Kurhaus „Baltic“ in Großenbrode von außen.
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Das Kurhaus an der E47 ist veräußert worden und wechselt zum Jahresende 2023 den Besitzer. Einen neuen Standort wird es nicht geben, das ist der Belegschaft in dieser Woche mitgeteilt worden.

Spätestens Ende 2023 ist Schluss am Standort

Kurhaus „Baltic“ in Großenbrode schließt: 70 Arbeitsplätze sind betroffen

  • Patrick Rahlf
    VonPatrick Rahlf
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Es war eine Schocknachricht, die die rund 70 Mitarbeiter des Kurhauses „Baltic“ am Dienstag erhalten haben: Die von der AWO betriebene Einrichtung in Großenbrode steht vor dem Aus. 

  • Die AWO hat das Kurhaus verkauft und wird sich aus Großenbrode zurückziehen.
  • Neubaupläne am Großenbroder Kai sind vom Tisch.
  • Belegschaft reagiert geschockt auf die Schließung.

Großenbrode – Das ist auf zwei Entscheidungen zurückzuführen, die in dieser Woche der Belegschaft verkündet wurden: Zum einen ist ein Kaufvertrag mit einem Immobilieninvestor für das bestehende Kurhaus an der E47 unterzeichnet worden, zum anderen hat AW Kur und Erholungs GmbH Geschäftsführer Andreas Frank bestätigt, dass kein Ersatzgrundstück in Großenbrode gekauft werden soll.

Doch der Erwerb eines neuen Grundstückes ist seit Jahren der nach außen kommunizierte Plan der Arbeiterwohlfahrt gewesen, sogar im Bauausschuss der Gemeinde ist das Vorhaben 2019 vorgestellt worden. Hintergrund: Im Zuge der geplanten Hinterlandanbindung zur Festen Fehmarnbeltquerung, die den vierspurigen Ausbau der Straße zwischen Puttgarden und Heiligenhafen zur Folge haben wird, wollte sich die AWO für ihr Kurhaus einen ruhigeren Standort suchen. „Unser Grundstück hat für einen Kurbetrieb keine Zukunft. Schweren Herzens müssen wir nun aber verkünden, dass wir uns aus Großenbrode zurückziehen werden und von unseren Neubauplänen zurücktreten“, bestätigte Andreas Frank der HP. 

Durch Corona keine Planungssicherheit 

Als Grund gibt er die Auswirkungen der Corona-Pandemie an, die es nicht erlauben würden, in naher Zukunft Großbauprojekte umzusetzen. „Wir haben keine seriöse Planungssicherheit und haben dem Leitungsteam vor Ort unsere Entscheidung mitgeteilt, die auch uns sehr schmerzt, aber alternativlos ist.“ Bis Ende 2023 soll der Betrieb weiterlaufen, „sodass alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mehr als zwei Jahre Zeit haben, sich beruflich umzuorientieren“, so der Geschäftsführer. 

„Wir haben bereits vor Jahren gemeinsam ein Grundstück am Kai ins Auge gefasst, auf dem wir der AWO sehr gerne ihre Neubaupläne ermöglicht hätten“, sagte Großenbrodes Bürgermeister Jens Reise (CDG), der gestern von der HP erfuhr, dass die AWO die Gemeinde verlassen wird. „Ich bin völlig baff und bedauere diesen Schritt sehr“, so Reise, schließlich zähle die AWO seit Jahren zu den größten Arbeitgebern der Gemeinde. 

Die Belegschaft steht derweil unter Schock und hat sich am Mittwoch an die HP gewandt. „Uns wurde mit der Nachricht der Boden unter den Füßen weggezogen. Es geht hier um 70 Arbeitsplätze, die fahrlässig aufs Spiel gesetzt wurden. Natürlich geht der Betrieb erst mal weiter. Aber wer arbeitet gerne mit der Gewissheit, dass die Sanduhr abläuft?“, heißt es von einer Mitarbeiterin, die anonym bleiben möchte (Name ist der Redaktion bekannt). 

„Das Haus läuft ohn ePerspektive aus“

Seit Jahren habe man sich darauf eingestellt, dass am Standort an der E47 irgendwann Schluss sei, parallel aber ein Neubau am anderen Ende Großenbrodes gebaut werde. „Und nun, aus heiterem Himmel, erhalten wir die Nachricht, dass man uns fallen lässt. Das Haus läuft ohne Perspektive aus. Hier hängen unsere Existenzen und die unserer Familien dran“, so ein Mitarbeiter (Name bekannt), der „einfach nur enttäuscht von der AWO“ sei. „Die eigenen Leitbilder werden von einem Wohlfahrtsverband achselzuckend mit Füßen getreten, die Glaubwürdigkeit wurde komplett verspielt.“

Dass das Kurhaus wirtschaftlich nicht tragbar sei, hält die Belegschaft derweil für ausgeschlossen. „Seit Jahren läuft es super hier, wir sind voll belegt“, sagte eine Mitarbeiterin (Name der Redaktion bekannt). Für unzählige Familien mit hilfebedürftigen Kindern, teilweise mit schwersten Behinderungen, sei das Kurhaus in den vergangenen Jahren eine Anlaufstelle gewesen und „ein echter Rückzugsort an der Ostsee“. Das sieht auch Geschäftsführer Andreas Frank so: „Großenbrode ist für uns zweifelsohne ein Aushängeschild.“

Was die Belegschaft besonders wütend macht, ist die Tatsache, dass die AWO über ein Alternativ-Grundstück in Großenbrode verfügt, aber auch dieses veräußert hat. Die Rede ist vom früheren Demenzhotel an der Strandstraße, das bereits vor einigen Jahren aufgegeben worden ist und nun an einen Hamburger Investor verkauft wurde. Laut AW Kur und Erholungs GmbH Geschäftsführer Andreas Frank sei das Grundstück „schlichtweg nicht geeignet“ gewesen. 

Betrieb bis Ende 2023 überhaupt darstellbar?

„Wir wollen die Öffentlichkeit darüber informieren, wie mit uns umgegangen wird. Und natürlich bleibt ein Fünkchen Resthoffnung, dass doch noch eine Lösung gefunden wird“, so eine Mitarbeiterin. Die Gefahr bestehe unterdessen, dass sich die ersten Angestellten schon zeitnah nach einer beruflichen Alternative umsehen und der Betrieb schon weit vor Ende 2023 eingestellt werden müsse. 

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