Abenteuers aus jungen Jahren zu schreiben“, so Christian Berthold.

Helmut Ferdinand (71) lebt seit 1975 auf Ibiza und ist jetzt Rentner. Christian Berthold (68) lebt teils auf Ibiza und teils in Deutschland. Er betrieb lange Zeit selbst das berühmte Restaurant „Tipasa“ in der Lübecker Schlumacherstraße, das es heute noch gibt. Damals war er 28 Jahre alt und Helmut Ferdinand 33. Der Dritte im Bunde der Veranstalter, der damals 30-jährige Tim Sievers, ist vor ein paar Jahren verstorben.

„Das Love and Peace Festival auf Fehmarn 1970 war von uns wirklich und ehrlichen Herzens so gedacht, wie es das Motto suggeriert. Mit unseren begrenzten Mitteln, aber mit viel Elan, Begeisterung und Mut haben wir versucht, eine große Idee zu verwirklichen, aber leider viel Pech gehabt“, schreibt Christian Berthold, „so ist das manchmal im Leben, aber wir bereuen es nicht.“

Aus ihren Beschreibungen geht hervor, dass Berthold und Ferdinand damals in Kiel die Konzertagentur B+F betrieben und diverse Konzerte mit Musikgruppen wie John Mayall, Brian Auger, The Taste, Spooky Tooth und Softmachine organisierten. Es entstand der Kontakt zum heute berühmten Fritz Rau.

„Zu der Zeit gab es in Deutschland einige Festivals, wie das von Aachen, die aber alle immer in der beengenden Atmosphäre von Stadien stattfanden. Wir hatten nun die, gewiss leicht größenwahnsinnige Idee, ein kontinentales Gegenstück zum jährlichen englischen Festival auf der Isle of Wight, zu dessen Veranstaltern wir auch Kontakt hatten, zu schaffen“, so Christian Berthold.

Bereits von Anfang an wollten Berthold, Ferdinand und Sievers etwas Besonderes schaffen: „Es sollte ganz anders werden als andere Festivals: Ein schönes, großzügiges Gelände am Meer, wo die Gäste drei Tage campieren konnten, sich kennenlernen, die Natur erfahren und die hervorragendsten Gruppen hören konnten. Es war auch geplant, wozu es aber noch nicht kam, alle möglichen kreativen Workshops anzubieten.

Fehmarn – als grüne Brücke zwischen Europa und Skandinavien – bot sich da an. Nach langem Suchen haben wir dort auch ein passendes, ein ideales Gelände gefunden, das auch schon eine gewisse Infrastruktur bot: den Campingplatz am Flügger Strand. Der Besitzer, Herr Störtebecker, (!) war so mutig, sich auf unser Abenteuer einzulassen.“

Es habe ein ganzes Stück Arbeit und Überzeugungskraft gekostet, die Genehmigung des Amtes Petersdorf zu erhalten. Berthold, Ferdinand und Sievers erhielten Auflagen. Zum Beispiel den Bau von 200 Toiletten. „Und natürlich brauchten wir Geld, viel Geld um so ein Ding auf die Beine zu stellen.“ Allein die Musikgruppen verlangten bei Vertragsabschluss 50 Prozent der Gage im Voraus. „Nun hatten wir zwar viel Elan und Mut, aber kaum Geld. Also haben wir Sponsoren gesucht und glücklicherweise auch gefunden.“

Hauptsponsorin des Fehmarn Festivals 1970 war keine geringere als Beate Uhse, die sich begeistern ließ und den drei Veranstaltern „eine größere Summe“ zur Verfügung stellte. Berthold und Ferdinand nennen sie nicht, doch es sollen nach anderen Dokumentationen 200 000 Mark gewesen sein. Sie stellte ihre Sexshops als weitere Vorverkaufsstellen zur Verfügung.

Die drei jungen Veranstalter mieteten ein Bürohaus in Kiel an. Es gab dort sogar einen Sandkasten, in dem sie das Festivalgelände vom Flügger Strand nachgestellt hatten. Tim Sievers widmete sich Vorverkauf, Presse und Werbung. „Wir ließen sechs VW-Busse durch Deutschland und die Nachbarländer touren, zum Plakatieren und zum Einrichten von Vorverkaufsstellen.“

Helmut Ferdinand zeichnete sich für den gesamten technischen und baulichen Bereich verantwortlich: Es kamen zwei Trucks aus Orange in England mit dem Musikequipment. „Dann haben wir – erstmalig – eine Drehbühne konstruiert, um die damals üblichen langen Wartezeiten, die zwischen den Auftritten der einzelnen Gruppen entstanden, zu vermeiden“, schreibt er.

