Großenbroder Gemeindevertretung: Verbal wird weiter scharf geschossen

CDU und BfG verlassen Sitzung

Überschaubar: Die letzten 20 Sitzungsminuten blieben die Plätze der CDU- und BfG-Fraktionen im Hintergrund verwaist.
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Überschaubar: Die letzten 20 Sitzungsminuten blieben die Plätze der CDU- und BfG-Fraktionen im Hintergrund verwaist.

Großenbrode -ra- Eine denkwürdige Gemeindevertretersitzung reiht sich in Großenbrode derzeit an die nächste: Am Mittwoch- abend wurde im „MeerHuus“ einmal mehr verbal scharf geschossen und reichlich Porzellan zerdeppert. Vorläufiger Tiefpunkt: Die CDU- und BfG-Fraktionen verließen vor der Abstimmung des Tagesordnungspunktes fünf geschlossen den Raum und nahmen auch im Anschluss nicht mehr an der Sitzung teil. Während Bürgermeister Jens Reise (CDG) nur ungläubig staunte und davon sprach, dass er so etwas noch nie erlebt hätte, kommentierte Klaus Jäcker (FDP) den Abgang als „respektlos“.

Dass die Sondersitzung der Gemeindevertretung mit einer überschaubaren Tagesordnung überhaupt einberufen wurde, hatte nur einen Grund: Der Aufstellungsbeschluss für eine Hotelansiedlung an der Großenbroder Mole sollte aufgehoben werden. „Die knapp 950 Unterschriften des Bürgerbegehrens haben gezeigt, dass die Bürger mit der Geschwindigkeit der Projektentwicklung nicht einverstanden sind. Über eine in Aussicht gestellte Ausnahmegenehmigung könnten wir das Grundstück eventuell noch später entwickeln. Dafür muss der jetzige Aufstellungsbeschluss aber erst einmal aufgehoben werden“, erklärte Jens Reise das Vorgehen, das mit 6:0-Stimmen später auch umgesetzt wurde. CDU und BfG hatten zu diesem Zeitpunkt bereits den Sitzungsort verlassen.

Die Ausnahmegenehmigung hat folgende Bedeutung: Entlang von Nord- und Ostsee muss künftig auch innerorts ein Küstenschutzstreifen von 150 Metern von jeder Bebauung freigehalten werden. Deadline hierfür ist der 23. Juni 2021. „Uns wurde eine Ausnahmegenehmigung in Aussicht gestellt, doch ob wir diese überhaupt noch erlangen können, steht in den Sternen“, sagte Jens Reise gestern auf Nachfrage. Die Kommunalaufsicht des Kreises Ostholstein muss bis spätestens 14. Dezember eine Rückmeldung geben, ob das laufende Bürgerbegehren gegen eine Hotelansiedlung an der Mole zulässig ist. Dann wäre ein Planungsstopp erwirkt. Sprechen sich die Großenbroder beim anschließenden Bürgerentscheid gegen ein Hotel aus, darf das Grundstück mindestens zwei Jahre lang nicht überplant werden. „Eine Bebauung wäre dann nie mehr möglich, weil wir die planungsrechtlichen Voraussetzungen nicht mehr schaffen können. Das ist die Krux“, so Reise, der nach eigenen Angaben von der Möglichkeit einer Ausnahmegenehmigung erst vor zwei Wochen erfahren hat. „Bis 14. Dezember werden wir diese nicht mehr bekommen, wir hätten uns viel früher da- rum bemühen müssen.“ Er wolle aber noch Gespräche mit Land und Kreis führen. Die Voraussetzung hierfür liefere nun die Aufhebung des Aufstellungsbeschlusses von Mittwochabend.

Eine rund 40-minütige Diskussion, die es in sich hatte, war der Abstimmung vorausgegangen. Weil die Aufhebung des Aufstellungsbeschlusses auch Bestandteil des laufenden Bürgerbegehrens ist, sehen CDU und BfG das Vorgehen der Zählgemeinschaft (CDG, SPD und FDP) kritisch und unterstellen Kalkül. „Ich habe das Vertrauen verloren. Im Dezember 2019 haben wir uns einstimmig für die Sicherung des Grundstückes an der Mole ausgesprochen, weitere Schritte waren erst einmal nicht vorgesehen. Doch im Januar ist der Bürgermeister vorgeprescht und hat die Hotelumsetzung in die Wege geleitet“, sagte Peer Knöfler (CDU) und fragte offensiv: „Wenn der Aufstellungsbeschluss heute aufgehoben wird, wer garantiert uns, dass ihr in den nächsten Sitzungen nicht wieder einen neuen fasst?“

Jens Reise entgegnete: „Es geht um vier Millionen Euro, die das Grundstück wert ist. Mit einer Ausnahmegenehmigung des Landes wäre eine Hotel-Realisierung auch noch in drei, vier oder fünf Jahren möglich. Bis dahin könnten in Ruhe die Themen Umgehungsstraße oder Wohnraum für Einheimische angegangen werden“, schlug Jens Reise vor, der noch einmal den Mehrwert eines Hotels mit gastronomischen Einheiten und Einkaufszeilen für den Ort hervorhob, gleichzeitig aber auch betonte, dass sein „persönliches Glück“ nicht von einem Hotelbau abhängen würde. „Wenn sich die Bürger dagegen aussprechen, dann akzeptiere ich das natürlich“, so Reise mit Blick auf den wahrschein- lichen Bürgerentscheid. Hans-Heinrich Schröder (CDG) pflichtete seinem Fraktionskollegen bei. „Es wäre wirtschaftlich gesehen grob fahrlässig, nicht die planungsrechtlichen Voraussetzungen zu schaffen, damit auf dem Grundstück später doch noch gebaut werden könnte.“

Der CDU-Fraktionssprecher Hans Sehmel attestierte der Zählgemeinschaft ein „scheinheiliges Vorgehen“. „Hätten sich alle an die Absprachen gehalten, das Grundstück lediglich für eine spätere Generation zu sichern, hätten wir die Misere nun nicht. Nun wird der Bürger entscheiden, und das darf durch die Aufhebung des Aufstellungsbeschlusses nicht gefährdet werden.“ Wulf Kruse (BfG) schlug in dieselbe Kerbe und sagte in Richtung Zählgemeinschaft: „Ihr habt das Vertrauen verspielt. Von konkreten Hotelplänen, die schnell umgesetzt werden sollen, war letztes Jahr offiziell nie die Rede.“

Stefan Kraus (FDP) erklärte, dass er mittlerweile froh sei, dass die Bürger im Rahmen eines Bürgerentscheides sehr wahrscheinlich das letzte Wort haben werden. „Ich gebe zu, ich habe die Vehemenz unterschätzt und werde das Ergebnis des Bürgerentscheids vollends akzeptieren.“

Ob jemals auf der Fläche am Kaiende ein Hotel entstehen wird, ist derzeit ungewisser denn je.

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