Bürger-Info wird zum Heimspiel der Heiligenhafen-Gegner

Der emotionale Weg zum Bürgerentscheid

Altbürgermeister Reise plädierte für eine Einamtung in das Amt Oldenburg-Land.

Altbürgermeister Reise plädierte für eine Einamtung in das Amt Oldenburg-Land.

GROSSENBRODE (hö) • Am 5. November entscheiden die Einwohner der Gemeinde Großenbrode mit Hilfe eines Bürgerentscheids darüber, mit welchem Partner sie eine Verwaltungskooperation eingehen wollen.

Entweder eine Verwaltungsgemeinschaft mit der Stadt Heiligenhafen, wie es der am 21. Juni von der Gemeindevertretung gefasste Mehrheitsbeschluss (9:8) vorsieht (FT, 23. Juni 2006), oder aber als Einamtung in das Amt Oldenburg-Land, wie es die Initiatoren des Bürgerentscheids beabsichtigen.

Kein Vertreter der Stadt Heiligenhafen vor Ort

Diese hatten am Mittwoch zu einer Bürgerinformation eingeladen, welche in der Sache zwar keine neuen Fakten auf den Tisch brachte, doch umso mehr verdeutlichte, wie wichtig den Bürgern die Thematik ist, denn das „Haus des Gastes“ war bis zum Bersten gefüllt. Schon zu Beginn der Veranstaltung war schnell deutlich geworden, dass die Initiatoren des Bürgerbegehrens – Jürgen-Detlef Reise, Gerd Richter, Dr. Wolfgang Weber – ein „Heimspiel“ haben sollten, zumal kein Vertreter der Stadt Heiligenhafen erschienen war.

Bürgermeister Heiko Müller weilte ebenso wie seine Stellvertreter Helga Wiedersich und Peter Ascheberg im Urlaub. Jan Rohde sowie Bürgervorsteher Norbert Suhr hatten andere Verpflichtungen.

Für Jürgen-Detlef Reise „ein eigenartiger Zufall, dass die Repräsentanten der Stadt Heiligenhafen keine Zeit haben“.

Harter Stand für Deiterding

So kam Großenbrodes Bürgermeister Hartmut Deiterding (CDU) die an diesem Abend undankbare Aufgabe zu, den Standpunkt der Befürworter einer Verwaltungskooperation mit der Stadt Heiligenhafen darzulegen und somit zeitweilig in die Rolle des Prügelknaben zu schlüpfen. Natürlich sei es bedauerlich, dass kein Vertreter Heiligenhafens da sei, doch die Einladung sei relativ spät gekommen, brachte der Großenbroder Bürgermeister Verständnis auf. Wenn der Veranstalter es gewollt hätte, dann hätte er die Bürgerinfo auch um eine Woche verschieben können. Dann wäre Heiligenhafens Bürgermeister Heiko Müller aus dem Urlaub  zurück gewesen, kritisierte Deiterding.

Wesentlich einfacher hatte es hingegen Klaus Klinckhamer, Amtsvorsteher des Amtes Oldenburg-Land, die aus seiner Sicht bestehenden Vorteile einer Einamtung der Gemeinde Großenbrode in das Amt Oldenburg-Land aufzuzählen.

Klinckhamers wichtigstes Argument: Das Amt Oldenburg-Land habe mit zurzeit rund 100 Euro/Einwohner die kostengünstigste Verwaltung im Kreis Ostholstein. Nach einer Kooperation mit Großenbrode würde man bei etwa 111 Euro/Einwohner liegen und damit weitaus kostengünstiger sein als die Stadt Heiligenhafen. Die Verwaltungskosten lägen in der Warderstadt mit rückläufiger Tendenz bei rund 158 Euro/Einwohner, so Deiterding, der damit Klinckhamers Angaben von „etwas unter 200 Euro bei Städten“ revidierte. Zudem könne man die Verwaltungskosten zwischen Städten und ländlich strukturierten Ämtern nicht vergleichen, befand Deiterding. Der Amtsvorsteher des Amtes Oldenburg-Land konterte wiederum, dass die Stadt Heiligenhafen die Kosten der HVB herausgerechnet habe.

