1930 zum ersten Mal in Heiligenhafen: Emil Sennhenn kann auf eine lange Stadtgeschichte zurückblicken

Die Warderstadt als zweite Heimat

+
Emil und Eva Sennhenn in ihrem Apartment im „Strandhotel“, wo sie in den letzten Jahren untergekommen sind. Seit 59 Jahren kommen sie nun schon gemeinsam jedes Jahr in die Warderstadt, um hier ein paar schöne Wochen zu verbringen.

HEILIGENHAFEN -mf- Gerade mal vier Jahre alt war Emil Sennhenn, als er 1930 das erste Mal zu Besuch in der damals noch deutlich weniger vom Tourismus geprägten Ostseestadt Heiligenhafen war. Von da an verbrachte der heute 92-Jährige fast jedes Jahr in der Warderstadt, mit der er zahlreiche Geschichten verbindet und die er seither als seine zweite Heimat liebgewonnen hat.

„Ich weiß gar nicht, wie oft ich jetzt schon hier gewesen bin“, sagte Emil Sennhenn im Gespräch mit der HP, während er neben seiner Frau Eva sitzt und aus dem Fenster des Apartments vom „Strandhotel“ direkt auf die Weite der Ostsee blickt. Früher hatte Emil Sennhenn mit seiner Familie immer im Thulboden in der Pension Brix gewohnt. „Drei Mark fünfzig kostete damals eine Nacht pro Person inklusive vier Speisen“, erinnerte sich Sennhenn. Alle Pensionen haben zu der Zeit das gleiche gekostet, nur das Kurhaus habe vier Mark fünfzig genommen. „Damals sind alle Gäste mit der Bahn gekommen, es gab noch keinen Autoverkehr in Heiligenhafen“, auch fließendes Wasser oder Kanalisation waren den Bewohnern der Warderstadt unbekannt. „Erst mit dem Bau der Kasernen gab es hier fließendes Wasser, bis dahin musste gepumpt werden“, sagte Sennhenn, der weiter erzählte: „Der Milchmann ist morgens durch den Ort gefahren und hat gebimmelt, jeder hat seine Milch geholt und dann war Ruhe im Ort, kein Autoverkehr. Man konnte sich gut erholen.“

Auch die Boote vor über 80 Jahren waren bei Weitem nicht so gut ausgestattet wie die heutigen. Eine schmale Rinne führte die Schiffe in den Hafen und weil diese noch keinen Motor hatten und sie mit dem bloßen Segel nicht gegen den Wind ankamen, musste getreidelt werden. „Die Pferde, die gingen dann am Ufer entlang und haben die Schiffe gegen Westen in den Hafen gezogen“, weiß Emil Sennhenn und erinnert sich an eine Geschichte noch besonders gut: „Wenn ich damals mittags schlafen sollte, dann bin ich heimlich im Schlafanzug raus an den Hafen gegangen und habe geschaut, welches Schiff gerade einläuft. Eines schönen Tages, es hat wieder getutet, weil ein Schiff einlief, ging ich erneut zum Hafen und sehe, wie Reichsmarschall Hermann Göring angefahren kommt“, er fängt an zu lachen: „Und ich stand da ganz alleine in meinem Schlafanzug und Herr Göring stieg aus und es war außer mir kein Mensch da, der ihn empfangen hat.“ Erst später kam der damalige Bürgermeister Max Bunge, um den Gast zu begrüßen, der sich wahrscheinlich nach dem Fortschritt der Kasernenbauten erkundigen wollte.

Bis zum Krieg war Emil Sennhenn bis auf eine Ausnahme jedes Jahr mit seiner Familie in Heiligenhafen im Urlaub. Anfang des Jahres 1944 wurde der damals 18-Jährige Soldat und kam nach der Kapitulation nach Tschechien in sowjetische Gefangenschaft. „Die ganze Zeit über hatte ich in Gefangenschaft ein kleines Foto bei mir. Darauf war meine Mutter am Strand zu sehen und die Insel Fehmarn im Hintergrund. Ich habe mich gefragt, ob ich da wohl nochmal hinkomme und es erschien mir fast unmöglich“, erinnert sich Emil Sennhenn an die dunklen Zeiten, die der zweite Weltkrieg verursacht hatte. Erst 1948 passierte das unmöglich Erscheinende und Emil Sennhenn konnte zu seiner Mutter und Schwester zurückkehren. „Wir sind 1948 nach der Währungsreform Anfang August nach Heiligenhafen gefahren, hier konnte ich mich erst von der Kriegszeit richtig erholen.“ Auch an die Bezugsmarken, mit denen die Familie das Essen bezahlen musste, erinnert sich der 92-Jährige noch gut.

1955 reise Emil Sennhenn zum ersten Mal mit seiner Frau Eva in die Warderstadt, die auf 59 Jahre zurückblicken kann, in denen sie ununterbrochen mit ihrem Mann die kleine Ostseestadt besuchte. Auch die vier Kinder kennen Heiligenhafen von klein auf und sind bis heute mit dem schönen Örtchen verbunden. Und auch den neun Enkelkindern ist die Warderstadt nicht unbekannt.

„Jetzt sind wir wahrscheinlich das letzte Jahr hier“, sagte Eva Sennhenn, deren Mann mit 90 Jahren die Strecke von Darmstadt, die Heimat des Ehepaares, noch selber bewältigte. Mittlerweile wird das Paar von den Kindern in ihren Lieblingsurlaubsort gebracht und abgeholt. „Es war Tradition nach Heiligenhafen zu fahren“, sagte Emil Sennhenn abschließend, der fast 90 Jahre auf die Entwicklung einer Stadt zurückblicken kann, die bis heute ein gern gewähltes Reiseziel und eine geliebte Heimat ist.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Regeln fürs Kommentieren: Bitte bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht.