So geht es heimischen Spargelhöfen / Zahlreiche Anfragen freiwilliger Erntehelfer

Spargel-Äquator wird nördlicher

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Auf dem Spargelhof Hay muss in diesem Jahr mit deutlich weniger Spargelhelfern geerntet werden.

Gremersdorf -mf- Sorgen um das Lieblings-Saison-Gemüse der Deutschen braucht man sich in Ostholstein nicht zu machen. Im Gegenteil. „Durch das gute Wetter konnten wir dieses Jahr relativ früh ernten. Sonst geht es teilweise erst Ende April los. Geerntet wird bis zum 24. Juni“, erklärte Wiebke Albert vom Bauernmarkt und Geflügelhof Albert in Altgalendorf. Ehemann Jürgen Albert ergänzte: „Dieser Frühling war im Schnitt drei Grad zu warm. Eigentlich ist das nicht gut, aber für den Spargel schon. Wir haben hier kein klassisches Spargelgebiet, aber durch die Klimaveränderung ist der Spargel-Äquator ein bisschen nach Norden gerutscht.“

Große Aufregung herrschte in diesem Jahr allerdings mehr um die Erntehelfer als um den Spargel an sich. Durch das Coronavirus durften viele Erntehelfer aus anderen Ländern zur Erntezeit nicht nach Deutschland einreisen. Landwirte liefen Gefahr, auf Teilen ihres ungeernteten Spargels sitzenzubleiben. Jürgen und Wiebke Albert hatten Glück: „Wir persönlich hatten keine Probleme.“ Die sechs Erntehelfer waren bereits in der ersten Märzhälfte aus Polen auf den Hof gereist, um bei den Kartoffel-Vorbereitungen zu helfen. „Das war noch, bevor das alles losging. Normalerweise reisen die Helfer nochmal für zwei bis drei Wochen in ihre Heimat. In diesem Jahr sind sie zwangsweise hiergeblieben“, sagte Jürgen Albert, der sich darüber freute, mit seiner bewährten Mannschaft arbeiten zu können: „Da kennt man sich untereinander.“

Probleme, Helfer zu finden, hätten die Hofbetreiber in diesem Jahr aber ohnehin wohl nicht gehabt. Zahlreiche Anfragen, ob bei der Ernte noch Hilfe benötigt werde, seien bei Familie Albert eingegangen. „Das hatten wir so auch noch nie“, lachte der Landwirt und fügte hinzu: „Wenn man ein eingespieltes Team hat, dann ändert man das allerdings nicht gerne.“

Eine Befürchtung hatte das Ehepaar dennoch. Weil Hof Albert für den regionalen Markt produziert und auch viele Gastronomen als Kunden hat, sei die Sorge da gewesen, durch die Schließung der Restaurants einen Großteil des Spargels nicht verkaufen zu können. Bislang war diese Sorge allerdings unbegründet. „Die private Nachfrage ist dafür deutlich größer“, stelle Jürgen Albert fest. „Vielleicht wird durch die aktuelle Lage mehr gekocht, die Menschen können nicht verreisen und wollen sich mal etwas gönnen“, mutmaßte der Spargelbauer. Dennoch hoffe das Ehepaar Albert, dass die Restaurants und Hotels ab Pfingsten wieder öffnen dürfen.

Auch der Wochenmarkt-Verkauf laufe sehr gut. Man habe das Gefühl, dass Menschen große Läden meiden und lieber auf den Wochenmarkt gehen, stellte Albert fest. Resümierend sagte er: „Gerade läuft es für uns gut, aber manchmal muss man auch mit weniger zufrieden sein. Andere Kollegen haben die Preise enorm angezogen. Aber wenn man aus dieser Situation großen Profit herausschlagen will, dann ist man eh falsch aufgestellt. Wir haben kriegsähnliche Zeiten, da muss man sich solidarisch zeigen.“

So rosig wie bei Familie Albert sieht es auf dem Spargelhof Hay in Kembs nicht aus. „Bis jetzt ist die Saison katastrophal. Wir haben enorme finanzielle Einbußen. Wir müssen jetzt die Bälle flach halten, was die Kosten angeht“, sagte Hofbesitzer Paul Hay auf HP-Nachfrage. Auch bei den Saisonhelfern gab es Schwierigkeiten, berichtete der Landwirt: „Ich habe zwar Erntehelfer bekommen, wie geplant ist es aber nicht gelaufen. Eigentlich wollte ich zehn Rumänen, aber die konnten und wollten auch teilweise aus Angst nicht anreisen. Mit polnischen Saisonkräften konnten wir dann aber doch starten“, erklärte Hay seine aktuelle Situation durch die Coronapandemie. Jetzt arbeite er nur mit etwa einem Drittel der Belegschaft plus zwei Studenten aus Deutschland.

Die beiden Studenten waren allerdings nicht die einzigen, die sich bei Familie Hay gemeldet hatten. „14 Tage stand das Telefon nicht still. Wir hatten reihenweise Bewerbungen. Wir hätten mit hiesigen Leuten arbeiten können, aber das wäre nicht planbar gewesen“, erklärte Paul Hay und sagte weiter: „Viele davon sind auf Kurzarbeit. Wenn die plötzlich wieder arbeiten müssen, fehlen uns wieder Erntehelfer“, erklärte der Spargelexperte das Dilemma. Aktuell werde so eben nur ein Drittel produziert. Die restlichen beiden Drittel – üblicherweise für Gastronomie und Touristen – würden derzeit ohnehin wegfallen. So könnte es unter Umständen sein, dass der restliche Spargel bis zum nächsten Jahr durchwachsen müsse, erklärte Paul Hay und fügte hinzu: „Bei den Erdbeeren ist das anders, die werden schlecht.“ Auch an die Großmärkte könne er seinen Spargel derzeit nicht verkaufen, „die sind auch alle voll, die nehmen nichts mehr an“, so Hay. Paul Hay und seine Familie hoffen jetzt, dass sie durch die Zweitwohnungsbesitzer doch noch etwas mehr verkaufen können und dass es dann vielleicht doch noch eine halbwegs normale Saison werden könnte.

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