Christian Berthold war für den künstlerischen Teil zuständig: Zusammenstellung des Programms, Einkauf der Gruppen. Dazu waren Reisen nach London nötig. Zur Unterbringung der Musiker wurde das Hotel Dania in Puttgarden angemietet.

„Ich erinnere mich noch an ein Abendessen mit Jimi Hendrix, der sehr still, ernsthaft, ja fast melancholisch wirkte“, sagt Christian Berthold.

„Wir denken auch heute noch, dass Fehmarn eine gute Idee war und ein großer Erfolg hätte werden können. Eigentlich sollte das Festival ja jährlich wiederholt werden, für das Jahr darauf hatten wir schon potente Sponsoren“, schreiben Ferdinand und Berthold, „die Idee war gut, der Platz idyllisch, geografisch gut gelegen, alle angekündigten Gruppen waren unter Vertrag (was damals nicht unbedingt üblich war) und unsere Vorbereitungen waren auch nicht so dilettantisch, wie das im Nachhinein scheinen mag, ganz im Gegenteil.“

Den Termin von Anfang September hätten sie gewählt, weil ihnen „sowohl Fischer als auch Meteorologen“ erklärt hatten: „Anfang September scheint auf Fehmarn die Sonne.“

„Leider kam dann alles ganz anders: Drei Tage Sturm und Regen, die Musiker weigerten sich teilweise zu spielen, weil sie elektrische Schläge bekamen. Die Taxis mit den Musikern blieben in den Schlammwegen stecken, die Toilettentüren wurden verheizt. Es war einfach grauenhaft !

Das Publikum, schätzungsweise 30 000 Zuschauer, harrte geduldig in den flatternden Zelten aus. Wir hatten mit wesentlich mehr Zuschauern gerechnet – aber durch das Wetter und auch Berichte über Gewalt und Aufruhr, die gleich am Freitag übers Radio kamen, sind wohl viele abgeschreckt worden.

Denn das war unser zweiter Horror: Am Donnerstagabend kamen über 200 Rocker – angeblich als Ordner – die Gewalt und Schrecken verbreiteten. Wir hatten 30 uns bekannte Rocker als Ordner eingestellt zusätzlich zu den Ordnern, die wir in Kiel eingestellt hatten. Nun brach also schon am Donnerstag Krieg zwischen unseren Ordnern und den Rockern, betrunken und gewaltbereit, aus.

Es war schrecklich. Auch die zu Hilfe gerufene Polizei, eine Hundertschaft, war machtlos. Wir haben den Rockern schließlich 30 000 Mark gegeben, damit sie unter Polizeiaufsicht die Insel verlassen. Trotz aller Widrigkeiten lief das Festival einigermaßen weiter bis Sonntag Abend.“

Was dann passierte, bleibt wohl weiter unklar. Berthold und Ferdinand schreiben: „Durch eine Reihe aggressiver Besucher geriet dann alles außer Kontrolle. Das Organisationszentrum ging in Flammen auf.“ Hierzu gibt es verschiedene Versionen: Rio Reiser, der mit „Rote Steine (später „Ton, Steine, Scherben“) spielte, soll ins Mikro gebrüllt haben: „Rammt die Veranstalter ungespitzt in den Boden.“ Und er spielte den Song „Macht kaputt, was Euch kaputt macht.“ Warum die Stimmung so gegen die Veranstalter kippte, ist ungeklärt. 

"Wir haben seither nie wieder ein Popkonzert organisiert“, erklären Berthold und Ferdinand. Immerhin: Größere Schulden sind ihnen aus dem Festival selbst kaum entstanden. „Allerdings beträchtliche Folgeschäden durch den Aufruhr am Ende. Beispielsweise waren geliehene Funkgeräte der Deutschen Post im Werte von 50 000 Mark verloren gegangen.“

Auf 30 000 Mark blieb der Getränkehändler Christian Evers sitzen, die ihm die Veranstalter versprochen hatten. Von dieser Geschichte wird er in der morgigen Ausgabe erzählen. „Es freut uns, dass in Erinnerung an unser Festival jährlich ein Revivalfest stattfindet, dem wir viel Glück und gutes Gedeihen wünschen“, grüßen Berthold und Ferdinand abschließend.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Regeln fürs Kommentieren: Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.