Horst Fredrich aus Landkirchen ist ein sogenanntes Wolfskind

Am Volkstrauertag kommt die Erinnerung

+
Horst Fredrich ist ein alter Eisenbahner. Bereits seit 1949 lebt der 88-Jährige auf Fehmarn.

FEHMARN - Von Andreas Höppner  Wenn am Volkstrauertag der Kriegstoten und Opfer von Gewaltherrschaft gedacht wird, dann bricht sich bei der Generation, die die Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit am eigenen Leib miterlebt hat, die Erinnerung an harte, entbehrungsreiche Zeiten Bahn. Das ist auch bei Horst Fredrich aus Landkirchen nicht anders. Der 88-Jährige stammt aus Bad Schönfließ/Neumark, musste als Kind zwei Jahre Zwangsarbeit leisten, kam 1947 nach Itzehoe und weitere zwei Jahre später nach Fehmarn.

Horst Fredrich war ein sogenanntes Wolfskind. Als Wolfskinder wurden Kinder bezeichnet, die am Ende des II. Weltkriegs und in den Nachkriegsjahren von ihren Eltern getrennt oder Waisen wurden, sich im ehemaligen Ostpreußen allein durchschlagen mussten und oft ums nackte Überleben kämpften.

Fredrich: „Ein katastrophales Erlebnis“

Horst Fredrich hat seine schlimmen Erinnerungen aus dieser Zeit niedergeschrieben: Im April 1944 trat er als 14-Jähriger eine Lehrstelle als Betriebsjunghelfer bei der Deutschen Reichsbahn an. Bereits Ende 1944 wurde das Gebiet von den russischen Truppen besetzt. Gleich in den ersten Tagen wurde er mit weiteren zehn bis zwölf Jungen auf den Marktplatz von Bad Schönfließ geführt. Mit Spaten und Spitzhacke seien sie dann mit einem Wagen in die Feldmark gebracht worden, um an der Absturzstelle eines deutschen Flugzeugs die Leichen und Leichenteile bei minus 15 Grad zu vergraben. „Ein katastrophales Erlebnis, mir schmeckte drei Tage kein Essen“, berichtet Horst Fredrich.

Damit nicht genug, die Zwangsarbeit der Jungen ging weiter. Sie mussten für ein provisorisches Lazarett Wasser zum Waschen der Verwundeten sowie Brennmaterial zum Heizen herantragen. Wenig später ging es in die Kreisstadt Königsberg (Neumark), wo für die russische Luftwaffe ein provisorischer Landeplatz gebaut werden musste. „Leere Häuser wurden gesprengt, und mit unserem Werkzeug mussten wir das Material zerkleinern. Eine Mordsarbeit“, erinnert sich Horst Fredrich. Nach Fertigstellung der Landebahn ging es für die Männer und Jugendlichen – rund 200 – bei strömendem Regen in einem beschwerlichen Fußmarsch ins 25 Kilometer entfernte Soldin. Essen habe es nicht gegeben, die Temperaturen lagen um den Gefrierpunkt.

Einem polnischen Wachmann habe er letztendlich wohl sein Leben zu verdanken, ist Horst Fredrich überzeugt, denn dieser habe zu ihm gesagt: „Hau ab.“ Von den 200 anderen, darunter sein Vater, habe er bis heute nie wieder etwas gehört.

Die nur in Auszügen wiedergegebenen Erinnerungen Host Fredrichs sind auch Teil des Antrags auf Zwangsarbeiterentschädigung, den der 88-Jährige vor fast genau einem Jahr beim Bundesverwaltungsamt (BVA) gestellt hat. Durch einen Artikel in der einmal im Monat erscheinenden Heimatzeitung des ehemaligen Kreises Königsberg-Neumark, die Horst Fredrich abonniert hat, ist er auf diese Möglichkeit aufmerksam geworden.

Antrag gestellt auf Entschädigung

Erst seit dem 1. August 2016 ist es den ehemaligen zivilen deutschen Zwangsarbeitern möglich, eine einmalige Entschädigung in Höhe von 2500 Euro geltend zu machen. Eine eher symbolische Wiedergutmachung für das Leid, das die auch Wolfskinder ertragen mussten. Die Regelung geht zurück auf einen Beschluss des Deutschen Bundestages. Die Antragsfrist lief am 31. Dezember 2017 aus. Horst Fredrich, der seinen Antrag fristgerecht abgegeben hat, wartet auch ein Jahr später immer noch auf seinen Antragsbescheid. Bislang hat er lediglich eine Eingangsbestätigung erhalten.

Derzeit sind erst die Hälfte der Anträge abschließend bearbeitet. So teilt das BVA auf Anfrage des FT mit, dass insgesamt 46268 Anträge gestellt worden sind. „Davon wurden bis zum 30. September 2018 bereits 20698 Anträge abschließend bearbeitet“, so eine BVA-Sprecherin. Es seien 17346 Anerkennungs- und 3038 Ablehnungsbescheide erstellt sowie 314 Verfahren eingestellt worden. Somit standen Ende September noch 25570 Antragsverfahren zur Bearbeitung aus.

Aufgrund der enorm hohen Zahl eingegangener Anträge sei die Mitarbeiterzahl der Projektgruppe Mitte des Jahres personell verstärkt worden, heißt es vonseiten des BVA. 34 Personen kümmern sich nun um das Sichten und Bescheiden der Anträge. Das BVA rechnet damit, 2020 alle Verfahren abschließen zu können. Um dem hohen Lebensalter der Antragsteller gerecht zu werden, geht das BVA bei der Bearbeitung der Anträge in der Regel wie folgt vor: Die Hälfte der Mitarbeiter bearbeitet die Anträge der ältesten Antragsteller in der Reihenfolge der Geburtsdaten, die andere Hälfte bearbeitet die Anträge nach der Reihenfolge des Eingangs.

Horst Fredrich bleibt nichts anderes übrig, als weiter abzuwarten, denn zu seinem konkreten Fall konnte das BVA keine Auskunft geben. Es verweist aber auf die BVA-Hotline unter 022899 3589800 oder die E-Mail adz@bva.bund.

Horst Fredrich, der auf Fehmarn eine zweite Heimat gefunden hat und seit 1962 in Landkirchen wohnt, erinnert sich gerne zurück an seine Zeit als Eisenbahner: als Kassierer auf der Fähre in Großenbrode-Kai, später in Burg und schließlich in Puttgarden, wo er 1985 aus dem Dienst ausschied. In Landkirchen verbringt er nach dem frühen Tod seiner Frau seinen Lebensabend schon seit 29 Jahren mit Lebensgefährtin Anneliese Wilken. Und auch am gesellschaftlichen Leben nimmt er noch teil. Gerne holt er dann sein Akkordeon hervor, um aufzuspielen, beispielsweise bei Veranstaltungen des örtlichen Sozialverbands. Und selbstverständlich wird das FT gelesen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Regeln fürs Kommentieren: Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.