Wenn die Sonne untergeht, feiert Heiligenhafen die Kult(o)urnacht

Kult(o)uruhr für den Marktplatz

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Wie man in Afrika auf selbst getöpferten Kochstellen kocht und dass die Gerichte hervorragend munden, konnten die Besucher der Kult(o)urnacht erleben.

HEILIGENHAFEN (ft) · „Petrus muss ein Kult(o)urist sein, denn er bescherte Heiligenhafen am Sonnabend wieder gutes Sommerwetter für die Kult(o)urnacht“, sagte Touristikleiter Oliver Behncke beim Abschlusskonzert in der Stadtkirche, das in diesem Jahr die „irische Nachtigal aus Heiligenhafen“ Eugenia McCabe-Schmidt, unterstützt von ihren Gitarrenschülern, gestaltet hatte.

Die 400 Kult(o)urtaler waren schnell vergriffen. Jetzt wird der Tourismus-Service noch 130 Exemplare dieses gefragten Wahrzeichens der Kult(o)urnacht bei der Künstlerin Conny Scheefeldt aus Cismar nachbestellen.

Die diesjährige Kult(o)urnacht begann mit dem schon traditionellen Festakt in der Stadtkirche, wo Pastor Carsten Sauerberg und Bürgermeister Heiko Müller die Veranstaltung eröffneten. Wie Pastor Sauerberg in seiner Rede feststellte, ist Kultur ein Spiegel der Gesellschaft. Ein Versuch, dem menschlichen Leben in formaler Gebundenheit eine Gestalt zu geben. Am Beispiel der Stadtkirche zeigte Carsten Sauerberg auf, dass der Ausdruck von Ästhetik und der Kultur bürgerlichen Empfindens des 19. Jahrhunderts anders sei als heute. Eine klare Ausrichtung habe damals die Gesellschaft formiert: oben auf der Empore der Rat und die Kapitäne, unten das Volk. „Alles blickte zur Kanzel, dem Lehrstuhl und der moralischen Instanz der Stadt“, sagte der Pastor. Der Altar sei nicht so wichtig. Heute würde man halbrund bauen, Ausrichtung zum Altar im Halbkreis. Die Bänke würden einer Bestuhlung weichen, denn so wäre man flexibler bei Veranstaltungen.

„Wo geht die Kultur-Reise hin ?“, fragt Pastor Sauerberg. Weg von der Westfixierung, orientalisches sei unseren Ohren nicht fremd. „Am meisten gefordert wird wohl die bildende Kunst sein, die sich kommentierend mit Streetview und Gameshows auseinandersetzt. Übrigens findet ein guter Teil bildender Kunst schon heute nicht mehr in Galerien statt, sondern auf ‚youtube‘“, so Pastor Sauerberg. Für ihn beginnt auch heute nichts bei Null und niemals ohne Tradition. Auch in den anderen Bereichen der Kultur werde das ähnlich sein. „Und das ist gut so“, sagte der Pastor.

„Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, sie geht nur nach von und das ist wichtig für uns in Heiligenhafen“, stellte Bürgermeister Müller fest. Mit dem Erlös der Kult(o)urnacht soll wieder eine Uhr auf dem Marktplatz die Zeit anzeigen. Für Müller ein Zeichen für alle, weiter nach vorn in die Zukunft zu schauen. Mit Spenden und dem Erlös des Verkaufs des Kult(o)ur-Buttons soll diese Uhr bald auf dem Marktplatz stehen.

Für Bürgermeister Heiko Müller gehört zur Kultur in Heiligenhafen auch die Beleuchtung des Rathauses, der Kirche und historischer Giebel auf dem Markt. Einen Vorgeschmack brachte die Kulturnacht als sich Rathaus, Altdeutsche Bierstube und die Stadtkirche am Abend im wechselnden Spiel der Farben präsentierten. 2 500 Stimmzettel sollen das Meinungsbild der Kult(o)urnachtbesucher widerspiegeln. Der Festakt in der Kirche wurde musikalisch vom Posauenchor gestaltet, dann stellten Klaus und Renate Nehring im Kostüm der Kaufleute Hendrik und Mette van Hamme, die um 1305 in Heiligenhafen lebten, den neuen Kult(o)urtaler vor. Nach der Eröffnung ging es auf die nächtliche Kult(o)urreise durch die Warderstadt. An den 13 offiziellen Stationen gab es auch den begehrten Stempel, der für den Erwerb des Kulturtalers Voraussetzung ist. Die Stadtkirche war ein Kulturzentrum an diesem Abend. Hier spielte der Posaunenchor, erklangen Melodien auf der Konzertharfe von Sabine Fichtner aber auch Folk & Gospel von Eugenia McCabe-Schmidt. Turmführungen mit Küster Markus Bauer sowie ein Film von Jost Eggers über die Errichtung des Dachreiters rundeten das Programm in der Stadtkirche ab.

Auf dem Marktplatz bezauberte das Sozial- und Kulturzentrum der Ameos-Klinik die Gäste mit dem Flair der Fünfzigerjahre, die man lukullisch in Form eines großen nostalgischen Büfetts aber auch musikalisch noch einmal erleben konnte.

Südamerikanische Rhythmen kamen vom Rathausi-nnenhof, wo die legendären „Charchullas“ mit „Los Sombreros“ bei kühlen Drinks für Stimmung sorgten. Im Standesamt erfreute Jochen Gawehns seine Zuhörer mit ostpreußischer Mundart, während Klaus Nehring seine Gäste mit auf eine Dia-Reise durch Heiligenhafen nahm. Viel Zuspruch fanden auch die Bilder der Künstlerin Frauke Klatt, die im Obergeschoss des Rathauses zu sehen waren. Gleich neben dem Rathaus in der Galerie von Marianne Wolf zeichnet Heide Winter Porträts.

In der Bergstraße präsentierte sich die neue „Galerie G 17“ zum ersten Mal in der Kult(o)urnacht. Im Hause der Gebrüder Horn hatte die Bürgergilde Quartier gemacht und auf ihre große Tradition hingewiesen. Hier konnten die Besucher auch erleben, wie die Bleikugeln für die schweren Vorderlader gegossen werden. Lesungen in der Sparkasse und in der Buchhandlung Virchow oder afrikanisches Kochen auf getöpferten Kochstellen im Gemeindehaus waren weitere Programmpunkte.

Ohne das Heimatmuseum wäre eine Kult(o)urnacht nicht denkbar. Hier sorgte das Lübecker Duo Jan Baruschke (Violine) und Berenice Mifsud (Klavier) für eine musikalische Reise von der Klassik bis zum Tango. Die Führungen durch die Sonderschau „Schatzkiste Ostseestrand“ mit dem Diplom-Geologen Johannes Jannsen waren ebenfalls gut besucht. In der Stadtbibliothek genossen Kinder und Erwachsene das Malen mit Wiebke Meier, die Plattsnack-Stunde, Gospel mit „Friends4ever“ oder einem Reisebericht aus Südostasien von Christiane Stephan. Das Museumsschiff „Olifant“ stach zu Ausflugsfahrten in See, während im „Anno 1800“ „Labskaus und Musik“ serviert wurde. Die Kult(o)urnacht ging bei Erika Sarnow in der „Altdeutschen Bierstube“ mit der Kulturparty zu Ende.

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