Amt Oldenburg-Land zeigt auf seine "Mitgift"

Diese Art der Argumentation setzte sich fort. Klinckhamer hielt aber fest, dass das  mit Zahlenmaterial unterlegte Gesamtangebot des Amtes Oldenburg-Land wie bisher Gültigkeit besitze. Das heißt unter anderem, dass der Gemeinde Großenbrode die „Hochzeitsprämie“ in Höhe von 250000 Euro, die das Land bei freiwilligen Verwaltungszusammenschlüssen (Frist: 31. Dezember 2006) zahlt, komplett zugestanden wird. Das gesamte Personal werde übernommen, die Großenbroder Verwaltung könne als Außenstelle bestehen bleiben. Ferner sicherte Klinckhamer zu, dass die Großenbroder Kurverwaltung erhalten bleibe und sich Chancen böten, im Rahmen der Tourismuskooperation ihr noch mehr Gewicht zu geben. Insgesamt, so Klinckhamer, sei er überzeugt, dass der Verwaltungszusammenschluss mittelfristig Einsparungen ermögliche, „langfristig allemal“.

Schon kurzfristig weniger Geld für die Verwaltung ausgeben zu müssen, damit rechnen hingegen die Befürworter einer „Verwaltungsehe“ mit der Stadt Heiligenhafen. „Wir kaufen uns eine maßgeschneiderte Verwaltung ein“, formulierte Klaus Jäcker (BfG). Hans-Heinrich Schröder (CDU) kritisierte, dass die Stadt Heiligenhafen im Gegensatz zum Amt Oldenburg-Land „bis heute“ kein mit Zahlen unterlegtes Angebot unterbreitet habe.

Soweit zum sachlichen Teil der Veranstaltung, die mehrfach mit persönlichen Angriffen garniert war. Auch ein stets um Ausgleich bemühter Diskussionsleiter Gunther Lothert konnte dies nicht verhindern.

Jäcker: „Spaltung der Gemeinde“

„Das Bürgerbegehren hat unsere Gemeinde gespalten wie kein anderer politischer Vorgang“, so Klaus Jäcker, daran trügen die Antragsteller Jürgen-Detlef Reise, Gerd Richter und Dr. Wolfgang Weber Mitschuld. Das Bürgerbegehren werde die zukünftige Arbeit in der Gemeindevertretung stark belasten, befürchtete Jäcker, der besonders Altbürgermeister Jürgen-Detlef Reise kritisierte. So könne er nicht nachvollziehen, wie ein Vorgänger seinen Nachfolger (Hartmut Deiterding, d. Red.) derart demontieren könne. Das würde kein Bundeskanzler und kein Bundespräsident machen.

Für Hans-Heinrich Schröder ist schließlich die Freie Wählervereinigung (BfG) Ursache allen Übels. „Eure Partei ist es gewesen, die 1998 mit ihrer Gründung die Spaltung vorangetrieben hat“, wetterte er. Die Mehrheit der CDU-Fraktion habe hingegen mit ihrer Entscheidung, gegen einen Zusammenschluss mit Heiligenhafen zu stimmen, „Rückgrat bewiesen“ und den Wunsch der Bürger berücksichtigt, erklärte der CDU-Fraktionssprecher. Der einzige Heiligenhafener Bürger, der sich auf der Bürger-Info zu Wort meldete, war H.-D. Steltner. Dieser malte die Zukunft der Warderstadt in dunklen Farben, sah einen „Pleitegeier“ über der Stadt kreisen und empfahl den Großenbrodern, sich doch lieber einen „solventen Partner“ zu suchen, denn: „Heiligenhafen ist am Boden zerstört.“

Altbürgermeister Reise warf Deiterding schließlich vor, „vorsätzlich falsch“ argumentiert zu haben und Unwahrheiten zu verbreiten, was dieser wiederum entschieden zurückwies. Reise, der in seiner Begrüßung bereits auf die große Bedeutung des Bürgerentscheids hingewiesen hatte, skizzierte zum Schluss noch einmal das wesentliche Ziel, das mit dem Bürgerentscheid erreicht werden solle:

Auf dem Pfad der Polemik

„Die Gewährleistung einer langfristigen Selbstständigkeit der Gemeinde Großenbrode.“ Dies könne nur durch einen Anschluss an das Amt Oldenburg-Land geschehen. Einer möglichen Kooperation mit Heiligenhafen hatte er schon zu Beginn der Veranstaltung eine klare Absage erteilt, als er den Pfad der Polemik beschritt und davor warnte, dass es dann in Großenbrode bald so aussehen könnte wie in Heiligenhafens Außenbereichen Ortmühle und Strandhusen. Hier gebe es nur wassergebundene Wege, „wollen wir das“?

Nichtsdestotrotz gab es auch Einigkeit beider Lager. So wurden die Bürger dazu aufgerufen, möglichst zahlreich zur Wahl zu gehen, damit ein aussagekräftiges Meinungsbild widergespiegelt werde.

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